Donnée II


- Entwickling -


Manchmal muss man Umwege machen,

um auf den richtigen Weg zu kommen!

                                                    Anonymus  


Geometrisch gesehen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine gerade Linie. Intuitiv halten wir daher kurze und direkte Wege für effizient. Beim Pétanque müssen wir von diesem Gedanken lassen, denn hier kann das Erreichbare nur indirekt erlangt werden. Anfänger ziehen das ebenso wenig in Betracht, wie es Fortgeschrittenen noch bewusst ist.

 

Boule - Petanque / Tipps & Tricks
Ziele auf Umwegen erreichen - im Pétanque unerlässlich

 

Umwege führen zum Ziel:
Beim Schießen wird eine Pétanquekugel nicht direkt auf ihr Ziel "abgefeuert", sondern beschreibt eine bogenförmige Bahn. Erst nach Erreichen eines Scheitelpunktes fällt sie auf ihr Ziel, zu dessen Entfernung sie geworfen wurde. Beim Legen verhält es sich ähnlich: Hier muss die Kugel zunächst einen bestimmten Punkt des Bodens berühren, von dem aus sie dann rollend ihr Ziel erreicht. Dieser Punkt, der die Bezeichnung"Donnée" trägt, ist das Wichtigste im ganzen Spiel. Von der Aufmerksamkeit, die ein Spieler seinem Donnée widmet, hängt nicht nur das Gelingen des konkreten Wurfes ab [1], sondern seine Entwicklung als Spieler überhaupt. Hier entscheidet sich, ob er das Spiel in seiner vollen Tiefe auszuloten vermag.

 

Das Donnée, die graue Eminenz:

Anfänger sehen nur das meist auffällig gefärbte Cochonnet bzw. Schweinchen und lenken ihre Kugeln irgendwie in dessen Richtung. Zu ihrem Unglück erzielen sie damit manchmal erstaunliche Erfolge und übersehen dabei, wie wichtig es ist, den Boden genau zu studieren. Alle fortgeschrittenen Spieler haben dagegen irgendwann begonnen, den Umweg, den die Kugel über das Donnée nimmt, in ihr Denken mit einzubeziehen. Sie legen also ihre Kugeln in Richtung des unauffälligen Donnée und nicht auf das meist schrille Cochonnet zu.

 

Spielern die diesen Ansatz ignorieren, wird es niemals hinreichend gelingen, sich vorab eine genaue Vorstellung der Vorgänge zu bilden, die vom Moment des Loslassens der Kugel bis zum Eintreten ihres Stillstandes stattfinden. Sie werden weder die exakte Flugbahn vorhersehen, noch vorausahnen, was im Moment des Aufpralls geschieht und wie sich die Kugel danach fortbewegen wird. So schmieden sie nie einen detaillierten Plan, sondern haben stets nur ein Gefühl, was sie sofort hilflos werden lässt, sobald es sie trügt – ein Moment, der unweigerlich kommen wird.


Vom Nutzen der Planung:

Das Gelingen oder Scheitern von Plänen kann im Nachhinein analysiert werden und ist nicht nur die Grundlage des Ersinnens von Maßnahmen, sondern des Sammelns von Erfahrung überhaupt.

Das Wort "Donnée" bedeutet auch "Grundlage". Wir haben es dabei nicht nur mit der Grundlage des jeweiligen Wurfes zu tun, sondern mit der Grundlage jedweder Entwicklung des Spielvermögens.

 

Sich aus Nachlässigkeit kein Donnée zu suchen, bedeutet, den Ausgang des Wurfes reinem Glück zu überlassen und die eigene Entwicklung zu sabotieren – ein Pétanquespieler kann sich keinen schlechteren Dienst erweisen.

 

Vom Nutzen der Aufklärung:

Von besonderer Bedeutung ist das Aufklären fremder Données. Im Spiel bringt es enorme Vorteile, den Weg zum Ziel schon zu kennen [2]. Durch Beobachten lernt man zudem viel über die Techniken der Mitspieler. Der Versuch, – der unbedingt unternommen werden sollte – da erfolgreich zu sein, wo jemand bereits sichtbaren Erfolg hatte, deckt technische Defizite auf und enthüllt, wo Übungsbedarf besteht.

 

Vom Nutzen der Wiederholung:

Freilich ist es zunächst erstrebenswert, die eigenen Données mehrfach auf dieselbe Weise anzuspielen [Zwillinge]. Einer guten Kugel können dann noch weitere folgen. Die Entwicklung dieser Fähigkeit erzeugt nicht nur Druck im Spiel, sondern zwingt auch zur Selbstbeobachtung – die Grundlage jedweder positiven Entwicklung des Spielvermögens. Um einen Wurf identisch zu wiederholen, muss nicht nur dasselbe Donnée erneut getroffen werden, auch die Wurfbewegung muss identisch sein. Durch die Achtsamkeit für sein Donnée erzieht sich ein Spieler zwangsläufig dazu, stets vor der eigentlichen Handlung ein inneres Abbild des Wurfes in sich heraufzubeschwören – eine der wichtigsten mentalen Techniken erfolgreicher Sportler [3].

 

Die entscheidende Wende:

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass durch die simple Entscheidung, dem Aufschlagpunkt der Kugel Beachtung zu schenken, das Spiel eine Art "kopernikanische Wende" [4] erfährt. Es dreht sich eben nicht alles um das gut sichtbare Cochonnet, sondern vieles um das unsichtbare Donnée. Ist diese Wende vollzogen, hört man auf, 700g Stahl in Richtung eines Zieles zu "schmeißen" und beginnt, eine Art Schach mit Kugeln zu spielen, für deren immer präzisere Handhabung es dann keine Grenze mehr gibt.

 

 

Thorsten



Anmerkung: "Donnée" ist im Französischen weiblich. Man könnte also auch den Artikel "die" verwenden. Ich habe darauf verzichtet, weil sich der verwendete Sprachgebrauch bereits durchgesetzt hat. 


Ergänzung: Ein Donnée darf von den Spielern untersucht und bedingt präpariert werden. Das erläutert folgender Film:

https://www.youtube.com/watch?v=hSh9F48fLYA&list=PL3dBHaaK78Qj2fcIpTsIOW9QaTZCJahM_&index=5