Existiert der ideale wurf?

- Die Bedeutung von Körpergefühl und Konstanz -


Viele Wege führen nach Rom“

                                                      Sprichwort


Technik: Drei, wie an der Leine gezogen - so wünscht man sich die Kugeln im Spiel
Technik: Drei, wie an der Leine gezogen - so wünscht man sich die Kugeln im Spiel

Die Suche nach dem idealen Wurf bewegt im Pétanque Anfänger und Fortgeschrittene. Geht es zunächst um Grundsätzliches, so gewinnen im Laufe der Zeit Details an Bedeutung. Selten wird jedoch hinterfragt, ob ein idealer Wurf unabhängig von einer konkreten Person überhaupt existieren kann. Wäre es so, dann sollte er leicht zu ermitteln sein: Man sehe sich eine gewisse Anzahl von Videos an, in denen Meister ihr Können zelebrieren. Voilà, Problem gelöst – doch, so leicht ist es natürlich nicht.

Koordination: Den Kurs halten durch Gefühl
Koordination: Den Kurs halten durch Gefühl

Der eine und einzige „richtige Wurf“ existiert nicht:

Wohl lässt sich dabei ein gemeinsamer Nenner finden[1], doch handelt es sich dann mehr um eine Herangehensweise, die von Spieler zu Spieler deutlich variiert. Von einem einheitlich „richtigen“ Wurf kann nicht die Rede sein[2]. Eigentlich wäre zu erwarten, dass bei der erbarmungslosen Konkurrenz, wie sie unter den Besten vorherrscht, nach dem Evolutionsprinzip: „Survival of the fittest“ sich „der richtige Wurf“ quasi von ganz allein herausbilden müsste – wer ihn nicht beherrscht, scheidet aus. Dass es hierzu offensichtlich nicht kommt, ist bemerkenswert und ein starkes Indiz dafür, dass ein universeller, idealer Wurf überhaupt nicht existiert. Wie sinnvoll ist es, ein Phantom zu jagen?

Die Präzision einer Mechanik taugt als Bild, um Zusammenhänge kenntlich zu machen...
Die Präzision einer Mechanik taugt als Bild, um Zusammenhänge kenntlich zu machen...

Auswirkungen auf Entwicklungsziele – wonach soll man streben?

Existiert kein objektiv perfekter Wurf, dann liefern Videostudien der Besten nicht ein exakt nachzuahmendes Bild, sondern Teile eines Spektrums, innerhalb dessen wir uns sinnvollerweise bewegen können. Innerhalb dieser Bandbreite gibt es nichts grundsätzlich Falsches, erst außerhalb dessen liegt der Bereich des Untauglichen.

 

Ein Spieler, der (s)einen recht brauchbaren Wurf bereits gefunden hat, kann seinem Fortkommen erheblichen Schaden bei dem Versuch zufügen, ein von seinem Lieblingsprofi abgeschautes Detail einfach kopieren zu wollen. Das lässt nämlich außer Acht, dass der Pétanquewurf ein Produkt der Kontraktion einer Vielzahl von Muskeln ist; dass mehrere Gelenke daran beteiligt sind; dass der ganz Körper involviert ist – dass also das Werfen aus einem System von Einzelfaktoren hervorgeht. Ein Teil zu verändern macht die Justage aller übrigen Elemente erforderlich. Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass ein Umlernen bei langjährigen Spielern auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen kann, denn mühsam gepäppelte Automatismen lassen sich eben nur ungern einfach schnöde abservieren. Rechtfertigt der zu erwartende Erfolg die aufzuwendenden Mühen?

... der Mensch ist aber mehr als dies.
... der Mensch ist aber mehr als dies.

Sollte die Herangehensweise anders ausgerichtet werden?

Ohne die Existenz einer universell richtigen Bewegungsabfolge ist es kaum sinnvoll, einen bestimmten Wurf exakt kopieren zu wollen. Besser als Handlungsmuster einfach nachzuahmen, erscheint es somit, beim Üben zielorientiert vorzugehen – was erfolgreich ist, kann nie ganz falsch sein:

Hat sich ein Wurf herausgebildet, der es zulässt, alle gängigen Entfernungen locker zu erreichen; der leicht aus der Hand geht; bei dem man gleichgewichtig zu stehen in der Lage ist; und der vor allem reproduziert werden kann, dann hält man damit bereits das Instrument in Händen, mit dem sich weiter an dem arbeiten lässt, was Ziel aller Bemühungen sein sollte – Präzision und Kontinuität innerhalb des eigenen Werfens zu steigern, denn erst, wenn sich unsere individuellen Würfe von Mal zu Mal kaum mehr voneinander unterscheiden, werden wir uns verbessert finden[4]. Man könnte es auch so formulieren: Hast Du ein Werkzeug, dann lerne es kennen und gebrauchen und sieh, was Du damit alles anstellen kannst, bevor du dir gleich ein weiteres zulegst, nur, um beide unzureichend zu beherrschen.

