Übungen


Mühen vor der Ernte - Monotonie des Immergleichen
Mühen vor der Ernte - Monotonie des Immergleichen

Dingen, die sich durch Übung verbessern lassen, haftet nicht selten der Ruch des Profanen an, denn einem Genie fällt, was anderen viel Mühe und Schweiß kostet, gleichsam als Gabe der Götter in den Schoß. Der Gedanke, vom Schicksal begünstigt zu sein, hat zweifellos erheblichen Charme, doch: Wer kann das sicher von sich behaupten und wer möchte im Zweifelsfalle wirklich darauf bauen?

Will man Demokrit Glauben schenken, so werden jedoch „mehr Leute durch Übung tüchtig, als durch Anlage"[1]. Mag sich daran seit zweieinhalb-tausend Jahren auch wenig geändert haben, so stellt sich konkret die Frage, wie und was geübt werden soll.

 

Im Pétanque – wie auch auf vielen anderen Gebieten – finden wir das Phänomen, dass Handlungen dann am besten gelingen, wenn sie mit nicht zu viel Ehrgeiz und Bewusstheit umgesetzt werden[2]. Andererseits stehen wir im Spiel immer wieder vor konkreten Aufgaben, die es zu Lösen gilt; deren Bewältigung andere von uns erwarten – Herausforderungen mithin, die oft über Stunden hinweg der Bewältigung harren. Wie sollen wir uns darauf vorbereiten?

 

Beim Einspielen und mehr noch beim Üben ohne Partner, ist es sicher richtig, zunächst einmal locker zu werfen, um das Gefühl für den eigenen Wurf hervorzurufen, ohne zuviel damit zu verbinden. Soll aber darüber hinaus geübt werden, ist es sinnvoll, sich bestimmte Aufgaben zu stellen. So wird ein gewisser Druck aufgebaut, der uns im Spiel – dann allerdings in stärkerer Ausprägung – bald wieder begegnen wird. Es ist dabei zudem Konzentrationsvermögen gefordert, das sich bekanntlich durch steten Gebrauch zu bessern pflegt. Nicht zuletzt ist alles eine Frage der Motivation: Nur was uns herausfordert, hält uns auch bei der Stange, nur wenn wir lange genug dabei bleiben, ernten wir auch, was wir gesät haben.

 

Wir wollen nun an dieser Stelle einige Übungen zusammenstellen, derer sich der Spieler bedienen mag, der sich einmal nicht mit anderen messen möchte; dem es aber auch nicht ausreicht, die Kugeln einfach nur fliegen zu lassen – was freilich zuweilen sehr beglückend sein kann. Treten wir also ein, in den Wettstreit mit uns selbst...


Drei nebeneinander

Aufbau: Drei Kugeln werden so nebeneinander positioniert, dass ihr Abstand etwa ein bis zwei Kugeldurchmesser beträgt.

 

Aufgabe: Es wird versucht, alle drei Kugeln nacheinander durch Schüsse zu entfernen. Dabei beginnt man auf relativ kurze Distanz und steigert diese, sobald die Aufgabe erfüllt ist. Beispielsweise wird auf 6 m begonnen, um nach drei aufeinander folgenden Treffern auf 6,5 m zu gehen, dann auf 7 m usw.

 

Was wird dabei geübt? Ziel ist es, sich an eine spezifische Spannung zu gewöhnen, die auch im Spiel aufkommt. Nach zwei Treffern ist man versucht, sich beim dritten Versuch besonders zu bemühen, um den Bereits erzielten Teilerfolg zu komplettieren und eine Stufe aufzurücken. Genau dadurch verhindert man häufig den Erfolg. Zu lernen, auch unter Druck jeden Wurf in derselben Weise auszuführen, ist von großer Wichtigkeit. Die Übung hat den unschätzbaren Vorteil, den Spieler automatisch an jenen Punkt zu führen, den er weniger gut beherrscht und ihn dort verharren zu lassen. Geübt wird also das, was man nicht vermag und nicht das, was ohnehin schon beherrscht wird.

