Konventionelle Höflichkeit im Sport

– Wie Diplomatie das Ergebnis trübt –


Höfliche Umgangsformen sind Zeichen von Kultiviertheit. Sie geben der Wertschätzung Ausdruck, die wir für andere Personen empfinden – oder spiegeln ihnen diese zumindest vor. Sie fördern ein gedeihliches Auskommen unter Menschen und manifestieren sich beispielsweise in Bitten um Verzeihung oder formellem Fragen.

 

Der Niesende, die Erläuterungen des Gesprächspartners zwar eruptiv, jedoch schuldlos unterbrechend, bittet pro forma um Verzeihung, obgleich ihm natürlich niemand das kleine Malheur verargen wird. Einander wenig vertraute Menschen erfragen zunächst, ob eine intendierte Handlung als Zumutung empfunden werde, wozu beispielsweise das Rauchen zählt.

 

Solch höflicher Umgang ist, obschon im Alltag eine Zierde, im Sport eher selten anzutreffen – aus gutem Grund. Auf Konventionen beruhende Umgangsformen sind im Pétanque zwar durchaus üblich, ihr Nutzen ist jedoch ambivalent, was mit der hohen Bedeutung zusammenhängt, die in unserer Sportart der Konzentration zukommt.

 

Ein Bild soll in die Überlegungen einstimmen:

In einem Western haben sich die beiden Helden in einer Blockhütte verschanzt, wo sie von einer Horde wilder Galgenvögel – wirklich übler Gesellen – belagert und beschossen werden. Aus Schießscharten geben sie reichlich Gegenfeuer. Würden wir es nun erwarten, dass sich die beiden Bedrängten nach Fehlschüssen beim Partner entschuldigen? Würden wir in dem Moment, da die Schurken zum Generalangriff ansetzen, erwarten, dass einer der Verschanzten den anderen frage, ob er aktiv werden solle? Wären wir uns nicht spätestens dann sicher, im falschen Film zu sitzen?

 

Was unter normalen Alltagsumständen dazu geeignet ist, zwischen einander wenig vertrauten Personen ein loses Band des Miteinander zu knüpfen – nämlich die elementare Höflichkeit – ist da verfehlt, wo Menschen bereits mit der eisernen Kette des aufeinander Angewiesenseins auf Gedeih und Verderb zusammengeschmiedet sind. In einer Kampfsituation muss man sich nicht erst gegenseitig des guten Willens versichern, man siegt entweder gemeinschaftlich oder geht gemeinsam unter.

 

Beim Pétanque tritt häufig der Fall ein, dass eine Kugel dringend entfernt werden muss, der Schütze aber mit seinem ersten Schuss fehlt. Ein weiterer Fehlschuss vergrößerte den Kugelnachteil, weshalb es die Konvention verlangt, das Team zu befragen, ob dieser gewünscht sei. Es wird gleichsam ein Dispens eingeholt. Mit dieser ebenso höflichen wie überflüssigen Geste verschlechtern sich jedoch die Erfolgsaussichten für den Nachschuss. Das kann leicht ermessen, wer einmal einer Partie Darts zuschaut. Hier werfen die Sportler stets drei Pfeile in möglichst gleichbleibendem Rhythmus mit höchster Präzision. Unterbrechungen wirken sich negativ aus, sie stören den Spielfluss. Eine absichtliche Unterbrechung, die allein dazu dient, sich pro forma eine Erlaubnis zum Handeln einzuholen, ist beim Boule eine Narretei. Oft ging der erste Schuss nur um weniges fehl und es bedarf nur einer winzigen Korrektur, die dem Schützen dann besser gelingt, solange das Wurfgefühl noch präsent ist. Die Mannschaft sollte also nicht darauf pochen, pfleglich behandelt zu werden, sondern heilfroh darüber sein, dass ihr Mitspieler die Situation beherzt zu entschärfen sucht, denn sehr oft gilt: "Die beste Verteidigung ist ein Hieb.[1]" - der jedoch treffen muss.

