Der Matthäus- Effekt


Ein Sprichwort stellt Vermutungen darüber an, wohin der Teufel zu defäkieren pflege - nämlich immer auf den dicksten Haufen. Die behauptete Gesetzmäßigkeit wird meist deutlich derber formuliert und ist sogar Teil der Bibel. Bei Matthäus heißt es nämlich in einem Gleichnis:

 

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe;

wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

– Mt 25,29 LUT             

Ein Haufen Steine - Teil der "Teufelsmauer" im nördlichen Vorharz
Ein Haufen Steine - Teil der "Teufelsmauer" im nördlichen Vorharz

 

 

Es existieren so viele Sprichwörter ähnlichen Inhaltes, dass wir spätestens hierdurch zu der Vermutung genötigt wären, da könne etwas dran sein, hätte uns nicht das persönliche Erleben ohnehin bereits davon überzeugt. Erfolge können sich selbst verstärken und sind manchmal weniger durch aktuelle Leistungen, denn durch zurückliegende Erfolge induziert. Diese, nach dem biblischen Gleichnis "Matthäus-Effekt" benannte Gesetzmäßigkeit spielt u. A. in der Soziologie eine Rolle.

Bestehender Schwarm - anziehend für weitere Individuen
Bestehender Schwarm - anziehend für weitere Individuen

Beim Zitieren wissenschaftlicher Arbeiten soll es beispielsweise dazu kommen, dass bekannte Autoren häufiger zitiert werden als ihre weniger bekannten Kollegen. Hierdurch nimmt deren Bekanntheitsgrad weiter zu. Der Prozess verstärkt sich selbst. Bei Lernenden scheint es so zu sein, dass ein höheres Vorwissen den Lernerfolg fördert, was den Wissensstand weiter mehrt. In der Überzeugung, dass diese Phänomene tatsächlich existieren und in vielfältiger Form zu beobachten sind, wollen wir ihnen im Bereich des Pétanque nachspüren.

  

Ein Spieler mit besseren Fähigkeiten wird von seinen Mitspielern eher für schwierige Aufgaben ausgewählt als ein Novize. Hierdurch erhält er häufiger Gelegenheit, sich dieser Herausforderungen zu stellen, deren Bewältigung seine spielerische Qualität weiter mehrt. Es werden beispielsweise eher die Spieler zu Schützen bestimmt, die das Metier ohnehin beherrschen, wodurch sich mit den Spielen implizit auch deren Trainingszeit erhöht. (Üben oder nicht üben?) (Einspielen).

 

Ein mit vielen Techniken halbwegs vertrauter Spieler wird aus Spielen mehr Erfahrung schöpfen als ein einseitiger Spieler. Wo diesem vieles rätselhaft bleibt, sammelt der Fortgeschrittene wichtige Anregungen. Diese helfen, sein Spielvermögen abzurunden. (Drei Entwicklungsstufen)

 

Spieler wirken in vielfältiger Weise aufeinander ein. Mannschaftsmitglieder können einander stützen. Es ist weise, ein Spiel so anzulegen, dass auch der jeweils andere Erfolge erzielt, die ihn aufbauen. Ebenso werden eigene Erfolge - im Sinne des Matthäus-Effektes - den Mitspieler beflügeln. (Weite und Konstanz) (Interferenz, Resonanz Dämpfung)

(Mannschaftsversagen)

 

Wenn Erfolge Erfolge produzieren, ist es sinnvoll darauf zu achten, was eigentlich als Erfolg gesehen wird. Überkritisches Denken lässt eigentliche Erfolge wie Misserfolge erscheinen. Der Matthäus-Effekt kann dann seine Wirkung nicht entfalten oder schlägt ins Negative um. (Video); (Perfektionismus im Spiel)

 

 

Gleich, welches Beispiel man betrachtet, das Prinzip bleibt dasselbe. Immer werden durch Erfolge wichtige Ressourcen gewonnen, seien es Trainingszeit, Erfahrungen, Vertrauen oder Zuversicht. Diese Ressourcen lassen sich in weitere Erfolge ummünzen. In Kenntnis des Matthäus-Effektes erscheint demnach Folgendes sinnvoll: Bestimmte Techniken müssen durch Solotraining verbessert werden, damit ein erfolgreicher Einsatz wahrscheinlicher wird. Bei der Auswahl für schwierige Aufgaben sollte auch die Entwicklung der Spieler bedacht werden. Der vordergründige Spielerfolg darf nicht das alleinige Kriterium sein. Spieler sollten einander durch Verhalten und Spielanlage zu Erfolgen verhelfen, was ebenso selbstverständlich wie erschreckend häufig nicht der Fall ist. Zu guter Letzt müssen Erfolge auch als solche erkannt werden. Eigene Grenzen realistisch einzuschätzen ist dann das beste Mittel zu ihrer Überwindung.

  

Thorsten


Nachwort: Zwei winzige Partikel, in einer Wolke von ihresgleichen im Universum driftend, vereinigen nach einer Kollision ihre Massen. Da Massen einzig durch Massen bewegt werden, ziehen sie nun andere Teilchen um ein Winziges stärker heran. Am Ende kann - nur aufgrund dieses winzigen Anfangsvorteils - ein ganzer Stern und sein Planetensystem daraus entstehen. So zieht seit Anbeginn, im Großen wie im Kleinen, die Fülle zu sich hin. Dass sich nicht alles ballt, ist ein großes Rätsel dieser Welt.