Guerilleros auf dem Bouleplatz


Nirgends kommt hin, wer allen Pfaden folgt, die er sieht.“

                                                           Lateinische Lebensweisheit

 

Im Jahre 1808 bildeten sich, vor dem Hintergrund des Spanischen Befreiungskrieges gegen Napoleon, überall auf der Iberischen Halbinsel kleine Kampfverbände. Sie führten einen Guerillakrieg gegen die Besatzungstruppen, eine Kampfweise, die zu dieser Zeit relativ neu war. In diesem Kleinkrieg - des Wortes eigentlicher Bedeutung – ging es darum, den Gegner zu zwingen, seine Kräfte zu verzetteln, es nicht zuzulassen, dass es zu einer Konzentration der Truppenstärke kommt, die Versorgungs- und Kommunikationswege abzuschneiden und so einen ständigen Kräfteverschleiß herbeizuführen.

 

Beim Pétanque sind wir gelegentlich mit Gegnern konfrontiert, die auf mehr oder weniger subtile Art versuchen, unsere Konzentration durch solch einen „Kleinkrieg“ zu unterminieren. Dieses kann auf unterschiedliche Weise geschehen:

 

Beliebt sind beispielsweise alle Arten von Bemerkungen, die unser Spiel kommentieren und dazu zwingen, sich geistig mit ihnen zu beschäftigen. Hier erweist sich häufig ein Lob als die perfideste Form der Störung, kommt es doch im Gewande des fairen Sportsgeistes daher, will uns aber nur bei unserer Eitelkeit packen und damit zu Fall bringen. Seien wir gewarnt: „Das Lob ist das süßeste der Gifte“.

 

Eine andere Methode ist die absichtliche Spielverzögerung, meist durch unsinniges Messen. Hierbei wird die gegebene Eindeutigkeit der Situation angezweifelt und ein unsinniger Messvorgang eingeleitet, der den Spielfluss unterbricht. Eine Variante ist der gerufene Hinweis, meist wenn man schon im Kreis steht und zur Tat schreiten will, man habe wohl doch den Punkt und sei überhaupt nicht dran. Bis dieser Sachverhalt aufgeklärt ist, verrinnt dann etwas Zeit und Nervenkraft.

 

Sehr eingespielte Teams neigen gelegentlich zu lautem Lamentieren oder gar Streit untereinander, betreiben dieses aber nur als Ritual ohne sich davon selbst ablenken zu lassen. Begeht man den Fehler, dieser Schauspielerei die eigene Aufmerksamkeit zu widmen, ist man ihnen schon auf den Leim gegangen.

 

Eine freilich sehr schöne Methode der Ablenkung des Konzentrationsvermögens ist die geistreiche Bemerkung. Einerseits ist sie die Würze des Spieles, andererseits fordert sie natürlich eine Erwiderung, die des Spielers Geist in Gefilde zu lenken vermag, wo der Sieg nicht wohnt.

 

Ein abendliches Boulespiel kann, wenn sich die richtigen Personen inspirieren und mit Bemerkungen befeuern, „große Oper“ sein. Das sind dann Ereignisse, in denen der mediterrane Charakter des Spieles voll zur Geltung kommt und die man nicht missen möchte. Schlimm ist es aber, wenn Spieler aus rein taktischen Gründen den Spielfluss zersetzen. Sie mindern dann systematisch die Güte des Spiels und rauben den Mitspielern die Freude.

 

Man hüte sich vor solchen „Guerilleros des Bouleplatzes“. Wie ihre realen Vorbilder sind sie nur schwer zu bekämpfen. Ein Vorsatz ist ihnen, aufgrund geschickter Tarnung, nur schwer nachzuweisen. Möglicherweise hilft aber schon das Durchschauen ihres Handelns, denn zu Guerillamethoden greift immer die weitaus schwächere Kriegspartei, weil sie konventionelles Agieren für aussichtslos hält, eine Erkenntnis, aus der sich im Spiel auch Zuversicht gewinnen lässt.

 

Thorsten