Schießen, Legen und das Mittelalter


Im Mittelalter errichtete man Burgen, um Kontrolle über strategische Punkte auszuüben. Das konnten Kreuzungen wichtiger Handelswege, bedeutende Rohstoffvorkommen oder andere Orte von besonderem Interesse sein. Die Burg beherrscht den Raum der sie umgibt. Je geringer ihre Entfernung zum strategischen Punkt, desto größer die Kontrolle darüber.

 

Wenn wir eine Kugel legen, geschieht im Prinzip nichts anderes. Wir errichten eine Festung, die den Bereich zwischen ihr und dem Cochonnet kontrolliert. Ist die Entfernung groß, so ist der Einfluß schwach, und der Gegner kann den Raum seinerseits besetzen. Bei geringer Distanz fällt ihm dieses Manöver deutlich schwerer.

 

Wenn wir nun schießen, versuchen wir die Festung zu schleifen oder im Falle eines „Carreau“, sie selbst zu besetzen, um den gegnerischen Einfluss zu eliminieren. Im Gegensatz von Schießen und Legen zeigt sich die Ambivalenz, die jedes gute Spiel auszeichnet. Indem wir auf eine Kugel schießen, verzichten wir - abgesehen vom „Carreau“- darauf, selbst Burgen zu errichten und damit das Land unter unsere Kontrolle zu bringen. Somit werden wir unsererseits angreifbar. Entscheidend ist es jedoch, handlungsfähig zu sein. Die passive Burg mag die Niederlage verhindern oder hinauszögern, allein das aktive Heer kann den Sieg bewirken.

Barbarossa - Kaiser, Heerführer und Sagengestalt des Mittelalters. Seine Zeit bietet Analogien, die das Wesen des Spiels illustrieren
Barbarossa - Kaiser, Heerführer und Sagengestalt des Mittelalters. Seine Zeit bietet Analogien, die das Wesen des Spiels illustrieren

 

Beim Boule entspricht das Heer den Kugeln, die wir noch in Händen halten. Durch die Möglichkeiten, die in ihnen schlummern, üben wir unsere Macht effektiver aus, als mit den Kugeln die bereits gespielt sind, sei ihre Position auch noch so vorteilhaft. Haben wir noch viele Kugeln zu spielen, so kann der Gegner nicht frei operieren. Haben wir wenige oder keine übrig, so sind unsere "Burgen" in großer Gefahr. Vermeiden wir also den Fehler[1], den König Guido von Lusignan bei den „Hörnern von Hattin“ beging, indem er sein Heer verlor, geraten wir nicht in Kugelnachteil.

 

Thorsten


[1] Bei "Hattin" verlor der Kreuzfahrerstaat im Konflikt mit Sultan Saladin die Masse seiner mobil einsetzbaren Kräfte. In der Folge waren befestigte Orte - sämtlich - isolierte Inseln, die im Falle einer Belagerung nicht auf Entsatz hoffen durften und überwiegend entsprechend rasch in die Hände des Gegners übergingen.

Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Hattin 

 

Bild: Reiterstandbild vor der Kaiserpfalz in Goslar