 

Variante: Anstatt die Entfernung stetig zu steigern, kann man sich bestimmte Entfernungen fix auswählen. Ziel ist es dann, mehrere perfekte Treffersequenzen hintereinander zu schaffen. Hat man also drei Treffer gesetzt, muss der nachfolgende Wurf wiederum drei Treffer erbringen. Erst dann ist die Aufgabe erfüllt. Schwer, gewiss. Um sich nicht zu sehr zu frustrieren, kann man sich auch damit begnügen, zwei von drei getroffenen Kugeln als Erfolg zu werten.

Mehr noch als in der Grundübung, geht es hier darum, sich über längere Zeit auf eine schwierige Aufgabe zu konzentrieren. Das Beibehalten der immer gleichen Entfernung lässt uns zudem genug Zeit, die hierfür notwendige Technik zu vertiefen.

Anmerkung: Anfangs mag es der Spieler als Bürde empfinden, schon ein oder zwei Treffer gesetzt zu haben und nun nicht verfehlen zu dürfen. Man macht jedoch im Laufe der Zeit die Erfahrung, dass sich kurz zuvor erfolgte Treffer besonders gut reproduzieren lassen, weil der Gesamteindruck des Wurfes noch frisch ist und man sich buchstäblich mit jeder Faser des Körpers erinnert, wie der Erfolg bewerkstelligt wurde. Zu lernen, diesen Effekt für sich zu nutzen, macht Trefferserien wahrscheinlicher und eröffnet dem Spieler die Möglichkeit, eine Vielzahl neuer Taktiken erfolgreich einzusetzen.

Drei hintereinander

Aufbau: Drei Kugeln werden so hintereinander ausgelegt, dass ihr Abstand etwa zwei bis drei Kugeldurchmesser beträgt. Wie oben bereits geschehen, beginnt man auf kürzere Distanz, um sich dann zu steigern.

 

Aufgabe: Es wird nun versucht, die Kugeln, beginnend mit der weitest gelegenen, per Schuss zu entfernen.

 

Was wird geübt? Die jeweils davor liegenden Kugeln zwingen dazu, der Schusskugel eine ausgeprägt bogenförmige Schussbahn zu geben[3], denn es sind fast nur direkte Treffer möglich. Gefördert wird mithin eine saubere Schusstechnik.

 

Variante A: Es wird versucht, nur die mittlere Kugel zu entfernen. Beide Nachbarkugeln müssen an ihrem Platz verbleiben. Ihre jeweiligen Abstände sollten für diese Aufgabe so gering wie möglich gewählt werden.

 

Was wird geübt? Der Schütze übt sich darin, eine Kugel nicht einfach irgendwo zu treffen, sondern an einer bestimmten Stelle. Nur wenn er nicht zentral trifft, kann er sicher sein, die Aufgabe zu erfüllen. Einen bestimmen Punkt auf der Kugel anzuvisieren, also „enger“ zu zielen als es meist erforderlich ist, stellt ein bewährtes Verfahren zur Steigerung der Präzision dar [4]. Als Nebeneffekt wächst durch diese Übung das Selbstvertrauen, eine Kugel ohne unerwünschten Konter entfernten zu können, denn tatsächlich kommen zentrale Treffer ohnehin nicht so häufig vor – eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

 

Variante B: Das Spiel mit der Kontergefahr kann noch vertieft werden, indem es zur Aufgabe gemacht wird, alle Kugeln, diesmal beginnend mit der nächstliegenden, zu entfernen, ohne die jeweils dahinter sich befindende zu tangieren.

Wiederum hat man bei allen Varianten die Wahl, bei Erfolg, entweder die Distanz zu erhöhen, oder nur eine bestimmte Zahl von erfolgreich absolvierten Sequenzen als Erfolg zu werten.

