Selbstvertrauen III: Auskommen


Beim Pétanque erleben wir es, dass unser Leistungsvermögen Schwankungen unterliegt, dass wir zeitweilig brillant spielen, ein andermal jedoch ungeschickt wie Anfänger handeln. Dafür lässt sich manche Ursache finden, eine wesentliche ist die Kontextbezogenheit des Selbstvertrauens, was sich im Scheitern an großen Aufgaben zeigt. Sind wir unserer selbst sicher, handeln wir unbefangen; fürchten wir hingegen, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, wächst der Stress und das Handeln verliert jene Geschmeidigkeit, die eine notwendige Bedingung der Präzision ist. Ein Dilemma: Mit wachsender Aufgabe schwindet das Zutrauen, sie zu meistern. Fast jeder Spieler erfährt das am eigenen Leibe, wenn er beispielsweise seine Trefferquote im Training mit der in "wichtigen" Spielen vergleicht. 

In einem Bild haben wir versucht, uns diese Problematik zu verdeutlichen. Das Gehen, diese alltäglichste aller Tätigkeiten, fällt dann plötzlich schwer, wenn man auf schmalem Grat über hohem Abgrund wandelt. Die Angst zu fallen lähmt die Bewegungen und zwingt zu einer Haltung des Meidens, durch die der Mensch die Souveränität über sein Tun verliert.

In zwei vorangegangenen Artikeln wurden Möglichkeiten aufgezeigt, damit umzugehen:

- Zum einen ist es möglich, den Blick von der drohenden Gefahr abzuwenden, die Größe der Aufgabe also bewusst zu ignorieren [1].

- Zum anderen existiert eine Reihe von Optionen, das Selbstvertrauen so weit zu mehren, dass ein Erfolg in der "Prüfung" wahrscheinlich erscheint [2].

 

Bleiben wir beim Bild des Wanderers am Abgrund: Gibt es nicht noch einen dritten Weg neben Bewahrung und Erwerb des Selbstvertrauens? Lassen sich nicht Mittel denken, mit denen der Wanderer die Gefahr für sich beseitigen könnte, ein Seil, dass ihn hielte oder ein Weg, der weniger exponiert, dennoch zum Ziel führte? Suchen wir nach Möglichkeiten, die uns mit dem vorhandenen Selbstvertrauen auskommen lassen:

 

Vom Wert der Gewöhnung:

Eine simple Methode, die "Fallhöhe" in Wettkämpfen zu reduzieren, besteht darin, diese häufig zu praktizieren. Ein Pétanqueturnier mag eine aufregende Sache sein, wenn aber bald das nächste ansteht, ist die Gefahr eines nachhaltigen Scheiterns nicht gegeben. Eine etwaige Scharte kann schnell ausgewetzt werden. Eine Niederlage muss – und auf diesen Gedanken kommt es hier an – daher nicht sonderlich in Erwägung gezogen werden. Wo Fehler immer wieder ausgebügelt werden können, wird sich eine lähmende Angst kaum einstellen.

 

Das ist nun ebenso wahr wie wohlfeil – Gewöhnung lässt abstumpfen. Es wird aber immer Spiele geben, die etwas Besonderes sind, Turniere, die eine höhere Wertigkeit aufweisen, Endspiele und Meisterschaften, von denen anzunehmen ist, sie böten eine Chance, die vermutlich nicht so schnell wiederkehren wird. Was kann also in solchen Gipfelhöhen Sicherheit geben, was den Fall in "wirkliche" Tiefen verhindern?

 

Großes Selbstvertrauen benötigen wir zur Bewältigung besonderer Aufgaben. Warum aber suchen wir in Spielen nach solchen Herausforderungen? Doch wohl letztlich, um Anerkennung zu bekommen; um Bestätigung durch Leistung zu finden. Der Lohn ist also die Akzeptanz der Anderen und das Bestehen vor uns selbst. Können wir solches auch ohne den Einsatz besonderen Selbstvertrauens erlangen? 

 

Vom Wert der Vielfalt:

Je enger der Kreis der Ereignisse gezogen wird, aus denen uns Bestätigung zufließen kann, desto größer ist die Gefahr, bei einem Fehltritt alles zu verspielen; desto mehr Mut benötigen wir. Nur der vom Scheitern Bedrohte muss jedoch alles auf eine Karte setzen; nur der Vabanquespieler kann vollständig scheitern.

Gelassenheit – die Bedingung des überlegenen Spielens -, wächst mit der Zahl der Bereiche, die Bestätigung generieren. Das kann eine Funktion in der Gruppe oder im Verein sein, Erfolg im Beruf, Engagement für die Familie, ein weiteres, nicht unbedingt wettbewerbsorientiertes Hobby etc. Wenn Sportpsychologen raten, neben dem Sport noch weitere Identitäten auszubauen, sich "Gegenwelten" zu schaffen [3], haben sie dabei natürlich den Profi im Sinn, der immer Gefahr läuft, buchstäblich alles in die Waagschale zu werfen und nichts zu erhalten. Mag das beim Freizeitsportler auch übertrieben erscheinen, das rechte Maß kann auch ihm schnell entgleiten. Niemals sollte eine Herausforderung alles andere in den Schatten stellen. Sie nicht so wichtig nehmen (müssen) ist ein guter Weg, sie zu bestehen.

