Körpergefühl


Eine der wichtigsten Bouleweisheiten lautet: 

 

"Die Kugel führt die Hand,

nicht die Hand die Kugel!"

 

Ist es fatalerweise nicht aber häufig so, dass die Hand ausschließlich sich selbst führt? 

 


Sensibilität, der unterschätzte Faktor
Sensibilität, der unterschätzte Faktor

Finden unsere Kugeln nicht ihr Ziel, lassen sich dafür meist Gründe ermitteln: Mal war die Handhaltung nicht optimal, die Fußstellung stimmte nicht, der Armschwung hatte eine seitliche Abweichung und dergleichen mehr – sicher ist es jederzeit sinnvoll, solchen Details nachzuspüren. Das Vermögen, immer besser erkennen zu können, woran es denn gelegen hat, gilt sogar als Ausweis zunehmender Könnerschaft. Was aber, wenn der Grund für Fehlleistungen auf einer gänzlich anderen Ebene angesiedelt ist, wenn es sich bei den so gefundenen Ursachen nur um abgeleitete Faktoren handelt? [1]

Mögen wir auch prinzipiell wissen, wie eine erfolgreiche Bewegung abzulaufen hat, was nützt es uns, wenn wir nicht dazu in der Lage sind, die genaue Position der Kugel während der ablaufenden Bewegung zu erspüren? Dann gelingt es nämlich kaum, das vorhandene Wissen auch in die Tat umzusetzen. Ist das Gefühl für das zu handhabende Objekt unzureichend entwickelt – oder zeitweilig abhandengekommen, kann die Bewegung nicht ihrem eigentlichen Zweck dienen – präzise zu treffen. Liegt hier – in der mangelnden Sensibilität für die Kugel selbst – der Grund, warum Bewegungen zu mechanisch ablaufen und dann natürlich scheitern? [2]

Fragen wir uns doch einmal, wie wir überhaupt Kenntnis von der Position erhalten, die ein in der Hand befindlicher Gegenstand jeweils relativ zum Körper einnimmt: Sicherlich nicht auf visuellem Wege, denn schließlich sind wir ja beispielsweise ohne Weiteres dazu in der Lage, bei völliger Dunkelheit einen "ordentlichen" Schluck aus der Pulle zu nehmen. Auch die Kugel haben wir nicht jederzeit im Blick. Der Mensch verfügt über eine eigene Sensorik, ein Bewegungsgefühl, das mit dem Fachbegriff „Kinästhesie“ bezeichnet wird. Gemeint ist damit die Fähigkeit, „Raum-, Kraft- und Spannungsverhältnisse der eigenen Bewegung wahrzunehmen“ [3]. Tief in unserem Bewegungsapparat, also in Muskeln, Sehnen und Gelenken, besitzen wir die notwendigen Rezeptoren und damit einen Körper- und Bewegungssinn.

 

Wenn nun kinästhetische Sinneswahrnehmungen ganz entscheidend zum Bewegungserfolg beitragen, ja, diesen überhaupt erst ermöglichen, stellt sich natürlich die Frage, ob sich unsere Sensibilität dafür in irgendeiner Weise trainieren lässt – lässt sich unser Empfinden auf diesem Gebiet verbessern? [4]

 

Hierbei ist es zunächst förderlich, überhaupt ein Bewusstsein für diese Art des Empfindens zu entwickeln, denn der Bewegungssinn verrichtet sein Werk zumeist unterschwellig. Man muss einen Kanal in sein Inneres öffnen; also lernen, eigens in sich hineinzuhören. Geübt wird hinfort also unter der Maßgabe, das spezielle Bewegungsgefühl in sich aufzuspüren.

- Speziell für das Boulespiel scheint es plausibel; hierzu alle denkbaren Arten von Schwüngen mit der Kugel zu vollführen, die nur irgend möglich sind und so auf spielerische Weise – ziellos pendelnd – den dabei auftretenden Kräften näherzukommen, sie körperlich zu erfassen und so die Präsenz der Kugel in der Handfläche und relativ zum Körper wahrzunehmen. Es ist, indem man mit der Zentrifugalkraft spielt, möglich, die Kugel stets in Bewegung zu halten, ohne dass sie einem dabei entgleitet und ohne sie wirklich zu greifen. Die leicht gewölbte Handfläche stets nach oben gerichtet, halten die Fliehkräfte die Kugel fest, solange diese stetig bewegt wird. Solches Spiel scheint mir eine gute Methode der Sensibilisierung zu sein.

 

- Der Effekt kann verstärkt werden, indem man die Augen schließt, denn der Sehsinn dominiert und überformt leicht die kinästhetischen Eindrücke.

