Flow


"Der kürzeste Weg ist nicht der möglichst gerade, sondern der,

bei welchem die günstigsten Winde unsere Segel schwellen." 

 

                             Friedrich Nietzsche


Boule - Petanque / Tipps & Tricks

 

Beim Boulespielen erleben wir manchmal ein erstaunliches Phänomen. Plötzlich gelingen unsere Handlungen ganz mühelos. Wir sind vollkommen in die Aufgabe vertieft und empfinden eine Art Glücksgefühl. Diese angenehme Verfassung, in der wir Leistungen vollbringen, die uns sonst nicht möglich sind, ist psychologisch gut erforscht und wird als "Flow" bezeichnet [1]. Da es sich um einen psychischen Zustand handelt, bei dem das Handeln als positiv empfunden wird, weil es erfolgreich ist und es erfolgreich ist, weil es positiv empfunden wird, kann auch sehr treffend der deutsche Begriff "Funktionslust" verwendet werden. Die Tätigkeit selbst stellt die Belohnung dar, weiterer Anreize bedarf es nicht. 

 

Die schlechte Nachricht zuerst: Der Flow kann nicht absichtlich ausgelöst werden; er kann sich nur ereignen, wenn die Bedingungen günstig sind. Daher können wir ihn nicht als Instrument nutzen, um erfolgreicher zu sein. Wenn wir uns dennoch damit beschäftigen, geschieht das, um mehr über das Spielen selbst zu erfahren und Bedingungen zu erkennen, in denen es einen günstigen Verlauf nimmt. Sind genügend dieser Bedingungen erfüllt, kann sich auch ein Flow einstellen. Befindet sich hingegen einer der Mitspieler im Flow, ist es sinnvoll, diesen Zustand so lange wie möglich zu konservieren, denn gleich wie dessen Fähigkeiten ausgeprägt sein mögen, wird er dann auf Meisterniveau spielen. Wollen wir uns darauf einstellen, müssen wir mehr über den Flow erfahren. 

 

Die Charakteristika des intensiven und freudigen Spielens und die Voraussetzungen des Flow sind kaum voneinander zu unterscheiden. Die nun aufgeführten Elemente, die einen Flow begünstigen, ergeben im ganzen auch ein gutes und faszinierendes Spiel. Sie wurden wissenschaftlich beschrieben und jeder wird sie aus eigener Erfahrung wiedererkennen.

 

1. Einer der den Flow begünstigenden Faktoren ist der schlichte Glaube, den Anforderungen gewachsen zu sein. Eine gefühlte Überforderung wird Angst oder Stress auslösen, eine Unterforderung zu Langeweile und Konzentrationsabfall führen. Der Flow tritt genau in dem Bereich zwischen Unter- und Überforderung auf. Daraus darf jedoch nicht der Schluss gezogen werden, er könne sich beim Spiel gegen überlegene Gegner nicht ereignen, denn es kommt lediglich auf das Empfinden an, der Situation gewachsen zu sein. Spielt man gegen "Cracks", denen einige Missgeschicke unterlaufen und wartet selbst mit gelungenen Würfen auf, kann sich dieses Empfinden durchaus einstellen. Der Flow verhilft dann dem eigentlich unterlegenen Spieler zu einem fulminanten Sieg.

 

2. Eng mit dem ersten Punkt verbunden ist die Bedingung, ein begrenztes Handlungsfeld vollkommen zu überblicken. Alles was zu unternehmen ist und was sich ereignen mag, ist dann prinzipiell bekannt. Es geht nur darum, die jeweiligen Tätigkeiten auszuwählen und auszuführen. Die Natur der Aufgabe ist dabei allerdings nicht trivial, sondern herausfordernd. Beispielsweise sind bei einem Schachspiel alle denkbaren Züge grundsätzlich bekannt, dennoch ist deren Auswahl eine Herausforderung.

 

3. Stete positive Rückmeldungen hinsichtlich der Handlungserfolge sind von zentraler Bedeutung. Erfolgserlebnisse nehmen Ängste und Zweifel und geben Lockerheit. Dadurch werden wir in die Lage versetzt, weitere Erfolge zu generieren - ein sich selbst am Leben haltender Zyklus.

Man hüte sich davor, einen Spieler, der sich im Flowzustand befindet, mit übertriebener Vorsicht und Misstrauen aus dem Konzept zu bringen. Solange der Flow anhält, wird dieser Spieler nicht scheitern und man darf getrost jedes erdenkliche Risiko eingehen. 

 

4. Tritt ein Flow auf, ist der Spieler so vollkommen auf die Aufgabe konzentriert, dass ihn andere Dinge, die ihn sonst beschäftigen mögen, nicht tangieren. Er verschmilzt mit seinem Wirken und klammert die Welt förmlich aus. Genau so spielen Kinder, die sich in ihre Spielwelt tief versenken können. Die reine Konzentration auf die Sache ist es, die auch uns Erwachsene das Spiel am intensivsten erleben lässt. Spricht man also einen Mitspieler ständig auf Sorgen oder Herausforderungen an, die ihn in seinem Alltag beschäftigen, ist ihm die Möglichkeit genommen, ganz in das Spiel einzutauchen und sich darin zu vertiefen. Der Flow wird sich nicht einstellen. Pétanquespiele, die zu Talkrunden "degenerieren", werden von den Beteiligten denn auch selten als beglückend empfunden.

