Asymmetrie der Kräfte


 

In den zurückliegenden Dekaden ist in der politischen Literatur [1] häufiger die Rede von „asymmetrischen Konflikten“. Gemeint ist das Phänomen, dass von zwei konfligierenden Parteien, eine sich als derart überlegen zeigt, dass es für die andere vollkommen aussichtslos erscheint, den offenen Kampf mit konventionellen Mitteln zu suchen [2]. Zur Kompensation ihrer Schwäche greift diese zu unkonventionellen Mitteln, die in Richtung Hinhaltetaktik[3], und Zermürbung gehen und eine Demoralisierung [4] des Gegners bewirken sollen. Asymmetrische Konflikte dienen uns hier als Denkfigur, denn regelmäßig hat es auch der Spieler mit Gegnern zu tun, die ihm entweder krass überlegen, oder scheinbar hoffnungslos unterlegen sind. Mit beidem gilt es umzugehen.

Asymmetrische Konflikte, von denen die Zeitläufte etliche gesehen haben [5], verbindet ein Charakteristikum: Die konventionell handelnde Partei verliert, sofern sie den Konflikt nicht dezidiert gewinnt. Ihr scheinbar schwächerer Konterpart gewinnt bereits, solange er nicht verliert – also auch bei einem Patt. Der Unterlegene muss also den Konflikt so lange fortführen, bis der dominierenden Partei die Kosten für den etwaigen Sieg, der jedoch dann in immer weitere Ferne rückt, zu hoch werden; bis ihre Moral soweit erodiert ist, dass sich das Stärkeverhältnis umzukehren beginnt. Klassischerweise wird solches bewirkt, indem der schwächere Teil stärkeren Nutzen aus einer überlegenen Ortskenntnis zu ziehen vermag; indem er – in Guerillamanier [6] – mit der einheimischen Bevölkerung besser vernetzt ist, die er als Basis, als Schutz und zur Rekrutierung nutzt; indem er es also ausdrücklich vermeidet, dem Gegner „auf Augenhöhe“ und mit gleichen Methoden zu begegnen [7].

 

Im Spiel tritt eine Asymmetrie der Kräfte meist dadurch in Erscheinung, dass eine Partei prinzipiell dazu in der Lage ist, nahezu jede Kugel erfolgreich anzugreifen, während solches Agieren für ihren Gegner ein enormes Risiko darstellt und regelmäßig nicht von Erfolg gekrönt ist. Hier nun bleibt häufig als einziges, Gebrauch von einer besseren Kenntnis der Bodenverhältnisse zu machen, die es durch aufmerksames Studium (Bodenlesen) schnellstens zu erwerben gilt. Der Gegner, der viel Zeit und Mühe in die Ausbildung seiner Fähigkeiten investiert hat, tat genau dieses, um nun auch Gebrauch davon machen zu können. Folgerichtig wird er versuchen, auch nur halbwegs gute Kugeln zu verteidigen – das Spiel schießend zu gewinnen. Das ist ebenso folgerichtig, wie konventionell – es ist eine Spielweise, die bewährtem Herkommen folgt. Gelingt es nun aber der unterlegenen Seite, die Kugeln da zu platzieren, wo Schüsse riskant werden, da nämlich, wo immer auch gut positionierte Kugeln des schießenden Teams drohen, involviert zu werden (Kontergefahr; Das Spiel eng machen), können peu à peu Erfolge eingefahren werden.

 

Nun kommt die Moral ins Spiel: Meist wird allen Beteiligten sehr schnell klar, wenn "Cracks" gegen "Amateure" spielen. Während es aber den Profis keinesfalls schmecken kann, sich lange mit einem unterlegenen Gegner aufzuhalten ("Warum haben wir nicht längst gewonnen?"), fühlt es sich für eben diesen zusehends besser an, die Partie offen zu gestalten ("Achtungserfolg – erstmal nicht verlieren!"). Die unkonventionelle "Legerei" wird gelegentlich von fortgeschrittenen Spielern unterschätzt, indem außer Acht gelassen wird, dass auch jede simpel gespielte Kugel zunächst einmal entfernt werden muss. Gelingt das jedoch nicht in dem erforderlichen Maße, sei es nur, um die erhoffte „Grandezza“ zu zelebrieren; sei es, um einfach dem Sieg näherzukommen, wird sich im überlegenen Team ein Geschmack von Krisis verbreiten, werden die beteiligten Spieler versucht sein, sich voreinander zu rechtfertigen – und sei es auch nur in Gedanken. Das ist der Moment, in dem die Moral eine gefährliche Schieflage erhält, in der Gedanken an eine schmachvolle Niederlage zu keimen beginnen – in dem sich zeigen muss, ob Bewegungsabläufe immer noch so sauber ablaufen, wie ehedem. Es sei betont: Profis haben meist mehr zu verlieren als Amateure, sie haben sich für den Tag viel vorgenommen, nichts hassen sie mehr als ein frühes Ausscheiden gegen „Nobodys“. Amateure können die Dinge gewiss gelassener sehen. Es ist zuweilen nicht leicht, Gegner zu bekämpfen, die buchstäblich nichts zu verlieren haben.

