Die Charpentiersche Täuschung


"Täuschungen kommen vom Himmel, Irrtümer von uns selbst."

                                                                                              Joseph Joubert

 

Wenn Boulespieler in einer Pause fachsimpeln, vergleichen sie gern ihre Pétanquekugeln. Dabei kommt es zu einem erstaunlichen Phänomen. Größere Kugeln werden leichtgewichtiger eingeschätzt als kleinere, obwohl sie dasselbe Gewicht haben. Diese Fehleinschätzung tritt sogar auf, wenn die genauen Massen vorher bekannt sind, denn diese sind ja den Kugeln eingeprägt. Obwohl der Verstand etwas anderes sagt, ist es schwer, sich dieser Illusion, die nach ihrem Entdecker "Charpentiersche Täuschung" heißt, zu entziehen.

 

Was zunächst wie eine Unzulänglichkeit erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als eine Gabe. Die Hartnäckigkeit der Illusion deutet nämlich darauf hin, dass sie tief im menschlichen Geist verankert ist. Die Frage lautet jedoch: Zu welchem Zweck? 

 

Der Artikel "Vom Steinwurf zum Pétanque" hat aufgezeigt, wie eng die Menschheitsentwicklung und das Werfen miteinander verbunden sind. Wenn wir sagen, wir seien Menschen, weil unsere Vorfahren das Werfen perfektioniert haben, ist das keineswegs eine Übertreibung. Mit der "Charpentierschen Täuschung" begegnet uns ein wichtiges Indiz, dass es sich tatsächlich so verhält. Es ist ein Mechanismus, der uns von zwei Objekten stets das zum Werfen effektivere vorziehen lässt. Dieses Relikt aus einer Zeit, als das Überleben der Menschheit allein vom Jagderfolg abhing, über unzählige Generationen weitergetragen und verfeinert, erinnert daran, dass der Mensch zum Werfen geboren ist. Immer wenn es uns begegnet - und bei Pétanquespielern ist das überdurchschnittlich häufig der Fall - sollten wir Folgendes bedenken: Von Alters her tragen wir in uns Mechanismen, die den Werfer zu einzigartigen Präzision befähigen. Als Sportler ist es unsere Aufgabe, diese freizulegen.

 

Thorsten


Externer Artikel zum Thema "SIZE-WEIGHT-ILLUSION" und Wurfvermögen: http://www.ehbonline.org/article/S1090-5138(10)00127-3/abstract#