Die Weihnachtskrise


Die Weihnachtsfeiertage, für viele sind sie eine Zeit häuslicher Einkehr, des Innehaltens und der Kontemplation. Eine Prüfung sind sie hingegen dem Boulespieler, für den, sobald das Jahresende naht, eine Zeit des Verzichts und gefährlicher innerer Krisen beginnt. Die in der Jahresendphase allenthalben praktizierten Riten und Zusammenkünfte führen, verstärkt durch ungünstige Wetterlagen, zu ausgedehnten Spielpausen, die ernste gesundheitliche Irritationen auslösen können.

 

Diese, in der populärwissenschaftlichen Literatur mit den Begriffen „Kugelentzug“ und „Unterboulung“ möglicherweise nur unzureichend beschriebene Krankheit, sollte in keinem Falle unterschätzt werden. Sie beginnt mit unkontrollierten Zuckungen der Gliedmaßen, geht jedoch schnell in Zwangshandlungen und Wahnvorstellungen über. Das Ende ist immer ein Zustand vollständiger Agonie des seines einzigen Lebensinhaltes abrupt beraubten Menschen.

 

Es ist daher sehr wichtig, schon erste Anzeichen dieser Krisis zu erkennen, um möglichst schnell geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten. Im Folgenden sollen daher auftretende Symptome dargestellt werden, die typischerweise mit einer Verschlimmerung der Krankheit einhergehen:

 

Schon beim Anprobieren des Weihnachtsmannkostümes fällt der Kränkelnde durch eigenartige Armbewegungen auf, die in anderem Zusammenhang als Ausdruck einer extremistischen Gesinnung gedeutet werden könnten, hier aber lediglich „Santas“ rotes Wams auf seine Eignung zu Hochportéewürfen testen sollen.

 

Der Patient kann an keinem Teller Apfelsinen vorbeigehen, ohne sich durch intensives Betasten, Klarheit über Umfang und Gewicht des Obstes zu verschaffen und sich lobend über den einmaligen Grip dieser Südfrüchte zu äußern.

 

Nüsse, die man ihm reicht, werden grundsätzlich nicht geknackt, sondern „ausgeworfen“. Zum fassungslosen Entsetzen anwesender Gäste wird anschließend auch noch die Wurfstrecke mit Meterschritten sorgfältig überprüft.

 

Die Vorbereitung eines Teiges für leckere Weihnachtsplätzchen kann sich endlos hinziehen, da der Erkrankte in dem ausgebrachten Mehl zwanghaft nach geeigneten Donées fahndet.

 

Mit der Ausstreuung apodiktischer Werturteile über die allenthalben vorhandenen Adventskränze löst der Patient nachhaltiges Befremden aus. Denn diese werden nicht auf ihren ästhetischen Reiz hin untersucht, sondern, sofern ihr Innendurchmesser nicht zwischen 35 und 50 cm beträgt, als nicht Regelkonform gegeißelt.

 

Die Harmonie der Festtafel kann erheblich gestört werden, wenn die zur herrlich knusprigen Gans gereichte Knödelbeilage den Leidenden zu dem schrillen Ausruf verleitet: “Halt, das muss gemessen werden!“ und er sich erst wieder beruhigen kann, wenn er Klarheit darüber erlangt, welches der runden Kartoffelerzeugnisse denn nun den Punkt hat.

 

Der Zustand vollständiger Agonie ist jedoch dann erreicht, wenn der Paralysierte in stundenlanges Starren auf die Christbaumkugeln verfällt, in dem sinnlosen Versuch, zu bestimmen, welche von ihnen sich denn genau „devant“ befände. Deutet der Betroffene schließlich immerfort auf eines der Schmuckelemente und brabbelt fiebrig: “Die da, die muss geschossen werden!“ ist das Endstadium erreicht.

 

Sollten sie eines oder gar mehre dieser Symptome an sich oder anderen bemerken, ist es höchste Zeit zum Handeln. Der Patient sollte so schnell wie möglich von seinen Pflegern in die Nähe eines geeigneten Boulodromes gebracht und mit Kugeln versehen werden. Schon bald wird ein deutlicher Anstieg aller Vitalfunktionen erkennbar und die Krisis überwunden sein. Die beschriebenen Zwangshandlungen sind freilich irreversibel, fallen aber im Beisein anderer Betroffener nicht negativ auf, wodurch die Belastungen für den nicht betroffenen Teil der Bevölkerung auf ein Minimum reduziert werden können.

 

Thorsten