 

- Auch eine Verminderung der Standfestigkeit, sei es durch Stehen auf einem Bein oder Stehen auf einer wackeligen Unterlage, kann eine Sinnesschärfung bewirken.

 

- Ebenso kann das hantieren mit unterschiedlich schweren Kugeln zu einer größeren Empfänglichkeit für die Bewegungswahrnehmung führen. Auch das Schleudern von Gewichten, die sich an einem Band befinden, mag anschaulich demonstrieren, welche Physik dem Pétanquewurf zugrunde liegt.

Bei dem hier Aufgezeigten handelt es sich um etwas, dessen wirklicher Nutzen für den Pétanquesport sich nur schwerlich beweisen lässt, weil sich Veränderungen nur langsam vollziehen und sich verschiedenartige Einflüsse gegenseitig überformen. So bleibt es eine Frage der Plausibilität und der persönlichen Einstellung, ob man in dieser Weise aktiv werden will.

 

Mir ist es in den etlichen Jahren, in denen ich nun schon versuche, den Geheimnissen des Boulespiels auf den Grund zu gehen, immer wieder geschehen, dass ich im Solotraining, beim vollkommen sinnfreien Herumhantieren mit den Kugeln, beim spielerischen Ausprobieren scheinbar absurder Schwünge und Wege, plötzlich Lösungen für Probleme fand, die mich schon längere Zeit geplagt hatten; oder dass sich dabei zumindest jene Lockerheit und Sensibilität einstellte, die dann eine sofortige Verbesserung aller unternommenen Handlungen bewirkte. Nach solchen Tagen stand dann das „Wurfgefühl“ stärker im Fokus als üblich, bis es durch andere Faktoren, wie etwa Technikfragen oder Ambitionen, in den Hintergrund trat – selten zum Vorteil des Spielvermögens. Ich glaube auch bemerkt zu haben, dass, wie es die Forschung berichtet, der Geübtere besser und in wachsendem Maße von der Pflege des Bewegungsgefühls zu profitieren vermag. Immer stärker neige ich der Meinung zu, es sei richtig, beim Einspielen weniger nach einer bestimmten Bewegung zu suchen, als vielmehr durch besondere Maßnahmen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Handhabung der Kugel und die zugehörigen Körperbewegungen heraufzubeschwören. [5] 

 

 

"Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen..."

Johann Wolfgang von Goethe - Faust

 

 

Thorsten


[1] Das gilt besonders, zumal Fehlwürfe nicht nur in einer Form daherkommen, die man ohne Weiteres als natürliche Schwankungen bezeichnen könnte – mal trifft man und mal eben nicht. Sie plagen uns vielmehr auch als Würfe, die nicht einmal ansatzweise dem gewohnten Ablauf folgen; bei denen etwa die Kugel viel zu lange festgehalten oder zu früh entlassen wird; bei denen der Arm ein meist grobmotorisches Eigenleben entwickelt oder der rechte Schwung sich nicht einstellen mag, weil der gesamte Bewegungsablauf eigenartig gehemmt und roboterhaft daherkommt. Wie kann es immer wieder zu diesen peinlichen Patzern und groben Aussetzern kommen? Wir wissen doch eigentlich, wie es geht und haben es stets aufs Neue bewiesen.

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass manche Spieler häufiger von dem beschriebenen Problem heimgesucht werden, ebenso wie es vielen vollkommen fremd sein dürfte. Augenfällig ist auch, dass manche erst nach längerem Einspielen zu ihrem Bewegungsmuster finden, während andere dieses praktisch mit dem Betreten des Bouleplatzes präsent haben. Besteht hier ein Zusammenhang? Haben diese ein stabileres Gefühl für die Aufgabe?

[2] Um die Mechanik des Wurfes plastischer darzustellen, wurde im Boulelexikon mehrfach auf das Bild einer antiken Wurfmaschine zurückgegriffen, die, auf ihr Ziel ausgerichtet, die aufgebaute Spannung entlädt, indem sie ihren starren Wurfarm vorschnellen lässt und mit ihm einen mächtigen Stein, der so einer Festungsmauer entgegengeschleudert wird, diese zu zertrümmern. Der große Nachteil dieser Maschinen, nämlich auf unterschiedliche Steingewichte, der meist vor Ort zusammengesuchten Geschosse nicht reagieren zu können, zeigt uns die Bedeutung des Gefühls: Anders als eine Maschine, ist der Mensch eben in der Lage, das Wurfobjekt und seine Eigenschaften zu erfühlen, und sein Handeln danach auszurichten. Einmal ausgelöst, vollzieht die Maschine stur ihre Bewegung, selbst wenn überhaupt kein Geschoss geladen wurde. Dieser Blindheit für das zu handhabende Objekt gilt es durch Förderung des Bewegungsgefühls abzuhelfen.