 

5. Die in Punkt 4 angesprochene Konzentration ist von besonderer Art, geht sie doch mit einer gelösten Entspanntheit einher. Es stellt sich eine heitere Gelassenheit ein, ein Wohlbefinden, das sich aus der Freude nährt, die Herausforderung gut zu meistern. Natürlich gilt es, diese Konzentriertheit so lange wie möglich zu erhalten. Lange "Messorgien" mit ausufernden Disputen; erschöpfende Strategiediskussionen; operettenhafte Ausbrüche mit den entsprechenden Verzögerungen und dergleichen mehr, sollten besser entfallen, wenn sich ein Spieler im Flow befindet. Sie sind auch sonst von zweifelhaftem Unterhaltungswert. 

 

6. Bewertungen stehen dem Flow entgegen, denn es gibt dann nur die Aufgabe und die ausführende Person, die keinen Zweifel hegt, dieser gewachsen zu sein. Das so wichtige Erfolgsempfinden entsteht unmittelbar beim Handeln selbst. Es muss nicht durch weitere Personen hervorgerufen werden. Ein Spieler kann allerdings auch aus sich selbst heraus die Sichtweise weiterer Personen übermäßig in Betracht ziehen. Eine zögerliche Persönlichkeitsstruktur sowie die Neigung, Misserfolgen lieber auszuweichen, behindert die Entstehung des Flow ebenso, wie sie allgemein den Spielerfolg hemmt.

 

 

Pétanque / Boule - Tipps & Tricks - Flow - Psychologie / Boulelexikon
Land in Sicht

Der Flow ist ein günstiger Wind, der die Segel des Schiffes bläht und es seinem Zielhafen zutreibt. Ob das Schiff die freundliche Brise zu nutzen vermag, hängt davon ab, wieviele Segel gesetzt sind. Der Mut der Besatzung erlaubt es, einen direkten Kurs zu wählen, bei dem die Küstenline auch mal außer Sicht gerät. Das Vertrauen in das eigene seemännische Können lässt das Schiff den Kurs halten, auch wenn das Ziel noch lange nicht in Sicht ist. Solide Vorbereitung, Mut, Zuversicht und ein günstiger Wind: Anker auf und Leinen los!

 

Aus der Betrachtung des Flow können wir einige Ratschläge ableiten, die Spiele erfreulicher machen:

 

Niemals eine Atmosphäre der Angst vor dem Scheitern schaffen. Die Erfolgszuversicht muss unbedingt erhalten werden. Mit Bewertungen sparsam umgehen. Nach Autonomie streben und sich von Mitspielern nicht zu sehr einengen lassen.

 

Niemals zu ehrgeizige Ziele setzen. Das Erreichen übergeordneter Ziele - wie etwa Turniersiege - stellt sich automatisch ein, wenn unsere Handlungen gelingen. Nur diese können wir im jeweiligen Moment beeinflussen und nur sie haben uns daher zu interessieren.

 

Die Spieler nicht unnötig ablenken. Ein Spiel ist deshalb faszinierend, weil es eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen darstellt. Solange gespielt wird, sollte man sich ungestört der Illusion hingeben dürfen, es gäbe nur die Spielwelt.

 

Die eigene Handlungskompetenz stets erweitern. Durch stetige Verbesserung der eigenen Fähigkeiten werden Aufgaben zusehends als bewältigbar empfunden.

 

Die Freude am unmittelbaren Tun unbedingt bewahren. Erfolge sollten auch als solche wahrgenommen werden. Nicht das Haar in der Suppe suchen! Besser man motiviert sich durch einen zufälligen Erfolg, als nach versteckten Unzulänglichkeiten zu suchen. Diese aufzudecken ist ebenfalls wichtig. Nach dem Spiel ist dafür noch Zeit genug.

 

Der Flow ist ein faszinierendes Ereignis. Erleben wir ihn, so sollten wir uns einfach darüber freuen und daraus Zuversicht schöpfen. Wir sehen dann, wozu wir fähig sind, wenn wir mit Freude handeln und uns nicht durch Zweifel, Ängste und Ehrgeiz hemmen.

 

Thorsten


[1] Ergänzung: Eine gute Einführung in die Thematik bietet: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Flow_(Psychologie) 

 

Ebenfalls einen guten Einstieg liefert ein Artikel in der FAZ, der zudem die Verbindung zwischen dem Flowphänomen und jüngst gewonnen Erkenntnissen der Hirnforschung erhellt:

http://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/flow-erlebnis-kurz-mal-urlaub-vom-ich-15420497.html

Bilder:

- Auf dem Traditionssegler Marco Polo im Fehmarnsund

 

- Leuchtturm der Insel Poel.