Pétanque, die Kunst des Weglassens


Sir Arthur Conan Doyle legte Sherlock Holmes folgende Worte in den Mund, mit denen dieser seine Methode erklärte: "Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag."

Die Wahrheit liegt also bereits fast offen zu Tage, sie muss nur noch durch Absonderung des Unwahren extrahiert werden.

 

Jeder Pétanquespieler hat sich irgendwann einmal gefragt, was genau getan werden muss, damit Würfe besser gelingen. Natürlich bekommt man dann einen Kanon präsentiert, den es zu beherzigen gilt. Es sei der Fuß so hinzustellen, die Hand auf diese Weise zu halten, der Daumen auf jene Art abzuspreizen oder anzulegen etc. etc.

Diese Ratschläge haben ganz sicher auch ihre Bedeutung. Könnte es jedoch nicht sein, dass schon die Frage im Grunde falsch gestellt ist? Ist es nicht eher so, dass es darum geht, etwas zu lassen als zu tun?

Verborgenes befreien
Verborgenes befreien

Beim Betrachten von Zeitlupenaufnahmen guter Techniker frappiert, wie einfach und anscheinend mühelos ihre Bewegungen sind. Weniger versierte Spieler haben dagegen ein Repertoire von kuriosen und überflüssigen Bewegungen, mit denen sie meinen, besonders schwierigen Aufgaben begegnen zu müssen. Zudem mühen sie sich sichtbar. Natürlich ist es nicht so leicht, ein Ziel zu treffen, das mit einem Durchmesser von ca. 75 mm etwa 8 m entfernt liegt. Es ist aber auch nicht so schwierig, wie man möglicherweise meint. Ganz sicher jedoch ist es nicht förderlich, sich die Aufgabe noch zusätzlich zu erschweren. Jede Bewegung muss vom Gehirn koordiniert, durch Gegenbewegungen ausgeglichen und zudem sauber ausgeführt werden. Ist es da nicht klug, den Bewegungsablauf so einfach wie möglich zu halten?

 

 

Sammeln wir einige Beispiele für überflüssige Bewegungen:

Das Knicksen: Hierbei wird kurz vor dem Abwurf eine Art Knicks mit den Knien vollführt. Der Körper bewegt sich dadurch in der Vertikalen und muss diese Bewegung an anderer Stelle ausgleichen. Was bei der Bachstelze recht apart aussieht, ergibt beim Boule wenig Sinn.

 

Das Schwanken: Gern wird auch eine leicht schwankende Bewegung mit dem Oberkörper unternommen. Das führt zu einer Bewegung in der Horizontalen und ist eine weitere Fehlerquelle. Vermutlich schwankt man aus Unentschlossenheit, weil man sich nicht entscheiden kann, ob der Körper oder der Arm die Kugel lenken soll.

 

Das Vorbeugen: In dem Bestreben, dem Ziel näher zu sein, beugt man den Oberkörper gern nach vorn, was nicht nur zu einem instabilen Stand, sondern auch zu einer Bewegung in Wurfrichtung führt. Im Extremfall fällt man nach dem Wurf vorwärts aus dem Kreis. Lustig anzusehen, aber nicht von Vorteil.

 

Das Drehen des Handgelenkes: Der Mensch ist es gewohnt, alles mit den Händen zu machen. Dass die Hände beim Pétanque nur zum Loslassen dienen, will ihm nicht in den Kopf. Also wird das Handgelenk so lange gedreht und mit den Fingern die Kugel manipuliert, bis der Wurf ruiniert ist.

 

Der Arm: Wenn die Hand nur loslässt, wer steuert dann eigentlich? Das ist natürlich der Arm, weshalb man ihm die Aufgabe nicht dadurch erschweren soll, dass man das Ellenbogengelenk beim Werfen anwinkelt. Das Sicheln und Sensen von rechts nach links (beim Rechtshänder) ist auch eine beliebte Überflüssigkeit. Der Arm soll möglichst gerade bleiben und sich lediglich von hinten nach vorn und von unten nach oben bewegen. 

