Masterplan


Kurs halten schwierig? Ein einfacher Plan kann helfen.
Kurs halten schwierig? Ein einfacher Plan kann helfen.

In einer Partie Pétanque kann man die Dinge einfach so dahintreiben lassen. Dann wird schlicht taktiert, also ohne jede Strategie gehandelt, wodurch die dem Auge sich bietende Situation jeweils neu zu bewerten ist. Es ist, als navigiere ein Kapitän ohne Kenntnis seiner genauen Position allein auf Sicht.

 

Besser ist es freilich, sich eine generelle Richtung zu überlegen – eine Strategie – und daraus abgeleitet, einen Masterplan[1]. Aus diesem folgt, wie generell in der Partie vorgegangen werden sollte. (Zu Wesen und Vorteilen von Strategien wurde in diesem Kapitel bereits einiges ausgesagt, weshalb der Fokus hier auf dem zusätzlichen Nutzen liegt, der einem planvollen Vorgehen innewohnt.)

 

 

Richtung (Den Weg verkürzen)

Generell muss sich ein Masterplan an Stärken und Schwächen orientieren. Er muss eine Beziehung zwischen eigenen und gegnerischen Fähigkeiten herstellen[2]. Beispielsweise sind drei exzellente Leger durch eine Strategie der frühen Schüsse kaum zu überwinden, wenn sich im Gegnerteam nur ein sicherer Schütze befindet. In diesem Fall muss also dem Legen Priorität eingeräumt werden, wodurch Schüsse je nach Lage zu erwägen sind. Im umgekehrten Fall – drei gute Schützen treffen auf nur einen versierten Leger – sind frühe Schüsse das Mittel der Wahl[3]. Beide Strategien können, sofern der Gegner bekannt ist, als Masterplan bereits festgelegt werden, bevor die erste Kugel der Partie rollt.

 

Wie ein Fluss, der sich selbst überlassen, in unzähligen Windungen dem Profil der Landschaft folgt; sich in Mäandern schlängelnd seiner Mündung zustrebt; so mäandert auch ein Spiel, wenn Spieler nur taktieren und sich nicht von einem Masterplan leiten lassen. Der Mensch, bestrebt den Fluss zu bändigen, durchsticht planvoll dessen Windungen, verkürzt den Weg der Fluten und gibt ihnen eine klare Richtung. So geschieht es auch im Spiel, wenn der Plan, an der rechten Stelle ansetzend, die Kräfte der Mannschaft bündelt und Umwege vermeiden hilft.

 

Effizienz (Die Reise erleichtern)

Pétanque ist ein Konzentrationsspiel. Die Bündelung der Gedanken auf den einen Moment des Loslassens hin ist erfolgsentscheidend. Mit der wichtigen Ressource ihrer Geisteskraft müssen die Spieler pfleglich umgehen, denn sie allein ist es, die erfolgreiches Handeln ermöglicht. Man darf das Konzentrationsvermögen sich nicht in ineffizienter Kommunikation sinnlos verbrauchen lassen. Spieler dürfen einander nicht durch Abstimmungen die Fokussierung rauben. Mancher empfindet beispielsweise schon nach des Gegners erster Kugel – sofern brillant gelegt – Diskussionsbedarf. "Sollen wir wirklich angreifen?"; "Was ist, wenn wir nicht treffen?"; "Kann nicht auch noch gelegt werden?". Dabei ist doch vollkommen klar – oder sollte es zumindest sein – dass der Schütze zunächst die gut platzierte Kugel zu entfernen versucht. Sofern Gründe dagegen stehen und erst eine Kugel aussichtsreich und möglichst "devant" positioniert werden soll, ist auch dieses Vorgehen geeignet, Teil eines Masterplans zu sein. Dieser ist allen Spielern bekannt und entbindet für die gesamte Partie von der lästigen Pflicht, jene Standards zu diskutieren, die sich in Fülle einstellen werden.

 

Ein Wasserlauf wird im Anbranden an Geröll zu Wirbeln und Strudeln aufgewühlt, in denen sich seine Kraft verbraucht. Ebenso geschieht es im Spiel, wenn Fragen nach dem einzuschlagenden Kurs an unterschiedlichen Meinungen und Charakteren vielfach gebrochen, dessen Richtung ins Beliebige lenken. Ungehindert fließendes Wasser strömt dagegen klar und schnell, bar jeder Strudel. Ebenso durchflutet ein Masterplan das Team und sorgt dafür, dass nicht jedes Ereignis unter den Gefährten sogleich einen Schwall von Fragen aufwirbelt. Vielmehr erzeugt er jene Deutungssicherheit, die den Fluss des Spiels bewahrt.

