Mannschaftsversagen

- Die Bedeutung von Vertrauen, Verantwortung und Professionalität - 


"Niemals ist das Bündnis mit einem Mächtigen verlässlich"

Gajus Iulius Phaedrus

 

Pétanque ist eine Sportart, die meist im Team ausgeübt wird. Daher ist nicht nur die Spielkunst der Einzelspieler erfolgsentscheidend, sondern auch deren Zusammenwirken. Wenn man so will, stellt eine Mannschaft ein Bündnis dar, das auf Zeit geschlossen, der Erreichung bestimmter Ziele dient.

 

In der Geschichte bilden die sogenannten "Triumviratezwei klassische Beispiele solcher Bündnisse, an denen sich das Scheitern von Mannschaften exemplarisch studieren lässt.

In der Endphase der römischen Republik kam es zweimal dazu, dass sich politisch einflussreiche Männer zusammenschlossen, um eine Art Machtkartell zu bilden, das - parallel zu den Strukturen des Staates - dessen Geschicke lenken sollte. Zunächst schlossen sich Caesar, Pompeius und Crassus zusammen, später unternahmen Oktavian, Antonius und Lepidus einen ähnlichen Versuch. Diese Kartelle funktionierten so lange, wie die involvierten Mitglieder sich gegenseitig Vertrauten, und ihr Handeln professionell auf die Umsetzung ihrer Ziele ausrichteten. Freilich musste jeder dieser einflussreichen Männer befürchten, von den Bündnispartnern überflügelt zu werden, was das politische und physische Ende bedeutet hätte. Tatsächlich endeten beide Triumvirate in Bürgerkriegen. Die Geschichte der Triumvirate ist aus vielerlei Gründen interessant, hier dient sie uns als Modell zur Illustrierung des Teamversagens.

 

Zwar geht es beim Pétanque nur selten zu "wie im alten Rom", doch kommt es auch auf den Bouleplätzen nicht selten vor, dass sich Rivalen lieber misstrauisch belauern und befehden, als erfolgreich an einem Strang zu ziehen. So sind aus den oben skizzierten Begebenheiten - und aus deren genauerem Studium zumal - Erkenntnisse abzuleiten, die bei der Herausforderung helfen, als Mannschaft erfolgreich zu sein.

 

VERTRAUEN:

Anders als im antiken Rom, riskieren Spieler nicht Kopf und Kragen, wenn sie dem Partner zu viel Vertrauen schenken, sie riskieren allenfalls das Spiel. Vertrauen ist ein hohes Gut, das sich innerhalb einer Mannschaft immer positiv bemerkbar macht und zudem ansteckend wirkt. Vertrauen zeigt sich, indem bestimmte Züge unternommen werden, ohne bereits zu wissen, dass der Partner sie auch in der richtigen Weise fortsetzen wird. Beispielsweise zeigt sich Vertrauen darin, dass ein Schütze früh schießt und nicht wartet, bis der Leger seine Kugeln gespielt hat, um deren Güte zu kennen. Hierdurch entstehen nicht nur neue taktische Möglichkeiten, solches Vertrauen führt auch dazu, dass die Spieler wirklich gemeinsam um die Aufnahme kämpfen und nicht nur Einzelaktionen beisteuern. Umgekehrt zeigt sich Vertrauen darin, dass ein Leger nicht versucht, jede Kugel an das Cochonnet zu legen, sondern den Raum davor blockiert, darauf hoffend, dass sein Schütze diese Kugel verteidigen wird. Spieler, die sich vertrauen können, sind in der Lage ihre ganze Kraft auf den Gegner zu richten, denn sie müssen keine Sicherheitsreserven zurückhalten. Die Mobilisierung dieser Reserven bringt den Sieg über gleichwertige Gegner. So kämpft man Schulter an Schulter.

 

VERANTWORTUNG:

Ob Spieler Verantwortung für die Mannschaft übernehmen können oder von der Gruppe ausgebremst werden, ist ein weiterer erfolgsentscheidender Faktor. Vertrauen ermöglicht die Übernahme von Verantwortung. Das eigene Handeln wird erleichtert, wenn nicht Zuchtmeister darauf lauern, jeden Fehler zu kritisieren und jede Initiative zu ersticken. Erst wenn ein Spieler weiß, dass der Rest der Mannschaft davon ausgeht, dass er sein Bestes gibt, wird er dazu auch in der Lage sein. Übernimmt ein Spieler Verantwortung, bedeutet das, für die Mannschaft autonom zu handeln. Eigenständiges Handeln wird von den Gruppenmitgliedern gern als Zumutung und Aufkündigung der Gemeinsamkeit empfunden. Geschieht autonomes Handeln aber im Sinne der Gruppe, ist es klug, dieses zu tolerieren. Eine Mannschaft sollte nicht darauf bestehen, in jeder Frage konsultiert zu werden oder einen Konsens zu erzielen - der oft auch nicht herstellbar ist - denn autonomes Handeln kann sehr erfolgreich sein. Der Sport kennt unzählige Beispiele genialer und spontaner Einzelaktionen. Sie aus Prinzip zu unterbinden wäre fahrlässig. Der so handelnde Spieler muss freilich bereit sein, Misserfolge zu verantworten. Mannschaften, in denen sich die Spieler hinter der Gruppe verstecken, um nicht persönlich zu scheitern, können nicht erfolgreich sein - sie bleiben immer unter ihren Möglichkeiten.