 

Vom Wert der Freude

Einem Sport wie dem Pétanque schließt man sich stets um der Freude willen an. Es liegt möglicherweise tief in unserer Natur begründet zu werfen [4], wir erfahren dabei Glück und Befriedigung. Irgendwann, das liegt ebenfalls in unserer Natur, gewinnt dann der Wettbewerb größeren Raum. Aus der Freude über ein seltenes Gelingen wird mit den Jahren Frust schon bei eher seltenem Scheitern. Wenn aus einem "kann" ein "muss" wird, aus forderndem Spiel eine Überforderung, dann ist es Zeit, den Vergleich mit Anderen ruhen zu lassen und die Freude wieder freizulegen. Nicht selten erlebt man einige Tage nach Wettkämpfen, wenn sich die Anspannung löst, oder noch während des Wettbewerbs, wenn die Ziele bereits außer Reichweite sind, einen deutlichen Zuwachs des Spielvermögens – einhergehend mit der Freude am reinen Tun. Wie das Phänomen des Flow [5] zeigt, gelingt uns etwas, weil es Freude bereitet und bereitet Freude, weil es gelingt. Solches Handeln ist durch sich selbst gerechtfertigt, es bedarf keiner weiteren Bestätigung. Sich den Sinn dafür bewahren, dass der spielerische Teil des Sports nie verloren gehen darf, heißt erst, ihn ernsthaft betreiben.

 

Vom Wert der Hoffnung

Menschen, die ein Musikinstrument erlernen, tun das in dem Wissen, "ein sehr dickes Brett bohren zu müssen". Die meisten werden den Gipfel der Virtuosität nie erreichen und doch werden alle, die nicht vorzeitig aufgeben, die Erfahrung machen, sich ihm langsam aber beständig zu nähern. Es motiviert, auf Fortschritte zurückzublicken und sie auch künftig zu erwarten. So gesehen ist die stete Entwicklung das eigentliche Ziel der Bemühungen.

Pétanque ist ein Sport, der nicht plötzlich aufgegeben werden muss, weil die Kräfte nicht mehr reichen oder Verletzungen sich einstellen. Die Möglichkeit einer sehr langfristigen Entwicklung ist realistisch, und relativiert die Wertigkeit kurzfristiger Erfolge. Die begründete Aussicht, künftig verbessert antreten zu können, lässt die Notwendigkeit schrumpfen, ein Ziel augenblicklich erreichen zu müssen – beste Voraussetzungen für ein unerwartetes Gelingen.

 

Vom Wert der Freundschaft

Eine Gruppe von Menschen kann gemeinsam an einem Strang ziehen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen; sie kann aber auch aus reiner Sympathie und Wertschätzung füreinander gemeinschaftlich handeln. Im ersteren Falle, werden Probleme auftreten, sobald das angestrebte Ziel außer Reichweite zu geraten droht. Dagegen kann, gleich wie die Erfolgsaussichten sich darstellen, der Zusammenhalt letztgenannter Gemeinschaft nur schwerlich erschüttert werden. Im Pétanque ist immer wieder zu erleben, dass sich Mannschaften mit "stimmiger Chemie" jenen als überlegen erweisen, deren Papierform sie zwar für vordere Plätze empfiehlt, deren innere Schwierigkeiten sie jedoch zu Fall bringen müssen. Das Wissen um eine günstige Verfasstheit der Gruppe – das gemeinschaftliche Handeln ist oberstes Ziel und reiner Selbstzweck – enthebt den Einzelnen der Verpflichtung, sich durch Leistungen rechtfertigen zu müssen. In seiner Position gefestigt, ja unangreifbar, kann ein Spieler Risiken eingehen, die geeignet sind, dem weniger saturierten Mitglied einer Mannschaft den Arm schwer werden zu lassen.

 

 

Gewöhnung, Vielfalt, Freude, Hoffnung und Freundschaft sind Pfade, die vom steilen Abgrund fortführen. Zunächst mögen sie als Umwege erscheinen. Es mag sich jedoch erweisen, dass sie dem Strauchelnden sicheren Tritt gewähren, wodurch dieser letztlich schneller an sein Ziel gelangt, als auf direktem, ihn aber überfordernden Wege.

 

 

 

"Gerade das ist es ja, das Leben:

 Wenn es schön und glücklich ist, ein Spiel!

 Natürlich kann man auch alles mögliche andere aus ihm machen,

 eine Pflicht, oder einen Krieg oder ein Gefängnis,

 aber es wird dadurch nicht hübscher."

 

 Hermann Hesse

 

 

 

Thorsten