 

Ein unterlegenes Team hat also immer Möglichkeiten, sofern es Aufmerksamkeit und Biss zeigt und sofern es konsequenten Gebrauch davon macht, was es am besten beherrscht. Weiterhin spielt ihm, je länger eine Partie dauert, der Faktor Moral in die Karten [8]. Eine zäh sich hinschleppende Begegnung, die zum zehrenden Abnutzungsgefecht wird, zerstört bei elitären Formationen den Glauben an die eigene Suprematie. In unserem Sport ist es aber häufig nur dieser Glaube, der den Unterschied zwischen Treffen und Verfehlen bewirkt. Ein anfangs objektiv vorhandenes Stärkeungleichgewicht mag sich umkehren, die häufig gestellte Frage: „Wie sollen wir das nur gewinnen?“, ist leicht zu beantworten: „Erstmal nicht verlieren!“

Mag im unkonventionellen Vorgehen auch eine Möglichkeit für die Schwachen liegen, „den Tag zu gewinnen“, so birgt es dann eine Gefahr, wenn diese beginnen, sich in ihrer Unterlegenheit einzurichten – die Lücke in den vorhandenen Fähigkeiten als gegeben zu akzeptieren. Diese schließt sich nämlich nur dann, wenn Erfahrungen auf dem Feld des konventionellen Vorgehens gemacht werden. Dazu muss die Deckung freilich verlassen werden; muss die Bereitschaft bestehen, Lehrgeld zu zahlen; dürfen bittere Niederlagen nicht gescheut werden.     


Thorsten



Ergänzung: Der Autor erinnert sich einer Niederlage, die ihm einst von zwei Kontrahenten beigebracht wurde, deren Lebenserfahrung in sichtlich umgekehrt proportionalem Verhältnis zu der Zeit stand, die diese Beiden bis dato auf Bouleplätzen verbracht hatten. Die Herren kannten eigentlich nur eine Wurfvariante: Das "beherzte Durchlegen". Wer nun aber mit dem Berichterstatter glaubte, solches Treiben würde schnell in den Untergang führen, der irrte gründlich. Die Konstellation am Boden konnte sein, wie sie wollte, stets wurde kräftig durchgelegt und – fatalerweise – bei einem von sechs Versuchen auch das Cochonnet nach hinten in Fernen entführt, wo nicht nur des Gegners bereits gespielte Kugeln nur darauf warteten, als Punkte das Konto ihrer unerschrockenen Besitzer zu mehren; nein, das Schwein ward auch in Gefilde fortgetragen, wo des Erzählers Kunst, sein Schicksal durch wohlplatzierte Schüsse noch zu wenden, kläglich versagen musste. Mag es auch den besonderen Platzverhältnissen geschuldet gewesen sein, dass Kugeln und Schwein sich dort hinten – in einer Kuhle - stets eng zusammenrauften, man sieht daran, dass der konsequente Gebrauch einer unkonventionellen Methode zum Sieg führt, wenn diese Methode für die vorherrschenden Verhältnisse die richtige ist und der Gegner zudem nicht die Flexibilität aufbringt, sein konventionelles Vorgehen den herrschenden Umständen schleunigst anzupassen.


[1] - Man denke etwa an: Herfried Münkler   "Die neuen Kriege" rororo 2004

     

     - Zur Begrifflichkeit, Abgrenzungsproblemen und dem Missbehagen an derlei Betrachtungen: " https://www.zeit.de/2015/33/asymmetrische-kriege-politisches-buch-felix-wassermann"

 

