Mit der Letzten:


"Einen Fehler begehen und ihn nicht wieder gutmachen,

das erst heißt wahrhaft fehlen.”

                                                     Konfuzius

 

Eine der beliebtesten „Bouleweisheiten“ ist jene, wonach ein Schuß sich verbiete, sobald die letzte Kugel bewegt werden soll. „Mit der Letzten schießt man nicht!!!“ , es vergeht keine Woche in der ein Boulespieler diese Regel nicht irgendwie zu hören bekommt. Jeder kennt sie, viele glauben an sie. Was genau hat es damit auf sich?

Rund 700g leicht und wiegt doch so schwer, die letzte Kugel im Pétanque.
Rund 700g leicht und wiegt doch so schwer, die letzte Kugel im Pétanque.

Offensichtlich liegt dieser Auffassung die Erkenntnis zugrunde, dass die finale Kugel die unwiderruflich letzte Einflussmöglichkeit darstellt, die in der aktuellen Aufnahme zur Verfügung steht. Hier möchte niemand irreparable Fehler begehen. Zudem wird dem Schuss - auch aufgrund seiner hohen Impulsenergie - ein besonders hohes Schadenspotential zugetraut. Tatsächlich kann, besonders bei eng liegenden Bildern, nach einer Kettenreaktion die Welt sehr „fremd“ aussehen. Hinzu kommt, dass ein wirklich präziser Schuss, also einer, der die Kugel nicht nur irgendwo, sondern an einer ganz bestimmten Stelle trifft und es somit ermöglicht, die Bahnen der in Bewegung versetzten Massen halbwegs vorherzusehen, nicht eben zu den leichtesten Aufgaben gehört und sicher von einer Mehrzahl der Spieler nicht beherrscht wird.

 

Es gibt also gute Gründe, vor einem solchen - ultimativen - Schuss zurückzuschrecken. Sind diese Gründe aber auch stark genug, besagte Regel zu einem Dogma zu erheben?

 

Sammeln wir Gegenargumente:

Ein wesentlicher Teil des individuellen Spielvermögens besteht in der Fähigkeit, das Spiel zu lesen. Wer das Spiel beständig liest, wird nach einiger Zeit in der Lage sein, Situationen dahingehend zu beurteilen, ob ein Schuss eine Gefahr darstellt oder gefahrlos ausgeführt werden kann. Die Prophetie, was geschehen könnte, muss man sich durch ständiges Beobachten der Spielabläufe erwerben und ihre Güte schärfen. Dann darf man sich auch einen „Schuss ohne Sicherheitsleine“ zutrauen.

 

Es gibt Situationen, in denen das Legen mit der letzten Kugel weitaus mehr Schaden anrichten kann, als ein Schuss. Wer hat nicht einmal durch ein finales Sauziehen eine üppige Ansammlung von Punkten unrettbar ruiniert? Droht eine solche Gefahr, ist es weise, mit der "Letzten" nicht zu legen!

 

Es ist auch seiner Natur nach der Schuss das grundsätzlich präzisere Instrument. Beim Legen liegt die Unsicherheit immer auch in der Beschaffenheit des Bodens, beim Schießen liegt sie nur in uns selbst.

 

Wichtig ist die Frage, ob man mit der Situation, die vor dem Spielen der letzten Kugel vorherrscht, zufrieden ist oder nicht. Mit dem Grad der Unzufriedenheit wird sicher die Neigung zu robustem Vorgehen zunehmen.

 

Beim Pétanque geht es letztlich darum, keine Kugel zu verschenken. Je besser der Gegner spielt, desto weniger kann man es sich leisten, eine Handlung, die im Prinzip notwendig ist, zu unterlassen, nur weil die Folgen nicht mehr korrigierbar sind. Sehr gute Gegner lassen die Korrektur eines Fehlers praktisch nicht zu.

 

Gäbe es eine Regel, die den Spielern abverlangte, die letzte Kugel besonders zu wägen, ihr besondere Aufmerksamkeit zu widmen, man müsste ihr uneingeschränkt zustimmen. Allerdings implizierte das einen zeitweisen Kugelgebrauch, dessen Folgen weniger sorgfältig bedacht werden, weil sich noch weitere „Pfeile“ im Köcher befinden. Besser ist der Spieler beraten, der jeder Kugel die selbe intensive Aufmerksamkeit widmet und jede Aktion mit der selben Sorgfalt durchführt.

 

„Spiele deine letzte Kugel besonders sorgfältig,

genau wie deine erste und deine zweite. “

 

So oder so ähnlich könnte die abgewandelte Regel lauten, die es aufgrund mangelnder Prägnanz sicher zu keinerlei Berühmtheit bringen wird.

 

Stellt sich im Spiel das Empfinden ein, mit der letzten Kugel eine Aktion lieber zu unterlassen, die man ansonsten durchgeführt hätte, so kann das weise sein und ein unkalkulierbares Risiko vermeiden. Man kommt dann zu der Einsicht: „Bei dieser Situation schieße ich mit der Letzten nicht.“ Man ziehe aber daraus den Schluss, sich fürderhin derart zu ertüchtigen, dass besagte Situation nächstens besser gemeistert werde und stricke aus einer Unzulänglichkeit nicht auch noch ein unsinniges Dogma.

 

Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner. 

 

                                        Sunzi

 

Thorsten


Bild: Plastik in Breslau