Vom Umgang mit wechselndem Glück


"Dem Tapferen hilft das Glück"

Simonides von Keos

 

Fortuna und Virtus waren zwei Erscheinungsformen des Göttlichen am vielfältigen Götterhimmel der antiken Römer. War Fortuna die Glücks- oder Schicksalsgöttin, so verkörperte Virtus die Tugend, was bei den Römern als eine Verbindung von Tapferkeit und Tüchtigkeit zu verstehen war.

 

Schon die alten Griechen kannten freilich den Einfluss der Glücksgöttin - bei ihnen nannte man sie Tyche - auf den Sport. Der Staatsphilosoph Nicolo Machiavelli nahm die Begriffe Fortuna und Virtus, um in allegorischer Weise seine politische Theorie zu verdeutlichen. Wir wollen nun, indem wir den Gedankengängen Machiavellis folgen, uns eine gut bewährte Methode erschließen, mit dem launenhaften Glück umzugehen, wie es uns im Spiel immer wieder begegnet.

 

Machiavelli fand für das Walten der Schicksalsgöttin Fortuna ein einprägsames Bild. Er verglich sie mit der Naturgewalt einer Flut. Es ist unmöglich zu verhindern, dass Naturgewalten über die Menschen hereinbrechen. Eine Flut wird sich immer wieder ereignen - sie ist Schicksal. Den Unterschied macht aber aus, wie vorbereitet die Menschen im Falle eines Falles sind. Haben sie Deiche gebaut und Kanäle gegraben, so können sie möglicherweise die eigentlich verheerende Situation gut beherrschen. So nicht, ist es ihr Untergang. Ziel des Handelns muss es also zunächst sein, durch Vorkehrungen die Situationen zu vermindern, in denen man dem Schicksal hilflos ausgeliefert ist.

 

Für das Spiel bedeutet das, sich durch beharrliches Üben in die Lage zu versetzen, immer mehr Situationen zu bestehen. Anfangs mögen wir uns bestimmten Umständen willkürlich ausgeliefert fühlen. Gegner, die man nie und nimmer besiegen kann, Böden, die nicht gemeistert werden, Situationen, die nicht durchschaut werden. Alles scheint Schicksal und Willkür.

 

Mit wachsender Güte des eigenen Handelns, also mit der Tüchtigkeit, die die Römer in der Gottheit Virtus verkörpert sahen, vermindert sich die Macht der Schicksalsgöttin beträchtlich. Wir spüren dann, wie wir unseres eigenen Glückes Schmied werden. Anfängliche Missgeschicke und Zufälle, die uns früher zum Ruin wurden, entpuppen sich plötzlich als gute Chancen, weil wir sie letztlich doch bewältigen können.

 

Gleichwohl bleibt der Zufall immer unser Begleiter. Manchmal ist das Geschick einfach gegen uns und wir müssen erkennen, dass es nicht ausreicht, Vorkehrungen zu treffen. Wir können Fortuna zurückdrängen, ausschalten können wir sie nicht. Einmal kommt der Tag, an dem sie ihre ganze Macht über uns entfaltet und sich unsere Vorkehrungen als nicht ausreichend erweisen. Dann ist die Zeit vorbei, in der wir die Dinge vollständig kontrollieren. Es geht dann nur noch darum, die unkontrollierbare Situation zu bestehen. Auch darauf müssen und können wir uns in spezifischer Weise vorbereiten. 

 

Wollen wir in diesen Situationen nicht untergehen, müssen wir in der Lage sein, rasch und entschlossen zu handeln. Hier kommt eine weitere Eigenschaft der Gottheit Virtus ins Spiel: Die Tapferkeit. Wir müssen Gelegenheiten erkennen, wenn sie sich bieten und kaltblütig genug sein, sie zu ergreifen, auch wenn der Ausgang nicht sicher ist. In der Not wirft uns Fortuna noch ein rettendes Seil zu, möglicherweise ist es aber nur eines. Vor allem müssen wir den Trend der Zeit erkennen, sehen welche Richtung die Flut nimmt und unser Handeln danach ausrichten.

 

Macchiavelli führt die GELEGENHEIT ebenfalls als allegorische Figur ein. Er stellt sie sich als Person vor, deren Haar weit ins Gesicht gekämmt ist, wodurch man sie bei der Annäherung nur schwer erkennen kann. Der Hinterkopf der GELEGENHEIT ist hingegen kahlgeschoren und es fällt daher schwer, sie beim Schopfe zu greifen, wenn sie erst einmal vorübergegangen ist - ein einprägsames Bild.