[2] Einmal mehr zeigt sich ein übergeordnetes Prinzip am anschaulichsten in einem Bereich, den mit einem Spiel zu verbinden man sich instinktiv scheut – dem Krieg. Doch liegt der Grund in des Menschen Natur selbst, der, gewalttätig von Anbeginn, zu seinem Amüsement hauptsächlich Spiele ersann, deren Zweck letztlich das Überwinden des Gegenübers ist – Wettkämpfe sind, unter dem Strich immer Kämpfe – stilisiert oder vollkommen entfesselt, es finden sich stets sie verbindende Gemeinsamkeiten. Diese Wahrheit, einmal zutage getreten, belässt uns nur zwei Möglichkeiten: Die Augen zu verschließen, oder ihr sehenden Auges gegenüberzutreten. "Homo homini lupus"

 

 

[3] Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Kampagne von 1812, also Napoléons gescheiterter Versuch, Russland auf konventionelle Weise (Sieg in einer Entscheidungsschlacht; Besetzung der Hauptstadt) in die Knie zu zwingen. Die zunächst überstarke Invasionsarmee „Grande Armée“ erlitt im Laufe des Feldzuges allein durch Abnutzung infolge von Anstrengungen und Versorgungsproblemen derartige Verluste, dass sich das Stärkeverhältnis während der Besetzung Moskaus (also des vermeintlich bereits errungen Sieges) umzukehren begann. Die unvermeidlich gewordene Flucht der „Grande Armée“ unter sehr ungünstigen klimatischen Bedingungen und einer katastrophalen Versorgungslage, führte schließlich zu deren vollständiger Auflösung, ohne dass noch eine konventionelle Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte. Unter freilich ebenso entsetzlichen Bedingungen hatten Hinhaltetaktik und Zermürbung obsiegt. (siehe: Adam Zamoyiski – Napoleons Feldzug in Russland – C.H. Beck)

 

[4] Aus dem Vietnamkrieg zogen sich die USA einseitig zurück, nachdem ihr nordvietnamesischer Gegner, trotz über Jahre hinweg erlittener, unvertretbar hoher Verluste, keine Anzeichen dafür gab, an Durchhaltevermögen einzubüßen. Weit davon entfernt, materiell an eine Grenze gekommen zu sein, war jedoch, ohne konkrete Siegesaussicht, eine Fortführung des Krieges einer Bevölkerung nicht mehr vermittelbar, die sich immer weniger mit den Kriegszielen identifizieren konnte und die immer stärker von der moralischen Bürde affiziert war, welche Kämpfe mit einem Gegner hervorriefen, der Guerillataktiken auf das Geschickteste anzuwenden wusste. (Eindrucksvoll erschließt sich das aus der 18 stündigen Dokuserie „Vietnam“ von Ken Burns und Lynn Novick, die u.a. bei Netflix zu sehen ist und die – leider gekürzt  auch bei ARTE zu sehen war.)

 

 

[5] Als Beispiel für eine Vielzahl solcher Konflikte, die von Befreiungsbewegungen gegen Kolonialmächte geführt wurden, sei hier der Algerienkrieg angeführt.

[6] Das Wort "Guerilla" hat etwa die Bedeutung "Kleinkrieg" und geht in seinem heutigen Gebrauch auf Methoden des asymmetrischen Kampfes zurück, wie sie im Befreiungskrieg gegen Napoléon in Spanien zur Anwendung kamen (siehe: Helmert / Usczeck - Europäische Befreiungskriege 1808 bis 1814/15 - Militärverlag der DDR)

[7] Während des Feldzuges der Briten im Sudan (1896-1898) vermochten die einheimischen Truppen des "Mahdi" bzw. seiner Nachfolger, es kaum, Nutzen aus den extremen Schwierigkeiten zu ziehen, vor welche die Geografie ihre britischen Gegner unter Kitchener gestellt hatte. So musste entlang des Nil eigens eine Bahnlinie gebaut werden; Kanonenboote mussten in Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt werden, um die Nilkatarakte zu überwinden. Der schließliche Versuch, die konventionell überlegenen Invasoren in einer konventionellen Schlacht zu besiegen (Schlacht von Omdurman), endete für die Verteidiger in einer Katastrophe. (siehe: Winston S. Churchill - Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi - Eichborn)

[8] Korrespondierend ist ein überlegenes Team gut beraten, es nicht soweit kommen zu lassen. Es muss den Gegner unbedingt ernst nehmen – der Sieg steht niemals schon fest; darf sich nicht zu sehr überschätzen; darf nicht bei hoher Führung versuchen, mit halb beherrschten Kabinettstücken den Gegner vorzuführen; darf nicht, in Gewissheit des sicheren Sieges, auf halber Strecke die Spielintensität abfallen lassen; darf nicht zu schematisch spielen und muss in der Lage sein, sich unvorhergesehenen Umständen, die immer wieder auftreten werden, flexibel anzupassen.