Fortschritt und Stagnation


"Der größte Feind des Fortschritts ist nicht der Irrtum, sondern die Trägheit"

                                                                    Henry Thomas Buckle


Einst Schösslinge, nun Riesen - Ergebnis langsamen und stetigen Wachstums
Einst Schösslinge, nun Riesen - Ergebnis langsamen und stetigen Wachstums

Fortschreitendes Spielvermögen zeigt sich in einer Zunahme von Handlungsmöglichkeiten und in verbessertem Handeln selbst. Ein steter Zuwachs der Leistungsfähigkeit ist vielen Spielern die Triebfeder ihrer Motivation; Stagnation wird gefürchtet.

 

Sicherlich lehrt die Erfahrung, dass mit der Weite eines zurückgelegten Weges, Fortschritte immer mühsamer zu erringen sind; muss aber der Stillstand zwangsläufig eintreten?

Beim Pétanque - als Wettkampfspiel und Mannschaftssport - hängt der Erfolg immer von anderen Personen - seien es Mitspieler oder Gegner - und natürlich auch vom Glück ab. Die objektive Messung von Verbesserungen wird so erschwert. Suchen wir nach aussagefähigen Kriterien für das Fortschreiten der eigenen Fähigkeiten, sind Siege in einzelnen Spielen oder Turnieren daher denkbar ungeeignet.

Es lassen sich aber zwei objektive Faktoren finden, die jederzeit beobachtbar sind: Zum einen ist das die Fähigkeit, möglichst früh eine gute Kugel zu spielen, zum anderen ist es das Vermögen, einer guten Kugel noch weitere folgen zu lassen und das möglichst in identischer Weise. Beide Kompetenzen sind Fortschrittsindikatoren, die stets anwendbar sind, sei der Gegner stark oder schwach. Bei sorgfältiger Beobachtung ergibt sich ein realistisches Bild des Leistungsstandes und jener Bereiche, die noch der Verbesserung harren.

 

1. Die gute erste Kugel: Gute erste Kugeln spielt, wes technisches Vermögen vielen Situationen standhält. Grundlage hierfür ist das Wissen, die jeweils richtige Wurfvariante auch im rechten Moment zu wählen. Beständiges Beobachten der Spielzüge und kritisches Hinterfragen der Ergebnisse ist unerlässlich: Warum hatte der Gegner mehr Erfolg? Warum funktionierte die Technik der Mitspieler besser als die eigene? Hätte man eine andere Taktik wählen müssen und lagen hierfür überhaupt die technischen Voraussetzungen vor? War der Sieg nicht mehr dem Unvermögen des Gegners geschuldet, denn der eigenen Stärke? Warum werden Treffer nur in einer bestimmten Entfernung erzielt? Warum wird so viel Zeit benötigt, bis eine hinreichende Trefferquote sich einstellt? 

Wer Spiele nicht einfach abhakt und Niederlagen nicht mit Pech erklärt, wird seine persönlichen "Baustellen" kaum übersehen. Wer Erfahrungen sammelt, indem er gewohnheitsmäßig Spielsituationen durchdenkt; wer sich stets an neuen Techniken versucht und alte zu verfeinern sich bemüht, sollte dem Klammergriff der Stagnation lange entkommen.

 

2. Die identische Wiederholung: Jeder Spieler legt gelegentlich eine gute Kugel oder erzielt einen sauberen Treffer. Etwas anderes ist es, solche Glanztaten zu wiederholen. Auch dieses fußt letztlich auf der Beobachtungsfähigkeit: Sind es vordergründig Zielkugel oder Donnéepunkt, welchen der forschende Blick gilt, so entpuppt sich bei genauerem Hinsehen die Psyche als eigentlicher Beobachtungsgegenstand. Die identische Reproduktion von Bewegungen beruht auf der Automatisierung von Bewegungsmustern. Spieler müssen danach streben, Erfolge nicht irgendwie und als Unikate zu erzielen, sondern sie in Anwendung der erlernten und automatisierten Bewegungen erreichen. Sie müssen die Fähigkeit entwickeln, das "Kugelgefühl" im entscheidenden Moment heraufzubeschwören. Auch hier bietet sich dem Spieler ein Feld, das, so es fleißig beackert wird, beständig Verbesserungen liefert. Wer sich vor und nach jedem Wurf etwas denkt, wer sich die Mühe macht, sich zu konzentrieren, wer Techniken der Selbstvisualisierung einsetzt, der wird in seinem Spielvermögen beständig fortschreiten.

 

Gute erste Kugeln beweisen, dass ein Spieler den vorgefundenen Bedingungen standhält und diese richtig zu interpretieren weiß. Identische Wiederholungen zeigen, dass er auch sein Innenleben erfolgreich zu handhaben versteht. Die Beobachtung - sowohl der Außenwelt, als auch des Inneren - lässt uns Bereiche finden, die der Perfektionierung harren. Ein kritischer Blick und eine gepflegte Neugierde sind es, die vor dem Stillstand schützen.

 

Wie beim Erlernen eines Musikinstrumentes, so existiert auch beim Pétanque kein definierbarer Punkt, der den Endzustand der absoluten Beherrschung der Aufgabe markiert. Nach Erlernen der Grundfertigkeiten lässt sich die Virtuosität theoretisch immer weiter steigern. Das mag den einen besser gelingen als den anderen, seien sie begabter oder von den Umständen begünstigt. Niemals sollte man jedoch in dem Bemühen nachlassen, Verbesserungen zu finden und Verfeinerungen in sein Spiel einzubauen. Das stete Feilen an den eigenen Fähigkeiten ist der eigentliche Sinn des Spiels. 

 

Thorsten

 


Ergänzung 1: Mit zunehmender Erfahrung fällt es schwerer, Neues in das eigene Repertoire aufzunehmen, weil Bewährtes reichlich zur Verfügung steht. Wer aber stets nur darauf zurückgreift, wählt die Stagnation um des kurzfristigen Erfolges willen. Wie ein guter Kaufmann es als vollkommen natürlich empfindet, einen Teil des Gewinnes zu reinvestieren, also wieder zu dessen Erhaltung und Mehrung in das Geschäft zu stecken, ohne unmittelbar Nutzen daraus zu ziehen, so muss auch der Spieler, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen, den kurzfristigen Erfolg opfern und sich in weniger Bewährtem versuchen.  Siehe hierzu: "Hintertüren"


Ergänzung 2: Wenn hier der Erfolg bei Turnieren für ungeeignet erachtet wird, das Fortschreiten des Spielvermögens zu messen, so darf doch nicht übersehen werden, dass Turniere eine ganz andere und vor allem eigene Herausforderung darstellen. Dieser Thematik widmet sich u. A. der Artikel: "Kann man siegen lernen?" Eine Fähigkeit grundsätzlich zu besitzen, bedeutet noch nicht, über sie zu verfügen, wenn es darauf ankommt. Das aber, ist wiederum ein weites Feld...  


Ergänzung 3: Im Artikel "Üben oder nicht üben?" werden Verhaltensweisen genauer beschrieben, die bei Übungen und im Spiel die Stagnation des Spielvermögens begünstigen.