Stilfragen


„Ich künstle so lange an meinem Stil herum, bis er natürlich wird.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Auf den Bouleplätzen ist erstaunlicherweise eine Vielzahl individueller - teils kurioser - Spielstile zu beobachten. Das liegt vermutlich daran, dass viele Spieler als Autodidakten zu dieser Sportart stoßen. Andererseits ist aber durch das Internet fast jeder Mensch dazu in der Lage, sich die Bewegungsmuster wirklicher Profis anzusehen und anzueignen. Wie kommt es dennoch dazu, dass so viele Spieler an ihren Marotten festhalten? Es lohnt sich, einmal genauer darüber nachzudenken.

 

Ein Spieler, der mit dem Pétanque beginnt, hat nach einiger Zeit mit seinen Aktionen unweigerlich einen gewissen Erfolg. Das nährt die Versuchung, diesen Erfolg zu bewahren, indem auf dem einmal eingeschlagenen Weg fortgeschritten wird. Werden - unglücklicherweise - die Anfangserfolge mit einem unzureichenden Stil erreicht; wird an diesem festgehalten; so ist künftig eine Limitierung des Spielvermögens die Folge. Um des scheinbaren Erfolges willen, wird ein bestimmtes Niveau zementiert, die eigentliche Aufgabe der Anfangszeit, im Ausprobieren das Rechte zu finden, wird verfehlt. 

 

 

Trägt die Substanz oder lohnt der Neubau?
Trägt die Substanz oder lohnt der Neubau?

Besser ist es, sich zunächst einen guten und effizienten Stil anzueignen, ungeachtet der eintretenden Erfolge. Wer schöne saubere Bögen wirft, auf Eisen schießt, auf seine Handhaltung achtet, eine ausgewogene Körperhaltung einnimmt, der wird unweigerlich bald Erfolge erleben und sich lange Zeit in seinem Spiel verbessern können. Ein guter Stil ist derart wichtig, dass es sich praktisch jederzeit lohnt, zu diesem zu konvertieren. Die vermeintlichen Errungenschaften der Anfangszeit zu bewahren, bedeutet häufig das Konservieren von Unzulänglichkeit.

Um ein Missverständnis zu vermeiden: Spieler mit individuell ausgeprägten Bewegungsmustern spielen häufig sehr gut. Oft haben sie ihren Stil über Jahre perfektioniert. Dem Beobachter stellt sich jedoch die Frage, die freilich schwierig zu beantworten ist: Wie gut wären diese Spieler nach all den Jahren geworden, hätten sie sich anfangs einen reinen und effizienten Stil angeeignet?

 

Der Erfolg des Pétanquespielers liegt nur vordergründig in errungenen Siegen.

Mehr noch zeigt er sich in dessen spielerischer Entwicklung.

Man ist gut beraten, diese niemals zum Stillstand kommen zu lassen.

Thorsten


Dieser Artikel wird ergänzt durch: "Die Kunst des Weglassens".

 

Bild: Bruchbude in der Feldmark nahe Gifhorn