Achten wir beim Üben auf die falschen Dinge?
Es liegt auf der Hand, dass sich aus dem Gesagten Konsequenzen für das Erlernen von Bewegungsabfolgen ergeben müssen: Es geht um ein Finden, nicht um ein Kopieren. Ähnlich der Koordination innerhalb der Mannschaft, geschieht es auch hier, bei der Koordination von Muskeln und Gelenken: Dem Spieler sollte kein Verfahren vorgegeben-, sondern eine Aufgabe gestellt werden, bei deren Lösung er das für ihn optimale Verfahren schließlich selbst finden wird.

Schlussbetrachtungen
Komplexe Bewegungen zu koordinieren, braucht es vor allem Gefühl, denn das Körpergefühl ist es doch letztlich, das uns in die Lage versetzt, die richtigen Bewegungen im rechten Moment auszuführen; die Kugel so fein zu erspüren und so sensibel zu handhaben, dass sie ihr Ziel auch findet. Ein Spieler braucht sich zwar nicht jederzeit seiner Handlungen bewusst zu sein; will er erfolgreich sein, so ist er jedoch dringend darauf angewiesen, sein Handeln jederzeit exakt zu erfühlen. Dieses wird von vielen systematisch unterschätzt, die Verbesserungen nur von Veränderungen ihrer Technik erwarten.

Existiert kein Idealwurf, so ist es für Fortgeschrittene oft kontraproduktiv, immer wieder Bewegungsdetails willentlich zu verändern und damit von der unbewussten zur bewussten Ebene des Denkens zu wechseln. Sie stören damit die eigentlich erstrebte Verbesserung ihres Handelns. Diese ist – ab einer gewissen Erfahrungsstufe – weniger von der Technik zu erwarten als von dem Vermögen, die Bewegung flüssig und ohne nachzudenken vollziehen zu können. Gerade dann, wenn ihr Wurf zur Reife gelangen könnte, brechen sie ab und beginnen wieder ganz von vorn.

Akzeptiert man, dass Spieler auf individuell unterschiedlichen Wegen zu gleich guten Ergebnissen gelangen, fällt es leichter, weniger nach außen- und mehr nach innen zu schauen. Obgleich sich nämlich Würfe von Spieler zu Spieler unterscheiden, zeichnen sich Topspieler dadurch aus, dass Sie in der Lage sind, ihren individuellen Wurf mit einer märchenhaften Präzision und Konstanz auszuführen. Das Bestreben muss es also sein, individuell zu möglichst homogenen Würfen zu gelangen, und die gegebene Heterogenität im Vergleich mit Vorbildern hintanzustellen.

Es führen viele Wege nach Rom –

jeden davon muss man jedoch bis zum Ende gehen,

um anzukommen.  

 

Thorsten


Anmerkung 1: Ich wurde durch die Dissertation von Karola-Viktoria Stolpe: "Einfluss eines kinästhetischen Trainings auf das Erlernen des Golfschwungs" zu diesem Artikel angeregt, deren Fragestellungen mich schon geraume Zeit bewegen. Diese behandelt nicht nur ein Thema, dessen Nähe zum Pétanquewurf augenfällig ist. Sie wirft auch die Frage auf, ob nicht das Fühlen, das Empfinden des eigenen Körpers in der Bewegung, als Faktor erheblich unterschätzt wird. Insbesondere glaube ich aus eigener Erfahrung, dem Koordinationsmodell von Bernstein, das in der Arbeit skizziert wird, erheblichen Wahrheitsgehalt zubilligen zu können (siehe Kapitel 3.1.2):

 

Hier von Interesse sind die Aussagen zum Erlernen von Bewegungen: Diese sollen nämlich nicht so lange wiederholt werden, bis sich eine bestimmte Bewegungsabfolge eingeschliffen hat, die jedoch vermutlich unzulänglich ist; vielmehr dient der Übungsprozess mit seinen Wiederholungen allein dem Finden einer individuellen Lösung für das Koordinationsproblem. Der Übende soll nicht kopieren, sondern lernen, die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf ein Ziel hin zu optimieren.

Das Optimieren vollzieht sich in drei Phasen – jeder Pétanquespieler wird diese aus eigener Erfahrung kennen: Zunächst wird der Anfänger bestrebt sein, seinen Koordinationsaufwand zu reduzieren. Er wird die beteiligten Gelenke versteifen; versuchen, sie zu koppeln und den Wurf somit kontrolliert aber recht ungelenk ausführen. Dabei wird er relativ viel Kraft aufwenden und die Anstrengung gar als unangenehm empfinden. Später wird er sich zutrauen, den Wurf freier durchzuführen, er wird die Blockaden in den Gelenken lösen und die Bewegung harmonischer aussehen lassen – man könnte auch sagen: menschlicher und weniger roboterhaft. Schließlich, der Wurf gelangt somit zur Reife, wird es gelingen, die passiven Kräfte (das wären etwa Zentrifugalkraft oder auch Gravitation) für das Gelingen des Wurfes zu nutzen und ihre hemmenden Wirkungen nicht zum Zuge kommen zu lassen. Die aktiven Kräfte (Muskeleinsatz) werden hingegen minimiert. Es ist charakteristisch, dass sich der Erfolg dem Lernenden durch ein Empfinden zunehmender Leichtigkeit vermittelt – je mehr die Dinge wie von selbst abzulaufen scheinen, desto weiter hat man sich dem Ziel angenähert.

