Konzept: "Billigende Inkaufnahme"


Vorsicht ist die halbe Geschicklichkeit“

Aus: „Tausendundeine Nacht“

 

Wenn wir spielen, dann streben wir nach Genauigkeit. Aktionen sollen möglichst "auf den Punkt" präzise sein. Tatsächlich unterliegen Würfe aber einer gewissen Streuung, was grundsätzlich auch nicht abzustellen ist [1]. Freilich lässt sich die Streuung der Kugeln mit viel Übung immer weiter reduzieren, bis sie schließlich ein Minimum erreicht. Wenn wir also die Unstetigkeit als unsere ständige Begleiterin zu akzeptieren haben, sind wir gut beraten, unser Handeln danach auszurichten und uns zu fragen, wie wir Nutzen aus dieser eigentlichen Unzulänglichkeit ziehen können.

 

Es gibt Situationen im Pétanque, in denen ein bestimmtes Ereignis keinesfalls eintreten darf, weil das einer Katastrophe gleichkäme. Beispielsweise sollte man sich hüten, mit dem letzten Wurf die Sau zu bewegen, wenn der Gegner die Masse seiner Kugeln durchgelegt hat. Weiterhin kann es vorkommen, dass zwei Kugeln eng beieinander liegen und die eine zwar geschossen werden soll, die andere aber keinesfalls entfernt werden darf. In solchen Fällen, in denen etwas Bestimmtes erreicht werden muss, etwas anderes aber zu vermeiden ist, darf das Ziel der Aktion nicht rücksichtslos verfolgt werden. Klüger ist es dann, einen Erfolg nur billigend in Kauf zu nehmen.

 

Drei Beispiele sollen das näher erläutern:

 

 


Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Billigende Inkaufnahme 1
Bild 1

Beispiel 1: Die Sau nicht verschieben

Spielstand: 9 zu 9. Rot hat einen Punkt markiert und spielt die letzte Kugel. Wird die Spielrichtung gemäß Pfeil A gewählt, also versucht, die Kugel an der entsprechend dem Fadenkreuz markierten Stelle zu platzieren, droht ein Desaster, denn leicht gerät ein Wurf zu kräftig. Bei "Sauziehen" winken dem Gegner vier Punkte und der Sieg. Das ist ein zu hohes Risiko verglichen mit der Aussicht, günstigstenfalls einen weiteren Punkt erhalten zu können. Die Spielrichtung sollte tendenziell in der durch Pfeil B markierten Weise angelegt werden. Dabei wird in Kauf genommen, dass

durch die Streuung in vielen fällen kein Punkt erzielt werden wird. Dafür ist aber ein katastrophales Ereignis auch kaum mehr zu erwarten. Der Punkt wird also nicht auf "Biegen und Brechen" erzwungen.


Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Billigende Inkaufnahme 2
Bild 2

Beispiel 2: Nicht "die Falsche" schießen

Spielstand: 12 zu 9 für Rot. Per Schuss könnte der Sieg erzielt werden, denn die rote Kugel hätte dann den 13. Punkt im Gepäck. Wird sie hingegen entfernt, ist die Niederlage perfekt. Versucht man die Aufgabe durch einen Schuss zu bewältigen, ist es klug, das Ziel an der mit B markierten Stelle zu suchen. Gerät der Schuss zu lang, ist nichts Schlimmes geschehen. Gerät er etwas zu kurz, ist das der Sieg. Zielt man hingegen auf Position A, bedeutet das "Alles oder Nichts". Bei diesem Spielstand ist ein so hohes Risiko kaum angemessen. Es reicht, den Treffer billigend in Kauf zu nehmen indem absichtlich zu weit gezielt wird, auch wenn die Trefferwahrscheinlichkeit dabei sinkt.


