Effet (Drall 4)


- Des Rückdralls "schräger Bruder" - 


In dieser Artikelserie wurde der Rückdrall bereits dreimal behandelt (siehe: Drall I – Grundlagen; Drall II – Anwendung; Drall III – Ein Fazit). Dabei war eine Schräglage der Rotationsachse gleichbedeutend mit einer Störung. Tatsächlich ist ein "unreiner Drall" – also eine Rotation, die unbeabsichtigt nicht vollkommen rückwärtig ausgerichtet ist – eine der Hauptursachen für verspringende Kugeln. Anders verhält es sich jedoch, wenn die schräge Rotationsachse absichtlich herbeigeführt wird, um bestimmte Effekte zu erzielen. Dann sprechen wir vom "Effet" und können einige der erstaunlichsten und schönsten Würfe beobachten, die das Pétanque zu bieten hat. Die Kugeln laufen mit Effet nicht geradeaus, sondern beschreiben Kurven. So können sie Hindernisse elegant umgehen und stoßen in Räume hinein, die eigentlich bereits vom Gegner abgesichert wurden. Eine "böse" Überraschung.

 

Wie ausgeprägt und präzise diese Umgehung ausfallen kann,

zeigt folgendes Video mit Marco Foyot:

 

https://www.youtube.com/watch?v=PM6FYEB-QVA

 

Der Effetwurf zählt leider zu jenen Praktiken, deren Aneignung mit schriftlichen Quellen nur unzureichend gelingt. Besser lernt man ihn bei einem Spielpartner und versucht dann, durch Ausprobieren den richtigen "Dreh" zu finden. Es gibt dennoch einige Tipps, die dabei hilfreich sein können:

 

Damit die Kugel eine Kurve beschreiben kann, müssen wir ihre Drehachse in eine 45° Position bringen. Die Kugel rotiert dann aus Sicht des Spielers nicht um eine waagerechte Achse, vielmehr ist diese nach links oder rechts geneigt. So kann sie bei Bodenkontakt "eindrehen". Hierzu müssen wir einerseits den Arm von hinten nach vorn schwingen – wie wir das gewohnt sind – andererseits aber die Finger zur Seite hin öffnen. Beide Bewegungen müssen parallel stattfinden und sich harmonisch ergänzen. Die Kugel wird in jene Richtung abbiegen, auf welche die Finger der Hand im Moment des Loslassens weisen. Anders als beim "reinen" Rückdrall, zeigt beim Effetwurf der Handrücken also nicht nach oben. Soll eine Rechtskurve geworfen werden, weist der rechte Daumen nach unten und die Finger öffnen sich seitlich nach links. Soll eine Linkskurve geworfen werden, weist der rechte Daumen nach oben und die Finger öffnen sich seitlich nach rechts.

 

Gelingt es, der Kugel den gewünschten Effet zu geben, kann man damit seitliches Gefälle ausgleichen; Données anspielen, die nicht zwischen Spieler und Ziel liegen oder Kugeln genau zwischen Gegnerboules und Cochonnet platzieren, indem diese einfach umgangen werden.

 

Leider verändert sich das Laufverhalten der Kugeln dabei stark. Verglichen mit dem reinen Rückdrall, werden sie schwächer gebremst und die Laufwege sind schwieriger zu berechnen. Der Effetwurf ist daher eher eine Option für ganz spezielle Momente. Anders als im eingangs gezeigten Video wird man zudem den Wurf eher steil ansetzen und das Donnée relativ nahe dem Ziel platzieren. Hierdurch kann einerseits die Kugel gehörig in Drehung versetzt werden, was den Effekt verstärkt, andererseits wirken sich falsch berechnete Kurven nicht so gravierend aus.

 

Wird flach gespielt, ist man eher versucht, der Kugel einen leichten "Spin" beizufügen, die Kurve also nicht zum Hauptelement des Wurfes zu machen.

Die Stärke des Effetwurfes liegt eindeutig in der Überraschung. Er ist sehr oft der Schlag, den man nicht kommen sieht. Punkte, die im entscheidenden Moment durch Effet erzielt werden, sind das kleine Wunder, das manchmal nötig ist, ein Spiel zu gewinnen.

 

Thorsten

 


Ergänzung : Eine weitere Möglichkeit der Umgehung von Hindernissen wird im Artikel "Schere" aufgezeigt.


Nachbetrachtung:

Das hier beschriebene Prinzip spielt auch bei militärischen Konflikten eine Rolle, wo es als "SEITLICHE UMFASSUNG" ODER "FLANKIERUNG" ein klassisches Mittel darstellt. Durch ein solches Manöver wird bewirkt, dass des Gegners Kräfte falsch positioniert sind, und günstigstenfalls nicht eingesetzt werden können.

 

Am 5. Dezember 1757 wurde die "Schlacht bei Leuthen" geschlagen, die eine der denkwürdigsten Begebenheiten des "Siebenjährigen Krieges" war. Preußische Truppen unter König Friedrich II führten ein verdecktes Manöver gegen ein mehr als doppelt so starkes Heer der Österreicher durch. Diese hatten eine Frontlinie von nahezu 9 km Länge gebildet. Einer heimlichen Massierung des preußischen rechten Flügels folgte ein überraschender Angriff in die linke Flanke des Gegners. Eine sich ausbreitende Verwirrung und das lokale Übergewicht führten schließlich zu einem vollkommenen Sieg. Den Soldaten kam es wie ein Wunder vor, sie sangen den "Choral von Leuthen": "Nun danket alle Gott... "