Gute und schlechte Wünsche


 

UNKÖNIGLICHER DOCH IST KEINE EIGENSCHAFT ALS MISSGUNST;

DURCH SIE WIRD EIN KÖNIG BETTELHAFT.

Friedrich Rückert (1788 - 1866)

Die Weisheit des Brahmanen

 


Denken wir an jene Zeiten, „in denen das Wünschen noch half“, dann steht uns aus Kindertagen die Welt der Märchen vor Augen, in der sich Ereignisse auf wundersame Weise zu fügen pflegen. Mittlerweile haben wir gelernt, dass unser Einfluss auf den Lauf der Dinge gering ist, so fest wir auch die Daumen drücken; so sehr wir auch die Finger kreuzen. Und dennoch tun wir eben dieses immer wieder, besonders im Sport, wo wir wider jede Vernunft versuchen, durch wünschen den Gang des Geschehens zu wenden. Dabei übersehend, dass durch Wünsche die äußeren Ereignisse zwar keinerlei Veränderung unterliegen, wir selbst jedoch uns wandeln, je nachdem, was wir erhoffen, denn was Wünsche sicher beeinflussen ist eines: unser inneres Wesen.

 

Für den Einzelnen ist in einer Pétanquepartie die Zeit des Handelns erstaunlich kurz. Ganz überwiegend steht man nur herum und schaut, was sich ereignen mag. Unwillkürlich entstehen dann Gedanken dergestalt, was möglichst sich ereignen sollte: Erwartungen und Wünsche werden geboren. Was aber sollten wir erhoffen, wenn der Gegner am Zuge ist? Scheinbar sein Scheitern, denn natürlich wollen wir in der Partie obsiegen – bräuchten wir denn sonst anzutreten?

 

Es gibt jedoch gute Gründe, unseren Widersachern nur das Allerbeste zu wünschen; ihnen beim Werfen die Daumen zu drücken. Einige sollen nun genannt sein:

 

Sich eine echte Herausforderung wünschen!

Immer wieder geschieht es, dass ein starker Spieler von hoher Papierform, diese nicht annähernd erreicht, dass er – durch welche Umstände auch immer – weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Was ist ein Sieg über solch einen „Crack“ dann wert? Auf dem Papier sicher viel, auch wird er alle beeindrucken, die nicht zugegen waren. Doch wir selbst wissen doch, wie er zustande kam; dass wir, aus dem Überwinden eines amateurhaft handelnden Profis kaum realistisch auf unsere Fähigkeiten schließen können. Sollten wir uns den respektierten Gegner nicht lieber in Bestform wünschen, um unseres Sieges rückblickend ungetrübt gedenken zu können? Erst im Wettstreit mit den Starken mehren sich unsere Fähigkeiten. Wie können wir uns da leichte Siege erhoffen?

 

Sich nicht kleinmachen!

Den Gegner beobachten und ihm beim Werfen Pech wünschen, was sagt das über unser Selbstbewusstsein aus? Sicher doch, dass es damit nicht weit her sein kann; dass wir uns nicht zutrauen, einen gelungenen Wurf zu wiederholen; dass wir unseren Vorteil mehr dem Zufall zuschreiben denn eigenem Vermögen. So durchlöchern wir durch Übelwollen unser Ego, ohne Aussicht, irgend Positives zu bewirken. Den Gang der Ereignisse werden wir so nicht zu unseren Gunsten ändern. Besser, wir gehen davon aus, dem Gegner werde sein Wurf gelingen und trauen uns zu, die passende Antwort bereits parat zu haben. Ist dem nicht so, haben wir den Triumph auch nicht verdient.

 

Das eigene Ansehen pflegen!

Unser Trachten bleibt nie gänzlich unbemerkt. Peu a peu gelangt es zu den Mitspielern, ist Grundlage der Meinung, die man sich über uns bildet; ist Wurzel unseres Ansehens. Welches Bild sollen die anderen von uns haben? Das des neidgrünen Kobolds, hadernd und Verwünschungen ausstoßend am Spielfeldrand; oder das des unerschütterlichen Recken, gepanzert mit Zuversicht?

 

Sich den Gleichmut bewahren!

Ständig wünschend und fiebernd haben wir ein zweites Spiel neben dem eigentlich geführten. Es geht um recht haben, oder falsch urteilen: Wünschen wir unserem Widersacher Übles und es tritt nicht ein, so erleiden wir eine kleine Niederlage, die es zu verarbeiten gilt. Glauben wir hingegen, sein Wurf werde gelingen, sind wir auf das Schlimmste bereits gefasst. Wir haben es kommen sehen und sind darauf vorbereitet. Unser eigenes Handeln beginnen wir so unter weit günstigeren Voraussetzungen – nicht als solche, die soeben einen Schlag haben hinnehmen müssen, sondern gewillt und vorbereitet, einen solchen auszuteilen. Während eines Turniers zehrt Übelwollen des Spielers wichtigste Ressource auf: sein inneres Gleichgewicht. Ständiges Aufwallen und Bangen nagt an den Nerven und überträgt sich unweigerlich auf die Mitstreiter. Dem Gegner Gutes wünschen erhält die innere Ruhe. Versagt er dennoch, ist es ein unerwartetes Geschenk.

 

Mit unserem Wünschen haben wir großen Einfluss auf unser Fortkommen, unser Ego, das eigene Ansehen und das innere Gleichgewicht. All dieses zu mehren, müssen wir paradoxerweise jenen die Daumen drücken, die wir überwinden wollen. Indem wir dem unmittelbaren Instinkt nicht nachgeben, gewinnen wir eine Souveränität über unser Handeln, die wir uns leider oft nur wünschen können.  

 

 

Thorsten


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