Strategisches Legen

- Legen aus Prinzip - 


Als Hernán Cortés sich anschickte, das Aztekenreich zu erobern, beging er damit einen Akt der Rebellion gegen seinen Vorgesetzten. Um seinen Männern zu verdeutlichen, dass ein Rückzug ausgeschlossen sei, ließ er seine Schiffe verbrennen, die ihn ins Land der Feinde getragen hatten.

 

Bereits im Jahre 310 v.Chr. hatte Agatokles von Syrakus ein ähnliches Manöver durchgeführt. Obwohl seine Stadt von den Karthagern belagert wurde, durchbrach er deren Sperre mit einer Flotte, die er nach Nordafrika führte. Nach der Landung verbrannte er die Schiffe, um den Gegner in seinem Kernland mit äußerster Entschlossenheit - und schließlich erfolgreich - anzugreifen.

 

Legen ist das Fundament des Pétanque. Mit Schüssen kann nur verteidigt werden, was vorher lag. Beim Legen taktieren - also taktisches Legen - ist das Alltagsgeschäft des Boulespielers. Ob eine Kugel "zwingend" an das Cochonnet gelegt wird, ob man dem Gegner mit einem Bastard zu denken gibt oder mit schönen Devantkugeln die Wege schließt, ob absichtlich "durchgelegt" wird, damit sich das "Sauziehen" nicht lohnt oder eine Kugel "press" und "unschießbar" an die Gegnerkugel andockt, immer ist es die taktische Einschätzung der Lage, auf die sich die Entscheidung zum Legen gründet. Was aber ist strategisches Legen?

 

Zur Unterscheidung von Strategie und Taktik hatten wir uns in der Vergangenheit schon an Clausewitz gehalten (siehe: Die Bedeutung der Strategie) Folgerichtig muss strategisches Legen etwas sein, dass aus übergeordneten Gründen erfolgt und nicht aus der konkreten Spielsituation resultiert.

 

Mannschaften in Schwierigkeiten versuchen sich durch "Drehen" zu retten. Die Spieler tauschen untereinander die Positionen. Wenn es aber schlecht läuft, hat das keinen positiven Effekt oder das Drehen wird als aussichtslos eingeschätzt und unterbleibt. In diesen Fällen absoluter Not, bietet es sich an, prinzipiell alle Kugeln zu legen, ungeachtet der taktischen Situation. Was sind die Vorteile dieses strategischen Kniffs?

 

Wenn eine Mannschaft versucht, durch aggressives Spiel zu dominieren, wird sie häufig schießen, der Gegner hingegen überwiegend legen. Mit der Zeit ist dann die defensive Mannschaft gut eingespielt und legt sehr stabil, während ihr Gegner sich meist in Schüssen geübt hat. Es kann nun dazu kommen, dass das aggressive Team erkennt: "Wir können nicht so viele Kugeln entfernen, wie sie der Gegner zu legen vermag." Das ist der Moment, da die Erkenntnis reift, dass eigene, gut gelegte Kugeln dringend gebraucht werden, kein Teammitglied aber dazu fähig ist. Entweder es wird erheblich besser geschossen oder man kommt beim Legen wieder in die Spur.

 

Indem nun das anfangs offensive Team konsequent legt, steigt die Chance, dass zumindest einer der Spieler wieder gute Kugeln produziert. Zudem wird Zeit gewonnen, da viele Kugeln herumliegen und der Gegner nur wenige Punkte pro Aufnahme machen kann. Diese Zeit kann genutzt werden, sich an Minierfolgen selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Ein weiterer Aspekt ist, dass sich viel Metall in Zielrichtung bewegt. Es steigt mit der höheren Zahl allein schon aus statistischen Gründen die Wahrscheinlichkeit, durch eine zufällig gut gelegte Kugel etwas Luft zu bekommen. Mit einer sehr guten Kugel kann dann getestet werden, ob nicht das Schießen zu den verborgenen Schwächen des Gegners gehört.

 

Dieser Argumente eingedenk, ist dennoch der bewusste Verzicht auf Schüsse der eigentliche psychologische Kniff. Die Spieler wissen dann, dass, gleichgültig wie gut der Gegner vorlegt, sie nur die Möglichkeit haben, die Kugeln selbst zu verbessern. Kein Schütze wird ihnen zur Hilfe kommen. Das diszipliniert und wirkt in etwa so, also würde man die Brücken hinter sich abbrechen oder die Schiffe, mit denen man kam, verbrennen. Es gibt dann nur noch den Weg nach vorn, Sieg oder Untergang.

 

Das strategische Legen ist eine absolute Notmaßnahme, mit der ein Team versucht, Zeit zu gewinnen und sich "zu erden". Es sollen die Grundfähigkeiten rekalibriert werden, indem zum Kern des Spiels - dem Legen - zurückgefunden wird. Strategisches Legen gelingt nur, wenn der Gegner auf keinem zu hohen Niveau spielt, da andernfalls die beschriebene Situation in kürzester Zeit in die Niederlage führt. Es ist eine Maßnahme, Legerteams und Anfängermannschaften, die man unterschätzt hat, dennoch niederzukämpfen.

 

Strategisch gelegt wird auch, wenn verhindert werden muss, dass eine Mannschaft überdurchschnittlichen Nutzen aus dem Anwurfrecht zieht. Beständig in Besitz des Cochonnets, wählt sie Entfernungen und Bodenbereiche, die ihr massive Vorteile verschaffen. Irgendwann erkennt man dann: "Wenn wir dieses Spiel überhaupt noch gewinnen wollen, brauchen wir zunächst einmal die Sau!" Dann ist es sinnvoll, lieber auf mehrere Punkte, die man mit Risiko sammeln könnte, zu Gunsten des einen, den man sicher macht und der das Anwurfrecht im Gepäck hat, zu verzichten.

 

Die taktische Möglichkeit, viele Punkte zu sammeln, wird der strategischen Notwendigkeit geopfert, das Spiel in andere Bahnen zu lenken.

Der Entschluss zum strategischen Legen fällt nicht leicht, ist er doch immer ein Eingeständnis, dass momentan nicht die Stunde ist, so smart zu spielen wie man es eigentlich wollte. Es ist hart, von den Prinzipien abzurücken, die ein fortgeschrittenes Spiel kennzeichnen. Wenig smart ist es hingegen, aus Dünkelhaftigkeit zu verlieren.

Manchmal bleibt leider nur die Wahl: Legen aus Prinzip oder unterliegen aus Prinzip.

 

Thorsten