Zwei Schussstile

Hart oder Weich?


Neben den vielen individuellen Färbungen, mit denen Spieler ihre Schusstechnik handhaben, lassen sich auf den Bouleplätzen zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen beobachten, die als eindeutig unterscheidbare Stile in Erscheinung treten. Es sind dies, der harte, kraftvolle Schuss einerseits und der weiche, kraftminimale Schuss andererseits. Da auch in anderen Sportarten, wie etwa "Darts", diese Unterscheidung eine Rolle spielt, lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken und die Vor- und Nachteile aufzudecken.

 

Wovon ist die Rede?

 

Der weiche Schuss:

Ein weicher Schuss liegt dann vor, wenn der Zeitpunkt des Loslassens so gewählt wird, dass die Kugel mit einem absoluten Minimum an Kraftaufwand ihr Ziel erreicht. Um dieses zu gewährleisten, wird die Flugkurve mit zunehmender Zielentfernung immer ausgeprägter. Die geworfene Kugel trifft ihr Ziel steil herabfallend.

 

Der harte Schuss:

Bei einem harten Schuss wird die Kugel etwas früher losgelassen. Die dadurch zu erwartende Verkürzung der Wurfdistanz wird durch einen höheren Kraftaufwand ausgeglichen. Die Bewegung ist schneller als beim weichen Schuss. Die Kugel trifft ihr Ziel in einem etwas flacheren Winkel.

 

Worin liegen Vor- und Nachteile beider Stile?

 

Winkeleffekte:

Der flachere Wurfwinkel des harten Schusses bewirkt, dass prinzipiell mehr Treffer zu erzielen sind. Etwas zu kurz gezielte Schüsse steigen nach dem Bodenkontakt in flachem Winkel wieder auf (Einfallswinkel = Ausfallswinkel). Dadurch reißen sie oft das anvisierte Ziel doch noch mit. Dieser Effekt ist freilich bodenabhängig, kommt aber tatsächlich häufig zum tragen.

Ein Nachteil des flacheren Wurfwinkels liegt in der erhöhten Wahrscheinlichkeit, eine Kugel, die vor dem eigentlichen Ziel liegt, ungewollt zu treffen. Durch die flachere Flugkurve steigt zudem die Wahrscheinlichkeit, Kugel oder Cochonnet mitzureißen, die hinter dem eigentlichen Ziel liegen, denn die Kugel senkt sich schneller wieder ab und läuft mit einer höheren Energie weiter, als das bei einem steileren Einschlag zu erwarten ist.

 

Motorische Effekte:

Ein Nachteil des weichen Schusses besteht darin, dass oft die untere Grenze berührt wird, bis zu der eine Bewegung noch flüssig ausgeführt werden kann, denn der Wurf soll ja kraftminimal erfolgen. Der Bewegungsfluss kann dann abreißen und der Wurf unrund werden. Die schnellere Bewegung des harten Schusses fördert den Bewegungsfluss.

 

Psychologische Effekte:

Die Langsamkeit der Bewegung des weichen Schusses verleitet unsichere und zweifelnde Schützen dazu, noch während der Schussbewegung Korrekturen einzubauen. Dieses führt fast immer zum Misserfolg. Die schnellere Bewegung des harten Schusses lässt das in weit geringerem Maße zu. Freilich ist es ohne weiteres möglich, einen weichen Schuss vollkommen flüssig auszuführen, sofern man die innere Ruhe und Entschlossenheit besitzt.

 

Rhythmuseffekte:

Ein Spieler, der den harten Schuss bevorzugt, lebt und profitiert sehr stark von der Erhaltung des Spielrhythmus. Seine Bewegung ist hoch standardisiert. Den besten Erfolg wird er dann erzielen, wenn er sie so oft wie möglich wiederholen kann. Wenn dieser Rhythmus gebrochen wird indem sich ein Spiel verzögert oder über längere Phasen aufgrund der Spielsituation nicht geschossen werden kann, besteht die Möglichkeit negativer Auswirkungen.

 

Ein Spieler, der den harten Schuss praktiziert, kann zudem in Schwierigkeiten geraten, wenn sich widrige Bedingungen einstellen. Da der gesamte Bewegungsablauf stark automatisiert ist, fällt es schwer, dessen Teilelemente einzeln zu kalibrieren.

Man kann tendenziell sagen, dass Spieler, die den harten Schuss praktizieren, entweder ganz hervorragend funktionieren oder total ausfallen, während Spieler mit weichem Schuss auch Zwischenstadien kennen, in denen abwechselnd getroffen oder "gelocht" wird.