Anmerkung 2: Mir fällt immer wieder auf, dass manche Anfänger mit einem erstaunlich entwickelten Wurf aufwarten, obgleich sie kaum jemals eine Pétanquekugel in Händen hielten. Schon bald ist man sich dann sicher, diese würden schnell den Durchbruch schaffen, da objektiv nur etwas Geduld und die notwendige Übungszeit fehlen, ihren Wurf zur Reife zu bringen. Meist kommen diese Spieler von anderen Sportarten her, in denen ebenfalls geworfen wird, und aus denen sie das notwendige Körpergefühl bereits mitbringen. Fast immer verheddern sie sich dann aber doch in technischen Details und zahlen viel Lehrgeld, das in Form von Umwegen beglichen wird. Es mag sein, dass erst vieles ausprobiert werden muss, um das Richtige zu erkennen. Es mag aber auch sein, dass gemeinhin die Bedeutung der Technik überschätzt wird, während man dem Gefühl zu wenig Zutrauen entgegenbringt – man mag nicht glauben, dass etwas so schwierig erscheinendes, wie ein Carreau sur palce, desto besser gelingen kann, je schlichter die Ausführung angelegt ist.

Anmerkung 3: Der Leser mag bei der Lektüre dieses Aufsatzes einen gewissen Widerspruch zu anderen Artikeln des Lexikons empfinden, in denen die Aneignung eines reinen Stils propagiert wird, oder Videoanalysen („Stehlen mit den Augen“) empfohlen werden. All dieses sollte aber lediglich dem Erwerb einer hinreichend guten Wurfbewegung dienen, an der man dann nicht mehr bewusst „herumbastelt“. Der eigentliche Feinschliff sollte dem Unbewussten überlassen werden – dem ja im Boulelexikon erhebliche Bedeutung zugemessen wird. Wie so häufig, so lautet der Ratschlag auch hier: Nicht bewirken, sondern geschehen lassen! Ebenso erkennen wir einmal mehr, dass Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig-, später dann aber falsch sein können.

Anmerkung 4: Speziell auf das Körpergefühl und den Bewegungssinn gehe ich in einem eigenen Artikel ein, der, ebenfalls durch die hier erwähnte Dissertation angeregt, sich mit der Bedeutung der Kinästhesie für das Wurfergebnis beschäftigt: Körpergefühl


[1] Dieser gemeinsame Nenner besteht sicher im gleichgewichtigen Stehen sowie in einem pendelartigen Schwung mit lang gestrecktem Arm. Das Boulelexikon hat sich schon mehrfach damit beschäftigt, es aber vermieden, von „dem richtigen Wurf“ zu sprechen, sondern den Ausdruck „richtiger Schwung“ bevorzugt.

 

[2] Das wird beispielsweise bei der Sichtung eines Videos deutlich, dass von Ludger Roloff zusammengestellt, exzellente Schüsse wirklicher Könner zeigt. Konzentriert man sich – um nur einen Punkt herauszugreifen – auf das Knie der Wurfarmseite der jeweiligen Spieler, so sieht man bei den meisten eine gewisse Bewegung, bei einigen ist sie stark ausgeprägt, bei wenigen anderen kaum merklich. Offenbar besteht hier eine Variabilität der Herangehensweise, die keine Auswirkung auf das Ergebnis hat.

 

[3] Ein erstaunlicher Beleg hierfür ist gegenwärtig im Dartsport zu beobachten, dieser dem Pétanque verwandten Disziplin: Hier hat es mit Mensur Suljović ein Spieler unter die besten zehn geschafft, der aufgrund einer Krankheit seine Wurfbewegung vollkommen verändern musste. Das frappiert, zumal Suljović mit seinem alten Stil bereits sehr erfolgreich war und die neue Wurfweise gelinde gesagt als unorthodox bezeichnet werden muss, da sie in vielen Punkten stark von dem abweicht, was als Standard gilt. Die Tatsache, dass es ihm dennoch gelang, wieder sehr erfolgreich zu sein, zeigt doch, dass es womöglich weniger auf die Technik selbst ankommt, als vielmehr auf den Grad ihrer Beherrschung; auf das Vermögen, sich vollkommen in sie hineinzufühlen.

 

[4] Das Phänomen dieser Kontinuität habe ich in einem anderen Aufsatz mit einem Gleichnis beschrieben. Dort geht es darum, über ein Wahrnehmen der Kugelflugbahnen homogenere Wurfergebnisse zu erzielen. Hier geht es mir jedoch darum, das korrespondierende Körpergefühl in seiner Bedeutung hervorzuheben, das ja letztlich den Wurf bestimmt und das die zunächst nur vorgestellten Flugbahnen real werden lässt. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Siehe: Der Mythos vom Zielen.