Gute und schlechte Spiele


Als im Jahre 1755 die Stadt Lissabon von einem verheerenden Erdbeben getroffen und dabei zur Gänze zerstört wurde, erschütterte diese Katastrophe auch das Denken des Abendlandes. Wie konnte ein gütiger Gott solches zulassen, warum ist das Böse in der Welt [1]? Das Negative seinem Wesen nach zu begreifen, ist eine Herausforderung – keinesfalls nur in großen Dingen. Geht es im Alltag glücklicherweise meist nur um Banales, so machen es auch hier Niederlagen und Enttäuschungen erforderlich, sich zu ihnen in irgendeiner Weise zu verhalten. In der Welt des Spiels, die einzig uns hier interessiert, werden damit wichtige Weichen gestellt.


Marc Aurel, bedeutender stoischer Philosoph und Kaiser des Imperium Romanum, fand in seinen "Selbstbetrachtungen" [2] hierzu einen weisen Ansatz:

Marc Aurel - Kaiser, Denker, Klassiker. Ein Zufall rettete sein Reiterstandbild vor der Zerstörung im Mittelalter
Marc Aurel - Kaiser, Denker, Klassiker. Ein Zufall rettete sein Reiterstandbild vor der Zerstörung im Mittelalter

"Diese Gurke ist bitter. Nun, so wirf sie weg. Hier sind Dorngesträuche am Weg. Weiche ihnen aus. Das ist alles. Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge in der Welt? Sonst würde dich ein Naturkundiger auslachen, gleichwie der Tischler und der Schuster dich auslachen würden, wenn du's ihnen zum Vorwurf machen wolltest, da du in ihren Werkstätten Hobelspäne und Lederabfälle wahrnimmst. Und doch haben diese Leute noch einen Ort, wo sie dergleichen hinwerfen können. Die Allnatur aber hat außerhalb ihres eigenen Kreises nichts. Das ist gerade das Bewundernswerte in ihrer Kunstfertigkeit, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung alles, was in ihr zu verderben, zu veralten und unbrauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen umwandelt und eben daraus wieder andere neue Gegenstände bildet. Sie bedarf zu dem Ende ebensowenig eines außer ihr befindlichen Stoffes, als sie eine Stätte nötig hat, um das Morsche dorthin zu werfen. Sie hat vielmehr an ihrem eigenen Raum, ihrem eigenen Stoff und an ihrer eigenen Kunstfertigkeit genug. "

Selbstbetrachtungen Kapitel 8/50 – http://gutenberg.spiegel.de/buch/des-kaisers-marcus-aurelius-antonius-selbstbetrachtungen-1479/8

 

Die Niederlage in einem wichtigen Spiel ist demnach kein geistig schnell zu entsorgender Unrat eines ansonsten erfolgreichen Spieltages. Vielmehr handelt es sich dabei um den Rohstoff, aus dem der künftige Spieler geformt wird. Wie spielten wir ohne die lange Kette der bereits erlittenen Niederlagen, zu welchen Einsichten wären wir gelangt? Genau betrachtet sind gerade die Spiele in denen wir scheitern der Grund, warum wir uns Herausforderungen suchen. Während der Sieg uns sanft zuraunt: "Es ist alles gut, mach weiter wie bisher." fährt uns die Niederlage harsch an: "Ändere Entscheidendes!" Welche von beiden Aussagen hören wir lieber und andererseits, welche trägt nachhaltiger zu unserem Wohle bei?

 

Wie das Licht vollkommen unsichtbar den leeren Raum durchquert und erst an einem Objekt aufscheint, das es zum Leuchten bringt, so fängt sich der Geist erst an Hindernissen, auf die er stößt. Hinreichend scharf gebündelt, vermag es sie nicht nur zu erhellen [3], sondern manchmal sogar zu durchdringen und sich in jenen Bereich auszudehnen, der bislang im Schatten lag. 

 
Das "Schlechte" nicht einfach zu ignorieren und gedanklich auszusondern, es vielmehr umzudeuten, in ihm eine Ressource zu sehen, ist ein Ansatz, der sich offensichtlich vollkommen im Einklang mit der Welt befindet, so wie sie seit Anbeginn ist [4]. Er ist bestechend vernünftig, denn wenn das Negative, dass aktuell zu meiden man bemüht ist, sich langfristig geradezu als Segen erweist, ist es leichter damit umzugehen und jene philosophische Gelassenheit zu entwickeln, die einem Niederlagen erspart, die einzig aus Angst vor ihrer selbst entstehen.

Thorsten


Das Licht der Sonne - erst der hindernde Dunst der Atmosphäre bringt es zum Leuchten.
Das Licht der Sonne - erst der hindernde Dunst der Atmosphäre bringt es zum Leuchten.

[1] Zur Katastrophe siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Lissabon_1755
Anmerkung: Es soll in diesem Text nicht bezweifelt werden, dass Katastrophen die Kräfte des Individuums in jeder Beziehung überfordern können und dadurch in der Tat verheerend sind. Solche Unglücke sind jedoch nur für den Einzelnen verheerend oder nur für den Moment, nicht aber absolut – und darauf kommt es in dieser Argumentation an. Erdbeben und Vulkane sind beispielsweise die sichtbaren Zeichen jener Prozesse im glutflüssigen Erdinneren, ohne deren Walten der Planet möglicherweise nicht in der Lage wäre, Leben zu tragen.

[2] Die "Selbstbetrachtungen", dieses erhaltene Büchlein des bedeutenden Kaisers und Denkers, dieser Klassiker seit fast zweitausend Jahren, erlangte in der jüngeren Vergangenheit das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit. Helmut Schmidt erwähnte es häufiger als eines jener Werke, die sein Denken geprägt hätten. Zur Person Marc Aurels siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Aurel

 

[3] Siehe hierzu: Selbstbetrachtungen Kapitel 8/57 – http://gutenberg.spiegel.de/buch/des-kaisers-marcus-aurelius-antonius-selbstbetrachtungen-1479/8 Mark Aurel hat die Natur des Lichtes erstaunlich genau erkannt, dass ja, solange die Prozesse in der Sonne anhalten, sich in stetem Strom in den Raum ergießt und so eine Sphäre bildet.


[4] Tatsächlich sind wir Menschen und nahezu alles, was uns umgibt, ein anschaulicher Beweis für diese These. Die überaus meisten Elemente, aus denen wir und unsere Umwelt bestehen, waren nicht immer schon vorhanden, sie mussten vielmehr erst in Sternen "erbrütet" und nach deren "Vergehenfreigesetzt werden. Den Stoff zu erschaffen, aus dem wir gemacht sind, war es zunächst notwendig, dass ganze Welten untergingen – gut oder schlecht? Offensichtlich ist jedenfalls, dass diese Frage mit dem sich weitenden Blick an Relevanz verliert - das gilt im Kleinen wie im Großen. Siehe: http://www.weltderphysik.de/gebiet/teilchen/hadronen-und-kernphysik/elemententstehung-und-erzeugung/entstehung-der-elemente/


Bild: Klosterkirche in Riddagshausen