 

Präzisionseffekte:

Es darf angenommen werden, dass ein erhöhter Krafteinsatz immer auf Kosten der Präzision geht. Das ist in solchen Situationen ohne Bedeutung, in denen es lediglich darauf ankommt, die Kugel irgendwie zu beseitigen. Sobald aber viele Kugeln auf dem Feld liegen und sich die Kontergefahr erhöht, kommt es darauf an, die Kugel auf eine bestimmte Weise an einem genau definierten Punkt zu treffen. Ein Schütze mit weichem Schuss kann sich tiefer in diese Aufgabe hineinfühlen. Er hat es gelernt, die einzelnen Parameter, die den Schuss beeinflussen, von Fall zu Fall zu variieren und sich flexibel an die jeweilige Aufgabe anzupassen. Auf lange Sicht mag das seine Trefferquote verringern, erhöht aber im Einzelfall die Präzision.

 

Reichweiteneffekte:

Der harte Schuss kann seine Vorteile erst ab einer bestimmten Entfernung ausspielen. Liegen die Ziele zu nah, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, über das Ziel hinaus zu schießen. Dagegen kommen gerade im Nahbereich die Vorzüge des weichen Schusses voll zu Geltung. Mit zunehmender Entfernung muss hier die Kugel dagegen eine immer extremere Flugkurve beschreiben, was technisch sehr anspruchsvoll ist und zu Lasten der Trefferquote geht.

 

Das oben Gesagte lässt sich in dem Gegensatz: Industrielle Massenfertigung - handwerkliche Erzeugung illustrieren. Der harte Schuss ist wie die industrielle Ware auf den Masseneffekt ausgelegt. Die schiere Menge der Treffer soll den Gegner überwältigen. Es kommt nicht auf die Gediegenheit und Exklusivität der Ware an, sondern darauf, dass sie einer bestimmten Mindestanforderung genügt. Je geringer freilich die Nachfrage ist, desto weniger können die Vorteile dieser Vorgehensweise ausgespielt werden.

 

Der weiche Schuss darf als Produkt der handwerklichen Fertigung interpretiert werden. Er ist eher ein Unikat. Mit der Effizienz des harten Schusses vermag er es nicht aufzunehmen. Wo aber Präzision und Flexibilität gefragt sind, ist er das Mittel der Wahl. Richtig ausgeführt, liefert er unübertreffliche Ergebnisse.

 

Fazit:

Irgendwann wird jeder Spieler ganz intuitiv einen der beschriebenen Schussstile für sich auswählen, ihn pflegen und immer weiter verfeinern. Diese Auswahl mag in der psychischen Verfasstheit eines Spielers angelegt sein. Forsche Charaktere und solche, die nicht zum Grübeln über Misserfolge neigen, mögen beim harten Schuss landen. Perfektionisten und zögerliche Spieler werden instinktiv den weicheren Schuss präferieren. Wie auch in anderen Bereichen des Spiels, so ist es jedoch auch hier sinnvoll, die Dinge nicht irgendwie richtig zu machen, sondern sich des gesamten Spektrums, innerhalb dessen gehandelt werden kann, bewusst zu werden. Zu dieser Position gelangt, vermag der Spieler dann das Richtige auszuwählen. Vor dem intuitiven Spielen, das freilich unerlässlich ist, muss das bewusste Auswählen stehen. Genau dieses Vorgehen ist mit der goldenen Bouleweisheit gemeint:

 

"Über Pétanque muss man zunächst alles Lernen,

um dann wieder alles zu vergessen!"

 

Zu einem bestimmten Zeitpunkt der Spielerentwickling ist es also sinnvoll, die jeweils andere Variante auszuprobieren. Besonders dann, wenn der eigene Wurf Anlass zu Verdruss bietet, kann darin ein probates Heilmittel liegen. Zögerliche Charaktere finden im harten Schuss eine Möglichkeit, unrunde Motorik und Stockungen zu bekämpfen, forsche Spieler entdecken so die Fähigkeit, auch Spezialaufgaben gewachsen zu sein, die höchste Präzision verlangen. Nicht zuletzt aufgrund der beschriebenen Reichweiteneffekte ist der Spieler im Vorteil, der es vermag, beide Techniken zu beherrschen und - je nach Bedarf - gezielt einzusetzen.

 

 

Thorsten


Dieser Text basiert auf dem Artikel: Der richtige Schwung