Beispiel 3: Nicht "drücken"

Folgende Situation ist ebenfalls für das „Konzept der billigenden Inkaufnahme“ geeignet:

 

Haben wir eine Kugel vor dem Schweinchen liegen, die knapp nicht den Punkt hat, wollen wir sie natürlich mit der letzten Kugel noch gerne hineinspielen (siehe Beispiel 5). Bei dem Versuch geschieht es aber häufig, dass einfach "durchgelegt" wird. Statt Freude über zwei gewonnene Punkte kommt dann Ärger über zwei verlorene auf. Besser versucht man, einfach einen weiteren Punkt zu legen. Dabei wird genau in die Richtung der liegenden Kugel gespielt, als sei diese nicht vorhanden. Hierdurch wird zumindest ein Punkt erzielt, die Chance auf einen zweiten bleibt jedoch gewahrt.


  

Mit zunehmender Erfahrung wird ein Spieler vermehrt die Möglichkeiten erkennen, die aufgrund der Streuung in seinen Würfen angelegt sind. Dabei geht es darum, das Erreichbare mit leichter Hand nur bis zu jener Grenze zu betreiben, ab der das Risiko eines erheblichen Schadens sich deutlich erhöht. 

 

Oft ist es auch möglich, ein ganzes Bündel von Optionen anstelle eines einzelnen Zieles in Betracht zu ziehen. Die schelmische Frage: "Hast du das wirklich genau so gewollt?", die nach besonders überraschenden Aktionen gern gestellt wird, lässt sich dann gar nicht mehr so leicht beantworten. Wer das „Konzept der billigenden Inkaufnahme“ einmal verinnerlicht hat, wird schnell viele Einsatzmöglichkeiten entdecken. Was oberflächlich für Pech gehalten wird, reduziert sich dann auf wundersame Weise.  

 

Thorsten


[1] Diese Aussage bedarf eigentlich keiner weiteren Begründung, wird ihre Wahrheit doch jedem Spieler immer wieder aufs Neue vor Augen geführt. Dennoch ist es interessant, dass sich eine wissenschaftliche Begründung hierfür finden lässt, die auch experimentell erhärtet werden konnte. Für ein tieferes Verständnis der Vorgänge des Werfens ist sie unerlässlich. Ich verweise auf den Artikel: "Der Wurf aus wissenschaftlicher Sicht" und insbesondere auf die dort angeführten Quellen.


[2] Nachfolgend noch zwei Beispiele für das Spielen mit mehreren Optionen:

Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Billigende Inkaufnahme 3
Bild 3

Beispiel 4: Entweder oder...

Spielstand 11:10 für Rot, das die letzte Kugel spielt. Um das Spiel jetzt zu gewinnen, soll die rote Devantkugel leicht vorgeschoben werden. Die schiebende Kugel soll ebenfalls einen Punkt markieren. Rot legt nun so, als solle ein einfacher Punkt an die Stelle des Fadenkreuzes gelegt werden. Dieser Plan scheint Rot doppelt sinnvoll, da bei einer leichten Abweichung nach rechts oder links zumindest ein Punkt zu erwarten wäre. Die Chance auf den Sieg bliebe auch dabei gewahrt, sofern die Kugel zu geschwind rollt, an die blaue stößt und deren Position verschlechtert.

All das sind Möglichkeiten, die billigend in Kauf genommen werden.


Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Billigende Inkaufnahme 4
Bild 4

Beispiel 5: Kugel oder Sau

Rot ist in Kugelnachteil geraten. Die blaue Kugel muss freilich dringend weichen, will man sich nicht "leerspielen". Es wäre nun günstig, das Cochonnet ins Aus zu befördern oder es so weit hinten zu platzieren, dass eine daraufhin gut gelegte Kugel nicht mit Aussicht auf Erfolgt angegriffen werden kann. Es wird daher ein Schuss an der durch das Fadenkreuz angegebenen Stelle angesetzt. Sollte dabei lediglich die blaue Kugel getroffen werden, ist das ein Teilerfolg der billigend akzeptiert wird.