Donée


„Wer Erfahrungen machen will,

muss Umwege gehen“

                                     Andrzej Sczypiorsky 


Indirekt zum Ziel: Im Pétanque sind Umwege unerlässlich
Indirekt zum Ziel: Im Pétanque sind Umwege unerlässlich

 

Geometrisch gesehen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine gerade Linie. Intuitiv halten wir daher kurze und direkte Wege für effizient. Beim Pétanque müssen wir von diesem Gedanken lassen, denn hier kann das Erreichbare nur indirekt erreicht werden. Anfänger ziehen das ebensowenig in Betracht, wie es Fortgeschrittenen noch bewusst ist.

 

Umwege führen zum Ziel:

Ein Schuss wird nicht direkt auf sein Ziel "abgefeuert", sondern beschreibt eine bogenförmige Bahn. Erst nach Erreichen des Scheitelpunktes fällt er auf die Kugel, die es zu entfernen gilt. Beim Legen verhält es sich ähnlich: Hier muss die Kugel zunächst an einem bestimmten Punkt den Boden berühren, von dem sie dann zum Ziel läuft. Dieser Punkt wird als Donnée bezeichnet und soll uns nun näher beschäftigen, denn es ist der wichtigste Punkt im Pétanque. Von der Aufmerksamkeit, die ein Spieler dem Donnée widmet, hängt ab, ob er das Spiel in seiner vollen Tiefe auszuloten vermag.

 

Das Donnée, die graue Eminenz:

Anfänger sehen nur das Cochonnet bzw. Schweinchen und lenken ihre Kugeln irgendwie in dessen Richtung. Wenn sie Pech haben, erzielen sie damit erstaunliche Erfolge und übersehen dabei den Boden als wesentliche Einflussgröße. Alle guten Spieler haben irgendwann begonnen, den Umweg, den die Kugel über das Donnée nimmt, in ihre Gedanken mit einzubeziehen. Sie legen also ihre Kugeln auf das Donnée und nicht auf das Cochonnet zu!!!

Weniger gute Spieler ignorieren stoisch diesen Ansatz und gewöhnen sich dadurch nicht an, stets detaillierte Pläne zu schmieden, die den genauen Kugelweg abbilden. Das funktioniert eben nur, indem der Aufschlagpunkt der Kugel vorher festgelegt wird.

 

Vom Nutzen der Planung:

Das Gelingen oder Scheitern dieser Pläne kann im Nachhinein analysiert werden und ist die Grundlage für das Sammeln von Erfahrung. Das Wort "Donnée" bedeutet auch "Grundlage". Wir haben es hier somit nicht nur mit der Grundlage des jeweiligen Wurfes zu tun, sondern mit der Grundlage jedweder Entwicklung des subtileren Spielvermögens.

Die Nachlässigkeit, sich kein Donnée zu suchen, sollte daher so bald wie möglich aufgegeben werden! Wird dieser Rat konsequent beherzigt, biegt man mit Sicherheit an einer der wichtigsten Kreuzungen auf den verschlungenen Wegen des Pétanque richtig ab.

 

Vom Nutzen der Aufklärung:

Von besonderer Bedeutung ist das Ausspionieren fremder Données. Im Spiel bringt es enorme Vorteile, den Weg zum Ziel schon zu kennen. Durch Beobachten lernt man zudem viel über die Techniken der Mitspieler. Versuche diese zu kopieren, indem deren Données nachgespielt werden, zeigen schnell, wo Übungsbedarf besteht.

 

Vom Nutzen der Wiederholung:

Freilich ist es zunächst erstrebenswert, die eigenen Données mehrfach auf dieselbe Weise anzuspielen. Einer guten Kugel können dann noch weitere folgen. Die Entwicklung dieser Fähigkeit erzeugt nicht nur Druck im Spiel, sondern zwingt auch zur Selbstbeobachtung - die Grundlage jedweder positiven Entwicklung des Spielvermögens. Automatisch offenbaren sich so Fehler und Marotten und können ausgemerzt werden.

Die Auswahl eines bestimmten Punktes ist das eine, das Vermögen ihn zu treffen, etwas ganz anderes. Übung macht den Meister und ist in doppelter Hinsicht nicht verschwendet. Wer die Fähigkeit erwirbt, einen Punkt bogenförmig anzuspielen, schafft sich eine Grundlage, die ihm beim Schießen noch gute Dienste leisten wird.

 

Die entscheidende Wende:

So sehen wir, dass durch die simple Entscheidung, dem Aufschlagpunkt der Kugel Beachtung zu schenken, das Spiel eine Art "kopernikanische Wende" erfährt. Es dreht sich eben nicht um das gut sichtbare Cochonnet sondern um das unsichtbare Donnée. Ist diese Wende erst vollzogen, hört man auf, 1,5 Pfund Stahl in Richtung eines Zieles zu "schmeißen" und beginnt, eine Art Schach mit Kugeln zu spielen, für deren immer präzisere Handhabung es dann keine Grenze mehr gibt.

 

Thorsten


Anmerkung: "Donnée" ist im Französischen weiblich. Man könnte also auch den Artikel "die" verwenden. Ich habe darauf verzichtet, weil sich der verwendete Sprachgebrauch bereits durchgesetzt hat. 


Ergänzung: Ein Donnée darf von den Spielern untersucht und bedingt präpariert werden. Das erläutert folgender Film:

https://www.youtube.com/watch?v=hSh9F48fLYA&list=PL3dBHaaK78Qj2fcIpTsIOW9QaTZCJahM_&index=5