Zweimal Legen und ein Schuss

Aufgabe: Es wird ein Cochonnet ausgeworfen und sodann eine Kugel so gut wie möglich gelegt. Daraufhin wird mit einer zweiten Kugel versucht, diese noch besser zu platzieren. Die verbleibende dritte Kugel ist zwingend einem Schuss vorbehalten. Zu entfernen ist die besser gelegene, der beiden zuvor gespielten Kugeln – und nur diese. Gelingt das, so wird ein Punkt auf der Habenseite verbucht. Die Übung wird fortgesetzt, bis eine zuvor festgelegte Mindestzahl an errungenen Punkten erreicht ist.

 

Was wird geübt? Alles, möchte man sagen, und darin liegt der große Vorteil dieser Übung. Sie ist sehr nah an die Anforderungen angelehnt, die einem im Spiel begegnen [5]. Durch das stets neue Auswerfen des Cochonnet variiert die Schussentfernung. Das stete Wechseln zwischen Legen und Schießen ist ein Standard, der Pétanque schwieriger macht und auf den man sich einstellen muss. Das Zählen der Punkte bewirkt einen zusätzlichen Druck, denn das Gesamtziel soll ja möglichst schnell und souverän erreicht werden. Will man dieses Element noch steigern, kann eine Zählweise Anwendung finden, wie sie in der nächsten Übung beschrieben wird.

Einmal legen und zwei Schüsse

Aufgabe: Ein Cochonnet wird ausgeworfen und sodann eine Kugel so gut wie möglich platziert. Mit den verbleibenden beiden Kugeln gilt es nun, diese per Schuss zu entfernen – man hat also zur Bewältigung der Aufgabe immer zwei Versuche. Gelingt das, so erhält man einen Punkt. Scheitert man, so wird ein Punkt vom Konto abgezogen. Beispielsweise kann man das Spiel mit drei Pluspunkten beginnen und versuchen, 13 Punkte zu erreichen. Hat man sich auf null gebracht, ist man gescheitert.

 

Was wird geübt? Wieder ist es der stete Wechsel von Distanzen und Bewegungsmustern, auf den wir uns mit dieser Übung vorbereiten können. Zudem führt die spezielle Zählweise dazu, eine gewisse Spannung zu erzeugen, auch wenn man nur ganz allein auf dem Bouleplatz operiert. Das Erreichte darf nicht wieder verloren gehen; je näher man der Zielmarke kommt, desto stärker stellt sich das Gefühl ein, es gehe tatsächlich um etwas. Je mehr man sich der Null nähert, desto vehementer ist man bemüht, sich der Niederlage entgegenzustemmen. Dieses Bemühen ist es, das im Spiel nicht selten Unheil anrichtet und es ist gut, sich übend eigens darauf vorzubereiten.


Soloübungen sind eine Medizin, die vielen nicht schmeckt; die verwahrt wird, in der Ansicht, man könne irgendwann – bei besserer Gelegenheit – Gebrauch von ihr machen – meist ist das dann der „St. Nimmerleinstag“. Das mag an der falschen Herangehensweise liegen: Einerseits degenerieren Übungen schnell zu uninspiriertem Herumwerfen, und werden dann als belanglos empfunden, andererseits führen Übungen, deren Schwierigkeitsgrad zu hoch bemessen ist, schnell zu Frustration. Der Nutzen stellt sich zudem selten unmittelbar ein. Er zeigt sich erst nach längerem Bemühen - fatalerweise meist erst dann, wenn viele bereits wieder abgesprungen sind, hoffend, auch im Wettkampf das Nötige lernen zu können. 

