Spiele lesen


 

Im Pétanque ist immer wieder zu hören, man müsse den Boden, das Spiel oder den Gegner "lesen". Dahinter steckt mehr als die Aufforderung, genauer hinzusehen, denn letztlich läuft es sogar auf das Gegenteil hinaus. Erscheint der Vergleich vordergründig weit hergeholt, erweist er sich bei genauerer Betrachtung als erstaunlich treffende Metapher.

 

Lesen ist eine Fertigkeit, die durch stete Anwendung so vertraut wird, dass sich die Frage nach dem "WIE" nicht mehr stellt. Es beginnt mit dem Buchstabieren. Nach Erlernen des Alphabets werden Buchstaben als Bestandteile der Worte einzeln identifiziert. Der Kern des Lesens ist somit das Wiedererkennen. Nach einiger Übung gelingt es, die Buchstaben zu Silben zusammenzuziehen. Das Lesen bleibt mühevoll, wird aber flüssiger. In einem nächsten und entscheidenden Schritt werden dann Worte als Ganzes wiedererkannt. Nach vielmaligem Lesen prägt sich deren Gestalt als Muster ein. Der mühselige Prozess des Buchstabierens kann durch das ungleich schnellere Mustererkennen ersetzt werden. Versierte Leser kontrollieren lediglich Anfang und Ende eines Wortes, bevor ihr Auge blitzschnell weiterwandert. Worte werden also nicht aus ihren Einzelkomponenten konstruiert - was ja ein Vorteil der Lautschrift ist - sondern als Zeichen identifiziert. Diese Fähigkeit schreitet fort, indem mehrere Worte gleichzeitig erkannt werden. Sie gipfelt in dem Vermögen, einen ganzen Absatz mit nur einem Blick zu erfassen.

 

Ein Leser erschließt sich den Inhalt einer bedruckten Seite durch Reduktion der Komplexität. Das unübersichtliche Buchstabenchaos wird zu Mustern geordnet. Kurze und vertraute Worte werden sofort erkannt, längere nur oberflächlich kontrolliert. Unwillkürlich wird der Geist zu jenen Bereichen gelenkt, durch die sich der Sinn ergibt.

 

Die Deutung eines Pétanquespiels ist eine ähnlich schwierige Herausforderung. Auch sie lässt sich durch Komplexitätsreduktion meistern. Stetes Betrachten und Deuten der Spiele ermöglicht das Identifizieren wiederkehrender Situationen. Diese prägen sich als Muster ein und können alle Bereiche des Spiels beinhalten. Bodenverhältnisse, Spielvermögen von Gegnern und Partnern, Kugelbild und sonstige Umstände sind nicht "en dé­tail" zu analysieren, sie müssen "gelesen" werden. Je flüssiger das gelingt, desto intuitiver - und damit besser - kann das Spiel erfasst und geführt werden.

 

Durch den Vergleich mit dem Lesen werden drei Kardinalfehler augenfällig, die beim Umgang mit den Kugeln begangen werden können.

 

1. Durch oberflächliches Hinsehen und geringe Experimentierfreude bleibt der Erfahrungsschatz niedrig. Situationen können nicht korrekt und nicht schnell genug erfasst werden. Die Ergründung der Lage verbraucht - wie beim Buchstabieren - viele Ressourcen und hemmt den persönlichen Spielfluss.

 

2. Durch Detailverliebtheit kommt ein durchaus adäquater Erfahrungsschatz nicht dem Spielvermögen zugute. Der Versuch, jede Kleinigkeit zu berücksichtigen, lässt den Blick für das Ganze schwinden. Flüssig lesen bedeutet nicht, jeden Buchstaben zu kontrollieren, sondern ein ganzes Wortfeld wahrzunehmen. Flüssiges Spielen bedarf der Scheidung des Wesentlichen vom Unwichtigen.

 

3. So bedeutsam das Lesen des Spiels ist, so bedeutend ist es auch, nicht lesbar zu sein. Ausrechenbarkeit durch schematisches Handeln ist ein Geschenk an Widersacher. Es gilt, Gegner durch überraschende Wendungen zum Buchstabieren zu zwingen, während man selbst sie wie Bücher liest.

 

Aus Sehen wird erst durch Erfahrung Erkennen. Wir sehen durch das Auge aber mit dem Verstand. Erkennen bedarf der Auslese. Übersehen des Unwichtigen schafft Übersicht.

 

 

 

"Lesen ohne Denken verwirrt den Geist.

Denken ohne Lesen macht leichtsinnig."

 

Konfuzius

 

Thorsten