 

Mit den Nachfragen hat es noch eine weitere Bewandtnis. Teammitglieder können zwar die Situation taktisch einschätzen, sie können jedoch nicht ins Innere des handelnden Spielers blicken. Nur der Akteur selbst ist fähig, beide Seiten der Medaille zu betrachten, er sieht sowohl die Lage und spürt gleichermaßen, ob ihm der Wurf gelingen kann. Wenn beides gegeben ist, spricht nichts gegen ein autonomes Handeln, denn die Rückfrage richtet sich letztlich an Personen, die es nicht besser wissen können, wodurch, ohne eine Verbesserung zu bewirken, der Spielfluss unnötig gestört wird.

 

Bei Entschuldigungen verhält es sich ähnlich. Das verständliche Bedürfnis, nach eklatanten Fehlleistungen die Schuld auf sich zu nehmen, sich gleichsam Asche aufs Haupt zu streuen, ist dann fehl am Platze, wenn davon auszugehen ist, dass ohnehin jeder sein Bestes versucht. In einer Pétanquepartie ist das allemal zu erwarten. Entschuldigungen, die eigentlich nur auf Umwegen versichern sollen, dass man es eigentlich besser könne, sind überflüssig und lenken davon ab, die Scharte sogleich auszuwetzen. Ehrlich gemeinte Bitten um Verzeihung sind ebenso verfehlt, weil sie eine Art Schuldverhältnis begründen. Fehlleistungen müssen im Sport nicht vergeben noch verziehen werden, denn es besteht schlicht kein Anspruch auf den Erfolg, wohl aber auf das Bemühen. Im Bewusstsein, nicht in des anderen Schuld zu stehen, spielt es sich erheblich besser und letztlich auch erfolgreicher.

 

Mag es auch durchaus Gründe für einander wenig vertraute Spieler geben, die Konventionen der Höflichkeit einzuhalten, so sollte man sich doch davor hüten, diese als Spielkultur unter eingespielten Partnern zu bewahren. Ein rustikales Vorgehen ist einer Wettkampfsituation ebenso angemessen, wie die Höflichkeit nach dem "Fight" sofort wieder zu ihrem Recht kommen sollte.

 

Fundamentale Meinungsdifferenzen hinsichtlich der Notwendigkeit des Legens oder Schießens bedeuten eine Schieflage der Mannschaft. Ein vollständiger Einklang der Auffassungen ist gleichwohl unrealistisch. Beim Übergang von der Offensive in die Defensive existiert eine Grauzone, in der defensives Legen noch nicht zwingend notwendig ist und weiterhin offensives Schießen sich noch nicht gänzlich verbietet. In diesem Zwischenbereich kommt es allein darauf an, dass die Aktion gelingt. Alles Hemmende und Ablenkende sollte daher tunlichst unterbleiben. Der diplomatische Umgang, das einander pfleglich Behandeln, zählt dazu. Es kann ersetzt werden, durch eine allen vertraute grundsätzliche Vorgehensweise – einen Masterplan. Es wird weiterhin überflüssig durch ein grundsätzliches Vertrauen in die Fähigkeit der Mitspieler, die Situation mindestens ebenso gut beurteilen zu können, das freilich individuell verdient und immer wieder aufs Neue gerechtfertigt werden muss.

 

Thorsten

 


[1] Helmuth von Moltke d. Ä.


Ergänzung: Der "Newcomer" empfindet autonome Nachschüsse leicht als arrogant oder wenig durchdacht – so einst auch der Autor. Solcherart handelnde Schützen erscheinen wie das Klischeebild des egomanischen Tireurs, der jedes Problem für einen Nagel hält, weil er gerade zufällig einen Hammer in Händen trägt. Wachsende Erfahrung und vor allem unzählige Niederlagen durch zu defensives Vorgehen weiten jedoch den Blick dafür, dass risikolose Siege selten zu haben sind und man in Phasen, da die Luft dünn oder "bleihaltig" wird, doch lieber Partner an seiner Seite weiß, die autonom zu handeln verstehen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

 

Auch die Neigung, sich zu entschuldigen, ist anfangs stark ausgeprägt und schwindet mit den Jahren, ohne sich jedoch gänzlich aufzulösen. Kehrt sie zurück, so hilft die Befragung des eigenen Gedächtnisses, ob man jemals selbst Bekundungen des Zerknirschtseins bei anderen Spielern vermisst habe.