 

Der Prozess der Entscheidungsfindung ist eng mit der Übernahme von Verantwortung verknüpft. Befinden sich mehrere Akteure mit dominantem Charakter in einer Mannschaft, gibt es Probleme, wenn ein Spieler versucht, eine Richtung vorzugeben. Das dann einsetzende Tauziehen um die Macht ist eine häufige Ursache für Mannschaftsversagen. Spieler sollten richtige Entscheidungen akzeptieren, auch wenn sie nicht von ihnen selbst stammen. Es ist vorteilhafter, eine klare Strategie durchzuhalten, auch wenn man selbst einen anderen Spielstil bevorzugt, als durch ein Strategiemix die Kräfte des Teams zu verzetteln. Mag sich im Leben auch niemand gern bevormunden lassen, für die kurze Zeit einer Pétanquepartie ist weit Schlimmeres vorstellbar, als eine richtige Vorgehensweise als einheitliches Konzept vorgegeben zu bekommen. Ein Spieler, der dieses sachorientiert umsetzt, übernimmt Verantwortung für das Team, entlastet es und ist auf die professionelle Toleranz seiner Gefährten angewiesen.

 

PROFESSIONALITÄT:

Es wird immer wieder vorkommen, dass Mannschaften aus Menschen zusammengesetzt werden, die nur schlecht miteinander auskommen. Die "Chemie" stimmt dann einfach nicht. Hier kann es helfen, sich zu einer professionellen Einstellung zu bekehren. Verstehen wir eine Boulepartie als Bündnis auf Zeit, zur Erreichung gemeinsamer Ziele, so ist es hilfreich, die volle Konzentration allein auf deren Umsetzung auszurichten und alles Zwischenmenschliche hintanzustellen. Wir können leicht bemerken, wann wir Gefahr laufen, den Pfad dieser Professionalität zu verlassen. Das geschieht immer dann, wenn sich die Gedanken vom Spiel abkehren und sich damit beschäftigen, welche Auswirkung eine geplante Maßnahme auf die Stimmung eines bestimmten Spielers haben wird. Je mehr Aufwand wir in solche Fragen investieren, desto weiter werden wir uns vom Optimum entfernen, das die Spielsituation vorgibt. Spieler, die in solcher Weise "pfleglich" behandelt werden müssen, sind unprofessionell, weil sie ihr persönliches Empfinden über den Mannschaftserfolg stellen. Beispielsweise sollte es in einer Mannschaft möglich sein, die Positionen zu tauschen oder dieses Vorzuschlagen, ohne dass sich Spieler gedemütigt fühlen. Solche Wechsel sind Ausdruck professionellen Handelns und dienen der gemeinsamen Zielerreichung. Entscheidend ist nur, dass die Mannschaft danach besser spielt als vorher. Ferner sollten Ratschläge auch nicht als Bevormundung aufgefasst werden, sondern als Versuch, eine wichtige Erkenntnis zu teilen. Dazu trägt natürlich bei, Ratschläge nicht zu inflationieren, sondern sie auf das unbedingt nötige Maß zu beschränken. Professionelle Spieler sind niemals emotional involviert. Sie sehen über die Marotten und Zumutungen unprofessioneller Spieler hinweg indem sie diese als Teil der vorgefundenen Spielsituation auffassen. Dinge, die emotionale Spieler zur Weißglut bringen können, stellen für professionelle Spieler lediglich eine zusätzliche Herausforderung dar. Wo sie ihren Mitspielern nicht vertrauen, vermitteln sie zumindest den Anschein, lassen es sich also nicht anmerken; wo sie Verantwortung übernehmen, achten sie streng darauf, dieses rein sachorientiert und nicht selbstherrlich zu tun. Sie erkennen auch, wann es sinnvoll ist, sich um der Sache willen unterzuordnen. Professionalität ist der Kitt, der Mannschaften zusammenhält.

 

 

Pétanque / Boule - Tipps & Tricks - Mannschaftsversagen - Kommunikation / Boulelexikon
Gemeinsam Widrigkeiten trotzen

Ob eine Gruppe von Spielern zu einer echten Mannschaft wird, entscheidet über den Ausgang von Spielen und Turnieren. Vertrauen, Verantwortung und Professionalität verweben sich zu einem Netz, das die Mannschaft trägt. Wo Vertrauen und Verantwortung nicht auf natürliche Weise vorhanden sind, können sie durch eine professionelle Einstellung gefördert werden. Was in dem Hexenkessel der altrömischen Machtpolitik möglich war, nämlich ein erfolgreiches Bündnis auf Zeit, sollte auch in einer Pétanquepartie gelingen. Besteht auch immer die Gefahr, dass alles in einem "Bürgerkrieg" endet, so besteht für alle auch die Möglichkeit, auf dem Platz die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Das ist der Mühe wert.

 

"Bündnis macht die Schwachen stark"

Deutsches Sprichwort

 

Thorsten


Bild: Bäume auf felsigem Grund im Bodetal (Harz)