 

Es ist die Fähigkeit besonderer Persönlichkeiten, Gelegenheiten zu erkennen und zu ergreifen. Sie haben eine besondere Sensibilität dafür entwickelt, den Trend der Zeit zu erspüren. Dadurch sind sie in der Lage, nicht irgendeine Gelegenheit zu ergreifen, sondern die richtige.

 

Was bedeutet das für das Spiel?

Wenn wir uns technische Fertigkeiten aneignen, geschieht das, um im Spiel unser Handlungsspekturm zu erweitern. Mit dem steigenden Spielvermögen nehmen die Situationen zu, die wir beherrschen. Wir begehen aber einen entscheidenden Fehler, wenn wir nun darin die einzige Möglichkeit erblicken, uns zu wappnen. Wir sind dann innerlich nur auf Fälle eingestellt, in denen wir die Zügel in der Hand haben. Sobald das nicht mehr der Fall ist, glauben wir, gescheitert zu sein und können mit der krisenhaften Situation nicht mehr gut umgehen. Die Krise wird aber kommen. Wenn etwas irgend sicher ist, dann das.

 

Wenn unser Handeln uns in eine Krise geführt hat, sind wir deshalb nicht gescheitert. Das Schicksal hat uns nur eine schwierigere Aufgabe gegeben. Wenn wir die Tüchtigkeit nicht zu eng verstehen, können wir uns auch auf diese Fälle vorbereiten. Dazu bedarf es Fähigkeiten, die über das Anwenden von Spieltechniken hinausgehen. Wir müssen uns bei Zeiten angewöhnen, Spielsituationen sorgfältig zu beobachten und Entscheidungen fällen. Beides muss so akribisch betrieben werden, bis es uns zur zweiten Natur geworden ist. Das entschlossene und urteilssichere Entscheiden kann geübt und trainiert werden, wie alle anderen Dinge auch.

 

Es ist notwendig, riskante Entscheidungen als etwas zu erkennen, das eigens und unabhängig von den anderen wichtigen Einflussgrößen gepflegt und verbessert werden muss. Darum wird in den anderen Lexikonartikeln dem Entscheiden ein sehr hoher Wert beigemessen.

 

Es sollte sich zumindest ein Spieler in einer Mannschaft befinden, der in dem oben beschriebenen Sinne in der Lage ist, den Trend des Spiels zu lesen und der es vermag, rechtzeitig die Gelegenheit zu erkennen, die möglicherweise nie wiederkehrt. In der Mannschaft müssen zudem Strukturen herrschen, die es ermöglichen, solche Einsichten in Handlungen zu verwandeln. Häufig neigen Personen die gemeinschaftlich entscheiden dazu, Kompromisse zu suchen. Der Mittelweg ist aber in einer Krise häufig der Pfad in den Untergang. Die Kommunikation innerhalb einer Mannschaft darf also der oben beschriebenen Notwendigkeit, schnelle und riskante Entscheidungen zu treffen, niemals im Wege stehen.

 

Mit Tüchtigkeit bereiten wir uns vor und umschiffen manche Klippe, ohne in Gefahr zu geraten. Wenn wir daraus aber schließen, wir könnten an das Ziel gelangen, ohne je ein Risiko eingehen zu müssen, irren wir gewaltig. Wenn wir in einem Turnier auch die letzten Spiele gewinnen wollen, gewöhnen wir uns besser beizeiten daran, mit der Gefahr umzugehen. Wir werden immer wieder darauf angewiesen sein, nach etwas zu haschen, ohne schon wirklich zu wissen, ob es die rettende Gelegenheit ist. Wer dann über die richtigen Instinkte verfügt, packt sie von vorn und greift nicht ins Leere, weil er zu lange überlegt hat.

 

Entscheide schnell! Handele entschlossen! Spiele tapfer!

 Thorsten


 

Nachwort: Bei den hier getroffenen Aussagen habe ich mich an die Interpretation in Herfried Münklers Arbeit über Machiavelli angelehnt. Freilich habe ich Begrifflichkeiten und Zusammenhänge vereinfacht. Schließlich soll ja eine Pétanquemannschaft geführt werden und kein Staat. Dennoch hoffe ich, den Kern des Gedankens nicht verzerrt zu haben.

Siehe: Herfried Münkler - Machiavelli: Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz -

Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 2 (1. April 2004)

Thorsten