Kugelpositionen


davor (devant)

Pètanque Tipps und Tricks: Die Kugel davor (devant)

„Was den Gegner dazu bewegt sich zu nähern, ist die Aussicht auf Vorteil.

         Was den Gegner vom Kommen abhält, ist die Aussicht auf Schaden.“

                                                                                     Sunzi 


 

Beim Pétanque punkten Kugeln, die näher am Schwein liegen als die des Gegners. Meist gelangen sie durch Legen an ihre Position. Wir müssen natürlich mit dem Gegner um die Dominanz im Legen wetteifern, nicht zu vernachlässigen ist es aber, die gegnerischen Bemühungen aktiv zu durchkreuzen. Darum müssen wir den Weg zwischen Kreis und Schwein (Cochonnet) mit eigenen Kugeln besetzen. Diese Kugeln liegen im Weg, sie stören den Gegner und verbessern ihre Position noch, wenn sie angespielt werden.

 

Legt man eine Kugel vor das Schwein, wird das nicht selten mit einem knappen „devant“ (davor) gelobt. Das geschieht auch dann, wenn die Kugel sehr weit vor dem „Cochonnet“ platziert wurde. Es steckt aber mehr dahinter als Ironie oder milder Trost, denn diese Kugel kann immer noch des Gegners Donnée blockieren oder ihn psychologisch behindern.

 

Wird die erste Kugel extrem nah an die Zielkugel gelegt, so zeugt das zwar von hoher Kunst und setzt auch den Gegner unter Druck. Der gegnerische Schütze kann sie aber entfernen, der Leger sie verdrängen; in jedem Falle ist der Weg zur Sau weiterhin frei. Der Gegner wird ihn besetzen und seine Vorteile daraus ziehen, wenn wir es nicht tun.

 

Das Spielen von "Devantkugeln" hat auch Aspekte, die das Mannschaftsspiel betreffen. Mit einer Kugel "davor" bringt ein Leger seinen Schützen erst richtig ins Spiel. Durch sie können zwei Spieler gemeinsam um die Punkte kämpfen, anstatt einfach nur nacheinander zu versuchen, den Punkt zu machen.   

 


dahinter (arrière)


Als Themistokles 480 v.Chr. die Athener dazu bewegen konnte, ihre Stadt den Persern preiszugeben und auf eine Flottenstrategie setzte, verlagerte er den strategischen Schwerpunkt des "Perserkrieges" vom Land auf die See. Nicht die steinernen Mauern der Stadt, sondern die "hölzernen Mauern" der Schiffe sollten den Sieg bringen. Und genau so geschah es auch bei Salamis.

 

Beim Pétanque kann es ebenfalls zu Verlagerungen des Schwerpunktes kommen. Das Cochonnet ist schließlich rund und kann – absichtlich oder per Zufall - leicht bewegt werden. Es gibt Spieler denen es eine teuflische Freude bereitet, die Sau zu verschieben. Schlimmer noch, sie haben auch die Fähigkeit dazu. Hierdurch werden die bereits gelegten Kugeln entwertet und es kann üppig gepunktet werden. Es sollte daher erwogen werden, ob nicht eine Kugel hinter dem Schweinchen platziert werden muss.

Das ist abhängig vom Kugelbild und der Höhe des "Kugelnachteils".

 

Die Gefahr der Schwerpunktverlagerung wächst, wenn ohne zu punkten gelegt wird. Mit den gespielten Kugeln hat man sich buchstäblich festgelegt. Ebenso kann eine perfekte letzte Kugel schlimme Folgen zeitigen, sofern sie das Schwein berührt. Der obligatorische Schuss verändert dann zwangsläufig die Cochonnetpositon. 