 

Die Variation kann ebenfalls stabil sein, sofern sie nicht zu sehr von dem abweicht, was die Essenz des Standards ausmacht.
Die Variation kann ebenfalls stabil sein, sofern sie nicht zu sehr von dem abweicht, was die Essenz des Standards ausmacht.

 

Schlußbemerkung: Menschen sind nicht genormt, jeder hat seine persönliche Wesensart. Man kann Boulespieler schon aus Hunderten Metern Entfernung allein aufgrund ihrer Bewegungsmuster individuell unterscheiden. Seinen Eigenarten soll auch jeder Spieler frönen und den eigenen Weg finden. Zu bedenken ist dabei aber, dass man mit einem eigenen Stil das Richtige variiert während man im Ausleben von Marotten lediglich das Falsche zelebriert.

 

"Wenn man das Unnötige fortlässt, muss das, was übrig bleibt, zwangsläufig das Notwendige sein und das ist weniger als man gemeinhin annimmt."

 

 

Thorsten


Ergänzung: Es ist nun einige Jahre her, da ich diesen Text verfasst habe. Auch aus heutiger Sicht erscheint mir das Bemühen um eine schlichte und effiziente Bewegung sehr wichtig zu sein. So finde ich wenig Anlass, Entscheidendes an dem Gesagten zu verändern. Etwas möchte ich aber doch ergänzen:

Die Eliminierung der hier aufgezeigten überflüssigen Bewegungen führt keinesfalls zwingend zu dem erstrebten reinen und flüssigen Wurf. Meist werden sie, einmal beseitigt, nur durch feinere Marotten ersetzt. Ich halte solcherlei unwillkürliche Bewegungen mittlerweile für Versuche des Körpers, nachzusteuern - also eine für unzureichend erachtete Wurfbewegung noch zu heilen. Wie sich derweil herausgestellt hat, ist die Fähigkeit des Unterbewusstseins, solch winzige Korrekturen im allerletzten Moment noch vorzunehmen, ganz entscheidend für das Wurfergebnis. Es ist die Frucht langer Erfahrung. Gleichwohl finden offensichtlich auch immer wieder Korrekturen statt, wo sie nicht vonnöten sind, was natürlich den Wurf verdirbt. Je weniger man mit sich selbst im Reinen ist, je kritischer man seinem eigenen Handeln gegenübersteht, desto schlechter wird es meist.

 

Zum Phänomen des Knicksens sei noch das Folgende gesagt: Unbezweifelbar gibt es eine ungute Form dieser Bewegung mit den Beinen. Andererseits leben viele Wurfvarianten von der Körperspannung, die in den Füßen beginnt. Gleich einer Feder entlädt sie sich zum rechten Zeitpunkt und gibt dem Wurf Dynamik. Nicht jedes Federn in den Knien ist demnach von Übel. Das sei kurz am Beispiel von Schüssen erläutert:

Im Nahbereich, also etwa zwischen 6 und 7 m, reicht meist der reine Armschwung, ein Ziel zu treffen. Befindet sich dieses jedoch in größerer Entfernung, wird es schwer, es mit einer Kugel zu erreichen, die zudem noch in hohem Bogen anfliegen soll. Der Schütze arbeitet hier dann vermehrt mit der Körperspannung.

Dem Beobachter fällt dieses meist als Federn in den Knien auf - gut beherrscht, stellt es meiner Meinung nach keine Unzulänglichkeit, sondern eine Notwendigkeit dar.

Der Wechsel zwischen nah und fern fällt den meisten Schützen recht schwer. Liegt es daran, dass mal nur mit dem Arm gearbeitet werden kann und dann wieder der ganze Körper zum Einsatz gelangen muss? Kommen sich im Grenzbereich beide Wurfweisen ins Gehege?


Dieser Artikel wird ergänzt durch: "Stilfragen"

 

Anmerkung: Dieser Artikel wurd von Darts1.de - Deutschlands größter Dartsseite - für eine Kolumnenreihe übernommen:  https://www.darts1.de/kolumnen/darts-und-petanque.php

 

Bild 1: Haus im Drömling

Bild 2: Kastanie am Elmrand nahe Erkerode