[3] Ich stütze mich in diesem Aufsatz ganz überwiegend auf die Dissertation:"Einfluss eines kinästhetischen Trainings auf das Erlernen des Golfschwungs", deren Kerngedanken ich hier grob zusammenfasse. Der Nutzen des Aufgezeigten ist meiner Meinung nach vollkommen plausibel. Die Erkenntnisse dürften gut auf den Pétanquesport übertragbar sein, denn hie wie dort ist das Ziel die Verbesserung einer Schwungbewegung, die stehend ausgeführt wird. Natürlich stellt mein Aufsatz eine arge Verkürzung des eigentlich Gesagten dar. Sicher ist es daher sinnvoll, Details in der Arbeit selbst nachzulesen, auch wenn kein unmittelbares Interesse an den ihr zugrunde liegenden wissenschaftlichen Theorien besteht.

[4] Hier verweise ich auf das Kapitel 6 der Dissertation, in dem ausführlich auf konkrete Übungen eingegangen wird, aus denen leicht Übungen für den Pétanquesport ableitbar sind.

Lebt wie der alte Baum auch vom Sonnenlicht, obgleich er nur einen Bruchteil der Energiemenge zu sammeln vermag - der Sprössling
Lebt wie der alte Baum auch vom Sonnenlicht, obgleich er nur einen Bruchteil der Energiemenge zu sammeln vermag - der Sprössling

[5] Es liegt auf der Hand, dass Fortgeschrittene erfolgreicher darin sind, die Feinheiten ihres Bewegungshandelns richtig zu erkennen. Sie wissen, was prinzipiell gefordert ist und können leichter Vergleiche anstellen. Auch haben sie zwangsläufig, auf der Suche nach Verbesserung ihres Spielvermögens, immer wieder ihr Bewegungsgefühl befragt, auch wenn die entsprechenden Zusammenhänge unverstanden geblieben sind. So ist überhaupt zu vermuten, dass kinästhetisches Training dem Erfahrenen mehr bringt als dem Anfänger, der sich möglicherweise tatsächlich zunächst darauf konzentrieren sollte, die richtigen Bewegungen halbwegs korrekt nachzuahmen. Gleichwohl werden natürlich Anfänger, die einen geschulten Bewegungssinn bereits mitbringen, jederzeit davon profitieren, ebenso – die hier verwendete Studie zeigt es ja auf – wie sich positive Effekte bei der kinästhetischen Schulung auch bei Neulingen nachweisen lassen.

Allgemein ist zu beobachten, dass Akteure, die in ihrer Jugend viel Sport getrieben haben, oder die insbesondere von Ballsportarten zum Pétanque wechseln, in ihrer Auffassung des Bewegungshandelns große Vorteile gegenüber jenen aufweisen, denen – sagen wir – der Computer ein stets treuer Begleiter war oder ist. Häufig gelingen ihnen erstaunlich schnell die schwierigen Aktionen, seien es Eisenschüsse oder Hochportéewürfe, an die sich andere lange Zeit nicht heranwagen. Vermutlich haben all die zurückliegenden Aktivitäten die Bewegungssinne hinreichend geschult, dass nun, auch im neuen Metier ein virtuoser Gebrauch vom eigenen Körper gemacht werden kann.


Ergänzung 1: Ebenfalls durch die hier erwähnte Dissertation angeregt, geht ein anderer Artikel der Frage nach, ob ein idealer Wurf existiert und ob nicht die Bedeutung des Bewegungsgefühls im Hinblick auf das Wurfergebnis systematisch unterschätzt wird. Der Artikel "Existiert der ideale Wurf?" stellt eine Ergänzung zum hier Gesagten dar. 


Ergänzung 2: Ein weiterer Artikel beschäftigt sich mit den hier angesprochenen Themen. Er ist älter und behandelt das Gebiet so, wie es sich mir aus eigener Erfahrung und durch jahrelanges Experimentieren vermittelt hat: Dieser Artikel "Kugelgefühl" kommt zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen, wie sie aus der verwendeten Dissertation ableitbar sind. Er vermag das hier Dargestellte zu ergänzen.


Bild der Feder: Monika Schröder auf Pixabay 

Bild der Wurfmaschine: Julia Casado auf Pixabay 

Bild Schössling: Von congerdesign auf Pixabay