Ist Pétanque Sport?


Eine immer wieder aufkommende Frage ist die, ob denn Pétanque ein Sport sei. Die geringe Bedeutung, die beim Kugelwerfen Kondition oder Körperkraft zukommt, verbunden mit der Tatsache, dass häufiger ältere Menschen dieser Freizeitaktivität frönen, lässt den Ruch aufkommen, Boule sei nicht dem erlauchten Kreise der Sportarten zugehörig.

 

Der Begriff "Sport" ist nun, ähnlich der Bezeichnung "Kunst", etwas unscharf, lässt also einigen Freiraum und ist zudem erst in jüngerer Vergangenheit im allgemeinen Sprachgebrauch aufgekommen [1], obgleich das von ihm Gefasste bereits seit Jahrtausenden praktiziert wird [2]. Das heutige Wort "Sport" wurde aus dem lateinischen "disportare" abgeleitet, wo es folgende Bedutungen besitzt: Zerstreuung, Liebhaberei, Wegführung vom Alltag.

Der Folgende Text unternimmt den Versuch, die Frage, ob Pétanque Sport sei, anhand dreier Kriterien zu klären.

 

Bei der Überlegung, welche Kernelemente mit dem Begriff "Sport" zu verbinden wären, drängt sich Folgendes auf:

 

Körperlichkeit:

 

Das Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, gesteuert durch den Geist; die Verfeinerung und Optimierung von Bewegungen, gerichtet auf ein bestimmtes Ziel – beides charakterisiert die gemeinhin vorhandene Auffassung von sportlicher Betätigung. Der Athlet hat sich nicht nur die physischen Mittel zu verschaffen, seiner Aufgabe gerecht zu werden, er muss sich auch darauf verstehen, sie einzusetzen. So ist das Mentale ebenso bedeutend wie das Körperliche – beides sind die sprichwörtlichen zwei Seiten einer Medaille.

Im Pétanque spielt die Motorik sicher eine hinreichend große Rolle, das Kriterium als erfüllt anzusehen.

 

Spiel:

 

Neben der Motorik ist dem Sport auch eine spielerische Komponente zu eigen. Ein Spiel dient keinem weiteren Zweck, wird also um seiner selbst Willen betrieben. Einzig kommt es der Vermehrung und Verbesserung der eigenen Fähigkeiten – und natürlich der Freude – zugute. Der "Unernst" des Spiels bietet dem Menschen seit je einen Freiraum, sein Können zu erproben und es zu schulen. Kinder lernen im Spiel und auch Erwachsene schlüpfen beim spielerischen Sport in alltagsferne Rollen. Im spielerischen Wettkampf übte sich auch der antike Grieche für den Ernst der Waffengänge, an denen zumeist kein Mangel herrschte, welch ferner Zeit wir Wesentliches der gegenwärtigen Anschauung danken, was Sport sei. Pétanque ist sicher ein Spiel, ist es doch vordergründig reiner Selbstzweck.

 

Wettbewerb:

 

Das Bestreben, miteinander in Konkurrenz zu treten, charakterisiert den Menschen, prägt seine Wirtschaftsordnung, ist die Ursache der Kriege seit Anbeginn und findet in gezähmter Form Ausdruck im Wettkampfsport. Der leidenschaftliche Drang, den Anderen zu übertreffen, wird entschärft durch die spielerische Natur des Handelns. Der Erfolg zeigt sich vordergründig in Siegen, liegt aber eigentlich in der Verbesserung der eigenen Handlungskompetenz und damit der Wettbewerbsfähigkeit. Pétanque ist überwiegend ein Wettkampf.

 

Körperlichkeit, Spiel und Wettbewerb verweben sich zum leicht unscharfen Begriff "SPORT". In allen drei Bereichen ist unterschwellig zudem ein Gedanke präsent: Die persönliche Entwicklung. In ihr findet sich das Element, das die genannten Faktoren verbindet.

 

Ist nun Pétanque ein Spiel, in dem Akteure sich verlieren, um dann zu ihrem wahren Selbst zu finden; in dem sie lernen und wachsen? Ist es ein Wettkampf, in dem sie friedlich bestrebt sind, einander zu überwinden und dabei letztlich danach trachten, sich selbst zu übertreffen? Geht es dabei um die Koordination von Bewegungen, um das Zusammenspiel von Körper und Geist, um das Finden einer Harmonie zwischen Denken und Handeln? Es ist nicht schwer, die sportliche Natur im Pétanque zu erkennen, sie liegt auf der Hand.

 

Die Anzahl der verbrannten Kalorien, das Alter der Akteure, Publikumsinteresse, TV-Präsenz und Verdienstmöglichkeiten sind dagegen Kriterien minderen Ranges, zu denen auch die absolut erbrachte Leistung zu rechnen ist. Diese wird relativiert durch die mitgebrachten Voraussetzungen. Sport bedeutet, unabhängig vom absolut Erbrachten, sich eine Herausforderung zu suchen, sich den vorgefundenen Widerständen beharrlich entgegenzustemmen und sie, in ernsthaftem Bemühen um Verbesserung, schließlich zu überwinden.

 

Sport ist Selbstüberwindung. Pétanque ist Sport!

 

Thorsten


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sport

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Sports

 

Anmerkung: Die Fokussierung auf die Entwicklung – besonders die langfristige – ist im täglichen Boulebetrieb ebenso fruchtbar, wie sie in Wettkämpfen tröstlich ist. Dem Anfänger und Späteinsteiger belässt sie die Würde, dem Fortgeschrittenen erhält sie Ernsthaftigkeit und Demut.