 

Daher sollte stets bedacht werden, dass auch Schweinchen rund sind und im Spiel noch wandern können. Glücklich darf sich die Mannschaft preisen, die hinten dann mit Kugeln vertreten ist. Meist gelangen sie zwar in ausreichender Zahl in den rückwärtigen Bereich - sei es durch notorisches Durchlegen oder die Effekte diverser Schüsse. Um aber nicht eigens eine Kugel in den "Rückraum" legen zu müssen, empfiehlt sich Folgendes: Bei Zeiten wähle man eine Wurfvariante, die bei Misslingen das Hinterland okkupiert. Eine solche Kugel mit eingebautem Plan-B (mutig legen und Durchlegen in Kauf nehmen), muss rechtzeitig gespielt werden und kann vor großem Schaden bewahren.


daneben (bâtard)

Wenn beim Pétanque einmal das Wort "Bastard" fällt, sollten die Fäuste lieber (zunächst) in der Tasche bleiben, denn nur selten ist damit der Spieler gemeint, der soeben eine Kugel neben dem Cochonnet plazierte. "Bastard" bezeichnet vielmehr die Kugel selbst. Diese Benennung wird gebraucht, wenn eine Kugel neben der Sau liegt und sie subjektiv so eingeschätzt wird, als könne leicht besser gelegt werden, dieses aber objektiv nicht der Fall ist.

Der Begriff stammt natürlich aus dem französischen Pétanque. Seine genaue Herkunft ist jedoch umstritten. Gemeinhin bezeichnet "Bastard" den außerehelichen Spross eines Adligen. Das war früher weniger unfreundlich gemeint, als es heute klingt. Da das Wort erst mit den Normannen in Frankreich auftauchte, schlossen die Gebrüder Grimm auf eine Herkunft aus den altnordischen Sprachen. Sie sahen, dass ähnliche Wörter dort allgemein für das Gemischte und Unechte stehen.

 

So haben wir denn mit dem "Bastard" eine Kugel, die weder davor noch dahinter liegt, die weder klar gut noch klar schlecht ist, die weder eindeutig geschossen werden muss noch das Legen erzwingt. Gemischter und unechter geht es kaum.

Die "Bastardsituation" wird wohl selten bewusst herbeigeführt; sie ereignet sich einfach. Die Herausforderung liegt darin, sie möglichst rechtzeitig als solche zu erkennen.

 

Wie wirkt sich nun ein "Bastard" im Spiel aus?

 

Schütze:

Der "Bastard" lässt einen Schützen daran zweifeln, ob er seine kostbare Kunst überhaupt an eine solche Kugel verschwenden soll, die weder zwingend ist, noch "devant" liegt. Bekanntlich ist - von alters her - der Zweifel der größte Feind des Tireurs. Ein grübelnder Schütze, der ob seines Haderns eine Kugel verfehlt, die er eigentlich nicht angreifen wollte, kann einem schon leid tun. So fangen Krisen an!

 

Leger:

Beim Versuch, Besseres als den "Bastard" zu legen, sieht der Gegner natürlich genau, welche Wege nicht zum Ziel führen - ein unschätzbarer Vorteil. Besonders bitter wird es, wenn erst mit der letzten Kugel die Lösung gefunden und somit enthüllt wird. Ein guter Schuss und es kann richtig teuer werden.

 

Mannschaft:

Ein "Bastard" ist eine Herausforderung an die mannschaftliche Harmonie. Eingespielte Teams, die zu effizienter Entscheidungsfindung fähig sind, haben Vorteile. Lange Diskussionen führen immer dazu, dass die dabei unterlegene Partei ihre Mininiederlage erst verarbeiten muss. Das kann sich dann auch noch in künftigen Aufnahmen negativ bemerkbar machen.

 

So zwingen "Bastarde" die Spieler zu Aufmerksamkeit und Teamplay. Eine aufmerksame Mannschaft, die den Wert einer vermeintlich schlechten Kugel erkennt und der es gelingt, den Entschluss zu deren Beseitigung ohne operettenhafte Szenen zu fassen, muss "Bastarde" nicht fürchten.

 

Thorsten