Gefährliche Ballungen


Beim Anschauen hochklassiger Boulepartien erstaunt, wie sehr sich die Kugelbilder der "Profis" von denen des heimischen Bouleplatzes unterscheiden. Bei den Cracks liegen jeweils nur wenige Kugeln auf dem Feld, die Räume sind weit und am Ende machen Kugeln den Punkt, die in den Partien der "Normalsterblichen" dafür nie in Betracht kämen. Warum sind diese Spiele so anders?

 

Seit den Zeiten der Antike, über das Mittelalter, bis weit in die Neuzeit hinein, lag auf den Schlachtfeldern in der Ballung von Truppen ein entscheidender Faktor für den Sieg. Ob bei der griechischen Phalanx, den römischen Legionen, den "Haufen" der Landsknechte oder den Linienverbänden des Siebenjährigen Krieges, immer waren es dicht gestaffelte Einheiten, durch die ein Maximum an lokaler Machtentfaltung möglich war.

 

Erst mit der Entwicklung effektiver Fernwaffen änderten sich die Bedingungen dramatisch. Die Truppenansammlungen stellten nun leichte Ziele dar. Es begann ein Prozess, in dem die Einheiten immer weiter aufgelockert wurden. Der Raum wurde durch Fernwaffenwirkung beherrscht.

 

Genau dasselbe Wirkprinzip lässt sich beim Boule beobachten. Je ineffizienter geschossen wird, desto mehr ballen sich die Kugeln um das Cochonnet. Es kommt zu Legeduellen auf engstem Raum. Sobald aber erfolgreich geschossen wird, ist dieses Vorgehen nicht mehr sinnvoll - es ist sogar gefährlich. Mag es noch schwierig sein, eine Kugel zu treffen, zwei oder gar drei "Boules" die dicht beieinander liegen, trifft man immer. Je besser geschossen wird, desto geringer darf die Angriffsfläche sein. Eine Kugel, die beispielsweise auf ebenem Boden direkt neben dem Cochonnet liegt, sieht nur stark aus, ist aber in Wirklichkeit ein leichtes Ziel. Selbst ein Schütze, der nur Flachschüsse beherrscht, wird in den meisten Fällen entweder die Kugel entfernen oder die Sau "mitnehmen". Daher verändern Schüsse das Spiel vollkommen. Ziel ist es nicht, sich um einen bestimmten Punkt zu ballen, sondern den Raum zu beherrschen.

Leger müssen das berücksichtigen. Die Taktik kann von ihnen verlangen, nicht direkt den Punkt am Cochonnet zu suchen, sondern eine geschickte Verteilung der Kugeln anzustreben. Ein blockierter Weg oder auch ein Bastard können erheblich wertvoller sein, als ein zum Schuss zwingender Punkt. Leger müssen danach trachten, dem gegnerischen Schützen die Aufgabe zu erschweren. Dazu müssen sie die Trefferfläche minimieren indem sie Ballungen vermeiden.

 

 

Sehen wir uns einige Beispiele gefährlicher Ballungen an:

Doppelung hintereinander:

Liegen 2 Kugeln direkt hintereinander, besteht immer die Gefahr, beide mit einem Schuss zu entfernen. Es ist ein Irrtum zu glauben, zwangsläufig müsse dann eine der Kugeln liegen bleiben. Das geschieht nur, wenn die vordere zentral getroffen wird. Sobald der Schütze diese aber seitlich trifft, kann er beide Kugeln beseitigen. Selbst wenn er zu weit zielt, zu kurz bleibt oder zentral trifft, reduziert er doch zumindest um einen Punkt. Jedenfalls ist es ein lohnender Angriff, bei dem ein Eisenschuss das richtige Mittel ist.

 

Doppelung nebeneinander:

Ähnlich verhält es sich bei nebeneinander liegenden Kugeln. Spieler können sie flach angreifen und treffen nahezu immer. Sobald sie die Mitte beider Kugeln treffen, besteht eine gute Carreauchance.

 

Kugel und Cochonnet nebeneinander:

Liegen Kugel und Schwein nebeneinander, hängt es von der Situation ab, ob bedenkenlos geschossen oder lieber verzichtet wird. Mit Kugeln auf der Hand und der Möglichkeit, die Sau ins Aus zu befördern, kann man draufhalten und bewirkt fast immer etwas Positives. Droht das Cochonnet dadurch näher an durchgelegte Gegnerkugeln gebracht zu werden, verhält es sich freilich anders. Diese Situation beinhaltet immer die Möglichkeit, die Karten neu zu mischen.

 

Kugel "press" am Schwein:

Eine Kugel, die so gelegt wird, dass ihre Rückseite das Schwein direkt berührt, wird allgemein als "press liegend" bezeichnet. Bei einem Treffer verändert das Cochonnet zwangsläufig seine Position. Es kommt immer wieder vor, das Leger, in dem Bestreben, es besonders gut zu machen, mit ihrer letzten Kugel genau diese Situation schaffen. Der Gegner hat es dann sehr leicht. Um Katastrophen zu vermeiden, muss - besonders vor dem Spielen der letzten Kugel - daran gedacht werden, den Raum zu beherrschen. Wird zu gut gelegt, kann das sehr schlecht sein.

 

Nicht nur wegen der hier beschriebenen Fälle sollten Boulespieler eine Sensibilität dafür entwickeln, nicht immer eng an das Cochonnet zu legen und so Agglomerate zu bilden. Die Vermeidung der Ballung eigener Kugeln, also deren richtige Verteilung, kann spielentscheidend sein.

 

 

Thorsten


Friedrich Wilhelm von Braunschweig, auch "Schwarzer Herzog" genannt.
Friedrich Wilhelm von Braunschweig, auch "Schwarzer Herzog" genannt.

Nachwort:

Die Schlacht bei Waterloo liegt nun mehr als 200 Jahre zurück. Der "Schwarze Herzog", an den der Obelisk erinnert, der unseren Bouleplatz überragt, starb bei einem Vorgefecht zu dieser Schlacht, bei Quatre-Bras. Zwei Tage später befanden sich die Truppen der antinapoleonischen Koalition in der Defensive. Der Herzog von Wellington - ihr Anführer - musste die Infanteristen zeitweise in engen Karrees zusammenfassen. Das waren Ansammlungen von Soldaten, die ihre Position in jede Richtung mit Gewehrfeuer und Bajonett verteidigen konnten. Es war die einzige Möglichkeit, der angreifenden französischen Reiterei standzuhalten. Damit konnten sie aber einer massiven Kanonade ausgesetzt sein. Geschickt nutzte Wellington jedoch das Gelände, positionierte die Verbände hinter dem Rand einer Hochebene und entzog sie so dem verheerenden Feuer. Indem die Nachteile der Ballung nicht wirksam wurden, konnte die Koalition durchhalten, bis preußische Verstärkungen den Kampf entschieden.