 

Klarheit (Das Ziel erkennen)

Im Bewusstsein richtigen Handelns spielt es sich besser. Das schließt nicht nur das vordergründig Richtige ein, das sich durch die Lage der Kugeln und die Einschätzung individueller Spielstärken ergibt. Es umfasst ebenso das zwischenmenschlich Richtige. Aktionen, die in der Gewissheit ausgeführt werden, sich im Einklang mit den Partnern zu befinden, wohnt eine größere Erfolgschance inne. Der Konsens stärkt die Schultern des Handelnden.

Das Einvernehmen kann durch Diskussion, Gesten oder aufmunternde Zurufe stets aufs Neue bekundet werden. Ist ein generelles Vorgehen jedoch vorab vereinbart, besteht dazu kaum mehr eine Notwendigkeit; Missverständnisse und Unsicherheiten werden so vermieden. Darin liegt die Stärke eingespielter Mannschaften. Nach einer gut gelegten Kugel geht der Schütze plangemäß wie selbstverständlich in den Kreis oder wartet ebenso selbstverständlich, dass der eigene Leger mit einer Devantkugel zunächst ein Hindernis errichtet. In dieser Weise geschieht es in vielen Situationen, die dem Team als Standards geläufig sind.

 

Im Kanalgewirr eines Flussdeltas fällt es einmal getrennten Kanuten schwer, sich zu sammeln. Zwar können Rufe helfen, weniger aufwändig ist es jedoch, im Vorhinein einen markanten Treffpunkt zu vereinbaren. Diesen steuert jeder Kanute irgendwann an und findet einstweilen die Muße, seinen Erkundungen unbesorgt nachzugehen.

 

Wer von den Vorzügen der Planung spricht, darf von ihren Fallstricken nicht schweigen, denn schließlich kann jeder Plan sich als falsch erweisen. Der Ausspruch Helmut von Moltkes d. Ä., wonach kein Plan die Berührung mit dem Feind übersteht[4], gibt zu denken. Das starre Festhalten an einem sich als unzureichend erweisenden Plan ist ein sicherer Weg in den Untergang. Dieses ficht zwar den mangelhaften Plan an, nicht aber die Planung selbst. Der alte Plan wird dann eben ausgemustert, ein neuer Masterplan wird installiert.

 

Ein Schiff wird von Seezeichen vor Untiefen gewarnt und ändert seinen Kurs, um schließlich auf einem Umweg sein Ziel anzulaufen. Ein Gespür dafür, wann vom Plan abgewichen werden muss, ist ebenso wichtig, wie die Aufstellung des Planes selbst. Im rechten Einfühlungsvermögen zeigt sich die ganze Erfahrung eines Spielers, in ihm liegt die Kunst.

 

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass sich ein Plan auf dreierlei Weise günstig auswirkt: Indem er die Strecke verkürzt, wodurch das Ziel näherrückt; indem er durch Verminderung von gruppeninterner Reibung die Kräfte des Teams schont, wodurch das Ziel mit weniger Aufwand erreicht wird; und schließlich, indem er die Spieler auch dann zueinander finden lässt und beieinander hält, wenn der Weg nicht mehr eindeutig auszumachen ist. 

 

Thorsten

 


[1] Masterplan und Strategie verhalten sich zueinander etwa wie folgt: Beide wirken über die einzelne Aufnahme oder sogar über das einzelne Spiel hinaus. Während aber – wie an anderer Stelle ausgeführt – die Strategie möglichst einer Person obliegt, wodurch ihr etwas Schwebendes, Intuitives eignet, sie sich möglichst auch nicht detailliert festlegen lässt, sich vielmehr Handlungsspielräume erhält und geradezu erarbeitet, ist der Masterplan eine aus der Strategie abgeleitete, allen Spielern bekannte Leitidee, aus der ein konkretes Vorgehen unmittelbar abzuleiten ist. Mit Recht kann man sagen, dass der Masterplan ein Teil und eine Konkretisierung der jeweiligen Strategie ist. Die alternativen Pläne B und C, die installiert werden, sobald Plan A scheitert, sind ebenfalls Teile dieser Strategie.

 

[2] Eben dieser Aspekt wird in den anderen Artikeln thematisiert. Zum Strategiebegriff siehe: "Die Bedeutung der Strategie" und "Strategie, das unbekannte Wesen"

 

[3] Wir beschränken uns in diesem Text auf das einfache Beispiel der sogleich "zwingend" gelegten Kugel. Es dient als Platzhalter für all die Standardsituationen, die durch ihre häufige Wiederkehr den Spielern so bekannt werden, dass Diskussionen unterbleiben können. 

 

[4] eigentlich: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.

Moltke (1800 –1891) war ein preußischer Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes. Als Schriftsteller äußerte er sich in luzider Weise zu Fragen von Planung und Führung. Der Strategieteil dieses Lexikons ist in einigen Bereichen durch seine Gedanken inspiriert. 

Siehe auch: "https://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke


Bild: Surfer vor Fehmarn nahe Lemkenhafen