Das Thomas-Theorem

 

Wenn wir glauben, wir handelten nach objektiven Maßgaben, dann irren wir natürlich. In ruhigeren Momenten ist uns der Einfluss der Subjektivität auch durchaus bewusst. Im Eifer des Gefechtes, in Situationen, in denen wir unter Druck geraten, kommt uns diese Anschauung jedoch allzu schnell abhanden. Wir sehen dann nur die eine Wahrheit und werden blind für Optionen, die alternativ ergriffen werden könnten.

 

Aus der Soziologie stammt eine These, die diesen Zusammenhang anschaulich formuliert und die als "Thomas-Theorem" bekannt ist. Sie besagt:

 

"Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren,

sind sie in ihren Konsequenzen wirklich."

 

Bei objektiver Realität ist es die subjektive Wirklichkeit, die handlungsleitend ist. Beispielsweise kann ein Unternehmen, dessen Zahlungsfähigkeit aufgrund von Gerüchten in Zweifel gezogen wird, tatsächlich sehr schnell illiquide werden, wenn sich Gläubiger aus Vorsicht zurückziehen. Auch in Spielen kann es leicht geschehen, dass die Wirklichkeit einfach konstruiert wird. Hierdurch werden Zwänge empfunden, die objektiv nicht bestehen. Hierzu einige Beispiele aus dem Pétanque:

 

 "Wir müssen legen!"

Im Spiel kommt es häufig vor, dass eine Kugel für nicht hinreichend gut befunden wird, woraus man dann die Notwendigkeit ableitet, eine bessere hinzuzufügen. Es handelt sich dabei jedoch um eine reine Hypothese. Durch einen erfolgreichen Schuss ließe sich herausfinden, ob dem Gegner tatsächlich das Punkten gelingt. Durch Legen tritt jedoch häufig das ein, was als "Selbsterfüllende Prophezeiung" bezeichnet wird. Durch das Verlegen einer weiteren Kugel und den resultierenden Kugelnachteil verbietet sich ein Schuss und es hat sich einmal mehr erwiesen: "Wir mussten legen!" Wer ständig nach diesem Muster spielt, konstruiert sich die Wirklichkeit noch in einer anderen Hinsicht. Durch seltenes Schießen wird es an Praxis mangeln, durch spätes Schießen werden Missgeschicke wahrscheinlicher. Beides führt zu Misserfolgen die scheinbar beweisen, dass mit Legen einfach erfolgreicher gespielt wird und die doch nur Folge einer konstruierten Wirklichkeit sind.

 

 "Nur keinen Fehler machen!"

Das Wissen um die eigene Unterlegenheit kann dazu führen, dass verkrampft, risikoarm und ausrechenbar gespielt wird. Manchmal werden auch Dinge versucht, deren Gelingen zu unwahrscheinlich ist. Ob die vermutete Unterlegenheit konkret besteht, kann auf diese Weise niemals herausgefunden werden, denn dazu wäre ein Spiel in Normalform notwendig. Diese wird jedoch gerade durch die Spekulation über des Gegners Güte verhindert.

 

 "Ich bin vom Pech verfolgt."

Die Täuschung über das eigene Leistungsvermögen kann dazu führen, dass Missgeschicke auf notorisches Pech zurückgeführt werden. Wer beispielsweise nicht dazu in der Lage ist, Kugeln an einer genau definierten Stelle zu treffen, muss damit rechnen, dass immer einmal wieder Kugeln unglücklich kontern. Das vollkommen Normale wird so als Fluch empfunden. Dieser Eindruck festigt sich mit jedem negativen Ereignis und unterminiert das mentale Leistungsvermögen. 

 

Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr der Spielstil durch die Persönlichkeit der Spieler geprägt wird. Meist sind wir tatsächlich auch als Menschen so, wie wir spielen. Einen gehörigen Anteil daran dürfte der im Thomas-Theorem formulierte Zusammenhang haben, denn es ist nur allzu bequem, die eigenen Vorurteile immer wieder bestätigt zu finden. Sich in seinem Spielvermögen weiterzuentwickeln bedeutet daher, aufzuhören auf eine vermeintliche Wirklichkeit zu reagieren und anzufangen, sich aus dem Erkennen der objektiven Realität neue Möglichkeiten zu erschließen.

 

Thorsten