 

Hier wurden nun einige Übungen zusammengetragen, die keiner sonderlichen Vorbereitung bedürfen, deren Schwierigkeitsgrad individuell angepasst werden kann und die eine gewisse Herausforderung darstellen. Sie geben dem Spieler die Möglichkeit, Zielorientiert zu üben und sich daran zu gewöhnen, die eigene Konzentration über längere Zeiträume aufrecht zu erhalten. Die zu absolvierenden Aufgaben sollten jedoch nicht dazu verleiten, einen typischen Fehler zu begehen, den das zielorientierte Handeln mit sich bringt – nämlich durch zu starkes Wollen den Bewegungsablauf ungünstig zu beeinflussen. Dieses Problem wird detailliert im Aufsatz:“Bewegungsorientierung – Zielorientierung“ beschrieben. Abgesehen von allen vordergründigen Zielsetzungen, um derer Willen geübt wird, muss der Sinn des Trainings stets darin gesehen werden, den nie ganz beherrschbaren Konflikt von Ziel- und Bewegungsorientierung möglichst gering zu halten.

 

Thorsten


Anmerkung: Man wird nun einwenden können, die Übungen seien nicht der Rede wert, sie seien nahezu Allgemeingut, würden ohnehin von nahezu jedem praktiziert. Das mag stimmen, doch sind es nur die wenigsten, die wirklich regelmäßig, ganz allein für sich und abseits des Tagesgeschäftes exerzieren. Von diesen wiederum ist es nur eine Minderzahl, die derartige Übungen mit der beschriebenen Systematik betreibt, also mit einer Zählweise, die ganze Wurfsequenzen zusammenfasst - genau darauf aber, kommt es an. 


[1] Demokrit war ein bedeutender Philosoph der im klassischen Griechenland wirkte. Er wurde 460 v.Chr. geboren und starb im Jahre 371 v.Chr (beides nicht ganz gesichert). Zu seinen bedeutendsten Erkenntnissen zählt die Lehre, die Welt sei aus kleinsten Teilchen - den Atomen - aufgebaut. Auch zu Fragen der Kausalität hat er Bedeutendes beigetragen: "Nichts geschieht ohne Ursache, sondern alles hat einen ausreichenden Grund." 

Einen guten Überblick bietet: "Die Vorsokratiker - herausgegeben von Wilhelm Capelle; Alfred Kröner Verlag - Stuttgart. Obiges Zitat findet sich auf S. 461. Ebenfalls dort: "Viele Menschen, die keine Vernunft gelernt haben, leben doch vernünftig". Auch dem nicht explizit lernenden bleibt eine Entwicklung nicht zwangsläufig versagt - beruhigend! Siehe auch: "Üben oder nicht üben?"

 

[2] Diese Einsicht vermittelt sich durch die Lektüre des Büchleins: W. Timothy Gallway

Tennis – Das Innere Spiel

Taschenbuch: 256 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

Preis: 8,99 Euro

(siehe hierzu auch den Lexikonartikel: Das innere Spiel)

Sie - die Einsicht - wird in vielen Artikeln im Boulelexikon aufgegriffen und ist einer der roten Fäden, die dessen Texte durchweben.

 

[3] Zur Bedeutung bogenförmiger Schussbahnen siehe: "Der Mythos vom Zielen" und "Flach oder auf Eisen?"

[4] Siehe hierzu: "Enger zielen, besser treffen"

[5] Insbesondere ist diese Übung für den Spieler geeignet, der in der Mannschaft am flexibelsten zu agieren hat - der MILIEU. Freilich ist jeder Spieler gut beraten, sich auch auf Aktionen vorzubereiten, die nicht der augenblicklich in der Mannschaft eingenommenen Position entsprechen. In Sonderheit wird der Schütze immer wieder gezwungen sein, durch gutes Legen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, auch wenn ihn das aus dem Rhythmus bringt. Ebenso kann der Leger durch beherztes Schießen eine aggressive Taktik erst so richtig ins Rollen bringen. Die Schulung der Flexibilität lohnt sich in jedem Falle. 

 


Aufruf: Mit Sicherheit kennen viele Leser noch weitere Übungen, die im oben beschriebenen Sinne eingesetzt werden können. Wer mag, kann sie mir ja mal unter Boule-am-Loewenwall@t-online.de zusenden.