Techniker


Pétanque / Boule - Tipps & Tricks - Techniker - Philosophie / Boulelexikon
Kämpfen bedeutet auch, allen Widrigkeiten zum Trotz, nach jedem Winter neuerlich zu ergrünen.

In seinem Buch: “CARREAU! BOULE SPIELEN & GEWINNEN BEIM PETANQUE[1] gibt der Autor und erfahrene Spieler Eberhard Kirchhoff  einen einfachen Rat für den Fall widriger Spielbedingungen: Man soll sich voll und ganz auf sie einlassen!

Beispielsweise sollen bei Dauerregen nicht ständig die Kugeln getrocknet werden, was ohnehin nur unzureichend gelingt. Besser sei es, sich in die neuen Eigenschaften des Sportgerätes hineinzufühlen.

 

Welche Einstellung bzw. welches Prinzip wird mit diesem Ratschlag zum Ausdruck gebracht? Im aus dem alten Japan stammenden "HAGAKURE" [2] findet sich in folgender Passage eine Entsprechung:

 

Sei kein vollendeter Techniker!

„Ein Mann, der eine Kunst vervollkommnet hat, ist ein Techniker, kein Samurai. Ziele darauf ab, „irgendein Samurai“ genannt zu werden. Denke daran, dass Fertigkeiten einem Mann nur helfen können, seine Pflicht zu erfüllen, wenn er verstanden hat, dass ein besonderes Talent ein Abschreckungsmittel für das Dasein eines echten Samurai darstellt.“

 

Es soll nicht die Bedeutung technischen Könnens schmälern, wenn betont wird, dass technische Fertigkeiten nur Teil eines größeren Ganzen sind. Gute Techniker laufen Gefahr, der Kunst zu verfallen, sich in ihr zu verlieren, indem das Erlernte allein um seiner selbst Willen angewandt wird.

 

Beim Fußball zeigt sich dieses Phänomen, wenn Dribbelkünstler es versäumen, den Ball im entscheidenden Moment an den einschussbereiten Mitspieler abzugeben und so der Mannschaft einen schlechten Dienst leisten.

 

Was unterscheidet nun Samurai und Techniker?

Der Samurai ist ein Krieger, den ein absolutes Treueverhältnis an seinen Kriegsherrn bindet. Seine Aufgabe wird er bedingungslos ausführen und koste es sein Leben - eine Besonderheit, die sich aus den soziokulturellen Umständen der Shogunatszeit erklärt. Selbstverständlich strebt ein solcher Mensch im Kampf allein den Erfolg an und leistet sich nicht den Luxus, eine verfeinerte Kunst um ihrer selbst willen zu präsentieren. Davor bewahrt ihn sein Ethos, geprägt durch das spezielle Treueverhältnis.

 

Analog ist ein Boulespieler seiner Mannschaft verpflichtet, die von ihm erwarten darf, sein Bestes zu geben. Ein guter Techniker, der seine Kunst um des Erfolges willen hintanstellt, bringt seiner Mannschaft ein Opfer. Er zeigt damit jene Demut, die ihn zum Kämpfer macht.

 

Im Kampf herrschen Bedingungen vor, die sich von Übungen unterscheiden. Nur der kann erfolgreich sein, dem es gelingt, sich darauf einzulassen. Gute Techniker sind dagegen häufig „Trainingsweltmeister“, die im Spiel versagen, weil sie die Bedeutung des Kampfes und des Kämpfens nicht erkennen. Sie verlieben sich in ihre technische Meisterschaft und werden blind für möglicherweise effektivere Vorgehensweisen. Sie erliegen ihrem Dünkel, wenn aufgrund der Gegebenheiten die beherrschte Technik ihren Vorteil einbüßt. Lieber gehen sie mit dem scheinbar Bewährten unter, als auf Abhilfe zu sinnen.

 

Das Phänomen des „Trainingsweltmeisters“ beruht letztlich darauf, dass unter idealtypischen Bedingungen geübt wird, die im Kampf nie vorzufinden sind. Man glaubt sich in Besitz einer gewissen Stärke, übersehend, dass diese sich an Voraussetzungen knüpft. Solcherart getäuscht, empfindet man im eigentlichen Kampf sofort seine Unzulänglichkeit, die Selbstsicherheit geht verloren. Mit der Selbstsicherheit schwindet aber das Wesentliche, denn ohne sie können Techniken nicht sauber ausgeführt werden. Es liegt also eine Gefahr darin, Gemütsruhe allein auf Fertigkeiten zu gründen, deren Gelingen von Bedingungen abhängt.

 

So schwer es auch ist, wenn die Sonne uns blendet, die Kugel feucht ist, die Dämmerung den Boden nicht mehr klar erkennen lässt, Geräusche und Bewegungen stören etc., dann gilt es, nicht zu hadern, sondern zu kämpfen. Es gilt, sich auf die Bedingungen einzulassen und unübliche Wege zu beschreiten.

 

Der Kämpfer verwendet eine bestimmte Technik nur zum Zwecke des Sieges,

nicht um ihrer selbst willen. Verfehlt sie diesen Zweck, so lässt er von ihr ab.

 

Der Kämpfer verfeinert sein Können nicht, um sich zu erhöhen,

sondern um anderen nützlich zu sein. 

 

Sein Können bringt er zur Anwendung, 

um der Mannschaft zu dienen, nicht um zu glänzen.

 

Thorsten


Dieser Artikel wird ergänzt durch die Artikel: Chrom und Grundlegende und fortgeschrittene Techniken 


[1] CARREAU! BOULE SPIELEN & GEWINNEN BEIM PETANQUE

Verlag: pcr werbeagentur; Auflage: 1. Aufl. (15. November 2011)

ISBN-10: 3981472209

ISBN-13: 978-3981472202


 [2] Das Hagakure ist auch als „Kodex der Samurai“ bekannt und wurde zwischen 1710 und 1716 in Japan verfasst. Der Autor beschäftigt sich intensiv und in philosophischer Weise mit dem Wesen des Kampfes. (Es ist nicht möglich, an dieser Stelle auf die Hintergründe des Werkes einzugehen. Wer sich näher damit befassen möchte findet hier einen Einstieg : http://de.wikipedia.org/wiki/Hagakure )


Bild: Zweifellos einer der ältesten Bäume im Land: Die "tausendjährige" Linde von Upstedt.