Rituale


Vor schwierigen Würfen, meist vor Schüssen, zelebrieren Pétanquespieler bestimmte Rituale. Einige zielen über ihren Handrücken, andere wiegen ihre Kugel in der Hand, schreiten die Strecke zwischen Kreis und Ziel ab, verharren erst einen Moment hinter dem Kreis bevor sie ihn betreten oder vollführen mit Arm und Hand sonderbare Verrenkungen und Verwindungen. Die Rituale sind so vielfältig, dass sie nicht annähernd aufgezählt werden können [1]. Was hat es damit auf sich?

 

Boule - Petanque / Tipps & Tricks
3 - 2 - 1 - 0 ...

 

 

 

Bei Raketenstarts wird stets ein "Countdown" abgehalten. Eine Uhr läuft rückwärts bis sie die Null erreicht, die den Startzeitpunkt markiert. Der Sinn besteht darin, die Phase der Vorbereitung eindeutig von der Phase der Ausführung zu scheiden. Solange die Vorbereitungsphase läuft, können alle Systeme und Parameter überprüft und notfalls der Countdown unterbrochen werden, um Änderungen vorzunehmen. Nach dem Ende des Countdown muss man den Dingen ihren Lauf lassen. Alles Planen und Vorbereiten hat dann ein Ende.

Boule - Petanque / Tipps & Tricks
Ignition!

 

 

 

Für das Pétanque sind diese Überlegungen relevant, da viele Fehler dadurch entstehen, dass Vorbereitung und Ausführung nicht sauber getrennt werden. Wir haben in dem Abschnitt: "Boule - die Kunst des Weglassens", viele kleine Bewegungen aufgezählt, die den Wurf verderben. Diese Bewegungen sind letztlich Versuche des Nachsteuerns. Sie erfolgen in einer Phase, in der es zu spät dafür ist - der Wurfphase. Der eigentliche Wurf beginnt erst in dem Moment, da der Arm - nach dem Zurückziehen - sich wieder vorwärts bewegt. Dieses ist offensichtlich der neuralgische Punkt, da einerseits eine Bewegung in ihr genaues Gegenteil umgewandelt werden muss, andererseits es nun wirklich ernst wird.

 

 

Alles, was vor diesem Punkt geschieht, ist Vorbereitung.

Alles, was danach geschieht, ist Ausführung!

 

Wenn die Ausführungsphase beginnt, sollte man die auszuführende Bewegung vollkommen verinnerlicht haben. Sie sollte einem als geistiges Abbild bereits vollständig vor Augen stehen.

 

Je mehr der Mensch plant, desto weiter entfernt er sich von seinem instinktiven Verhalten. Die menschlichen Vorfahren haben sicher schon über eine ausgezeichnete Bewegungskoordination verfügt bevor ihre Nachkommen die Kunst des höheren Denkens erlernten. Die Bewegungskoordination ist älter als der menschliche Geist und beide können sich in die Quere kommen. Das zeigt sich immer wieder, wenn man sich bei der Ausführung eines Wurfes noch mit zu vielen Gedanken beschäftigt und dieser dann spektakulär misslingt.

 

Offensichtlich besteht die Notwendigkeit, den Prozess des Denkens irgendwann zu einem Abschluss zu bringen. Die vielzitierte Regel: "Im Kreis nie denken!" ist jeden ihrer Buchstaben in Gold wert.

 

Diesem Zwecke dienen die genannten Rituale. Sie sind eine mentale Eselsbrücke, die dem Bewusstsein vermitteln soll, dass es gleich auf die Zuschauertribüne zu verschwinden hat da das Unterbewusstsein jetzt das Ruder übernehmen muss. Die möglichst automatisierte Schussbewegung wird durch immer gleiche ritualisierte Bewegungen eingeleitet, um gar nicht erst die Möglichkeit einer flexiblen Ausführung aufkommen zu lassen.

 

Einen Schuss wirklich gut auszuführen, braucht es Entschlossenheit. Damit ist aber nicht jener Furor gemeint, mit der ein überraschtes Wild kopflos zu entkommen sucht und dabei, koste es was es wolle, alles im Weg stehende abräumt. Genau daran erinnern nämlich die Würfe mancher Spieler, die, offensichtlich im letzten Moment von der Schwere ihrer Aufgabe überrascht, den Arm explosionsartig vorschnellen lassen und den Stahl irgendwie Richtung Ziel befördern.

 

Entschlossenheit bedeutet, in der Gewissheit, alles was zu bedenken war, bedacht zu haben, das Denken nun ruhen zu lassen, den Arm nach hinten zu nehmen und die Bewegung seelenruhig und flüssig auszuführen, ohne "von des Gedankens zweifelnder Blässe angekränkelt zu sein".

 

Die Anwendung und Ausgestaltung von Ritualen ist jedem Pétanquespieler selbst überlassen, das dahinter stehende Problem auf irgendeine Weise zu lösen, bleibt hingegen niemandem erspart.

 

Thorsten


Nachtrag: Neben den hier beschriebenen Zusammenhängen haben Rituale noch einen weiteren Effekt. Indem sie den Geist beschäftigen, ist dieser davon abgehalten, Negatives zu denken, sich zu sorgen oder zu hadern. Nichts fällt dem Geist schwerer als die Tatenlosigkeit. Es ist besser, man beschäftigt ihn mit etwas Banalem, als ihm Gelegenheit zu geben, ins Grübeln zu verfallen.

 

Dieser Gedanke wird in dem Artikel: "Was denken, beim Wurf?" ausführlicher behandelt. 


[1] Einige weitere Rituale: 

- Es werden Löcher im Boden geglättet, die nicht ernstlich angespielt werden sollen.

- Es wird zwischen Kugel und Hand gehaucht, was zwar den Grip erhöht, zudem aber eine Art "Startschuss" ist. 

- Die Kugeln werden auf bestimmte Weise neben den Kreis gelegt, wodurch sie irgendwie schon am Spiel teilnehmen und den Spieler mental bestärken.

- Der Lappen kommt grundsätzlich zum Einsatz, obgleich die Kugel blitzblank ist.

- Es wird, kurz bevor der Kreis betreten wird, innegehalten und sich gesammelt. 

- ??? (Wer kennt weitere Rituale und steuert sie hier bei?)


Ergänzung: Wie umfangreich die ritualisierte Vorbereitung eines Schusses sein kann, zeigt folgendes Beispiel: https://franzbroeckl.jimdo.com/techniken/tireur-techniken/tireur-rituale/