Drall 1


- Grundlagen -


"Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift

- allein die Dosis macht, das ein Ding' kein Gift ist."

                                                           Philippus Theophrastus Bombast von Hohenheim - "Paracelsus"


Viele Boulespieler beginnen ihre Karriere mit einer Technik, bei der die Kugel einfach über den Boden rollt. Erst später interessieren sie sich für die Effekte des Dralls. Diese sind jedoch nicht leicht zu beobachten, noch sind sie intuitiv zu verstehen. Mit Sicherheit erfordern sie detaillierte Kenntnisse, sollen sie zum Guten wirken.  

 

Was ist Drall?

Als "Drall" bezeichnet man die Rotation einer Kugel um ihre eigene Achse. Rollt die Kugel beim Öffnen der Hand an den Fingern ab, so erfährt sie hierdurch einen Drehimpuls. Dieses Drehen hat einen großen Einfluss auf das Wurfergebnis und es lohnt, dessen Wirkungsweise genau zu verstehen.

 

Drall - Welche Arten lassen sich unterscheiden? 

Es ist möglich, die Hand zu öffnen, ohne die Kugel an den Fingern abrollen zu lassen - den Drall also zu vermeiden. Sie beginnt dann bei Bodenberührung einfach zu rollen, wie etwa eine Murmel in einer Murmelbahn rollt. Rollt eine Kugel jedoch an den Fingern ab, während der Handrücken nach oben weist, beginnt nach dem Loslassen eine Rotation entgegen der Wurfrichtung - es wurde Drall erzeugt.

 

Erfolgt diese Rotation nicht genau entgegen der Wurfrichtung, spricht man von Effet. Geschieht dies unbeabsichtigt, verkompliziert es den Wurf und stellt eine Fehlerquelle dar.

Die Finger sollten daher beim Öffnen der Hand geschlossen sein und der Handrücken stets nach oben weisen. Gespreizte Finger und eine seitwärts sich neigende Hand erzeugen ungewollte Drehbewegungen der Kugel.

 

Die hier beschriebenen Rotationen lassen sich verstärken, indem eine Drehbewegung des Handgelenkes unternommen wird. Hierdurch verstärken sich einerseits die Effekte, andererseits wächst damit auch die Gefahr der Ungenauigkeit.


Es gibt demnach drei Arten eine Kugel auf ihren Weg zu bringen:

 1. Rollen ohne Drall

 2. Passiver Drall (Resultiert aus Armbewegung und Abrollen an den Fingern - "natürlicher Drall")

 3. Aktiver Drall (Wird durch Drehung des Handgelenks erzeugt - "zusätzlich bewirkter Drall") 


 

Der Pétanquespieler muss, je nach Zielsetzung und vorgefundenen Verhältnissen, die rechte Wurfvariante wählen. Nicht immer bringt die schwierigste Technik auch den größten Erfolg; nicht immer erreicht man mit maximalem Drall auch ein Maximum an Punkten.

Die durch den Armschwung vermittelte Bewegungsrichtung ist meist entscheidend für den Lauf der Kugel. Drall trägt günstigenfalls dazu bei, diese Richtung zu konservieren.

Bei einer runden und harmonischen Wurfbewegung entsteht "natürlicher Drall" von ganz allein. Wer Drall als nützliches Nebenprodukt seines Werfens ansieht, kann sich auf das Wesentliche konzentrieren - also Donnée, Richtung und Abwurfwinkel. Wer den Drall hingegen zum Hauptziel erhebt, verkennt die Prioritäten.

 

Welche Effekte sind vom Drall zu erwarten?

  

1. Der Bremseffekt:

Eine entgegen der Wurfrichtung rotierende Kugel wird durch einen Effekt gebremst, der sich aus der Kreiselmechanik ergibt: Wie in § 34. Der Kreisel nachzulesen, weicht ein Kreisel einem Stoß nicht aus, indem er der Stoßrichtung folgt. Er weicht vielmehr im rechten Winkel dazu aus. Bei Bodenkontakt erhält die "kreiselnde" Kugel einen solchen Stoß. Sie weicht tendenziell in eine Richtung aus, welche der vorwärtsgerichteten Wurfenergie entgegenwirkt - wird also gebremst.

Zusätzlich entsteht durch die Rotation zwischen Kugel und Boden eine Reibung, welche sich ihrerseits hemmend auf die Geschwindigkeit auswirkt. 

Zwischenfazit: Rückdrall ermöglicht durch Abbremsen der Kugel das Anspielen von Données, die näher am Ziel liegen. Kugeln können mit höherer Anfangsgeschwindigkeit gespielt werden, was die Handlung des Werfens erleichtert.  

 

2. Der Stabilisierungseffekt

Eine mit Rückdrall geworfene Kugel ist physikalisch gesehen ein Körper, der den Kreiselgesetzen unterliegt. Das schnelle Drehen um eine Rotationsachse führt dazu, dass deren Lage im Raum stabil bleibt. Rotierende Körper besitzen nämlich eine Trägheit, die sich der Veränderung der Achslage widersetzt. Das führt nun dazu, dass Pétanquekugeln, die mit Rückdrall gespielt werden, unempfindlicher auf Störungen reagieren (siehe hierzu:§ 34. Der Kreisel). Im Augenblick der Bodenberührung besitzt die Kugel noch den vollen Rückdrall, der dann allerdings schnell abnimmt. Sie kann ersten Hindernissen daher theoretisch besser widerstehen als eine ohne Drall landende Kugel. Da sich der Drall nach der Landung jedoch schnell vermindert, ist er beim Nachfolgenden Rollen der Kugel für deren Stabilität ohne Bedeutung. 

 

3. Der Stoppeffekt:

Eine Kugel, die ohne Rückdrall auf eine andere Kugel trifft, gibt günstigstenfalls ihre gesamte Energie an diese ab, könnte also an der Kollisionsstelle liegen bleiben. Da sie aber zuvor über den Boden gerollt ist, erfährt sie einen vorwärtsgerichteten Drehimpuls. Dieser wird nicht auf die andere Kugel übertragen. Durch diese Tatsache haben vorwärts rollende Kugeln die Neigung, nach einer Kollision weiterzurollen. Kugeln mit Rückdrall bleiben hingegen liegen oder laufen sogar zurück - was weniger beim Legen eine Rolle spielt, beim Schießen jedoch von großer Bedeutung ist.

Zwischenfazit: Die Schussarten "Carreau" und "Retro" werden durch Rückdrall begünstigt, der freilich zu vermeiden ist, soll die Schusskugel nach einem Treffer ihrem Ziel nachlaufen.

 

4. Der Kurvenlauf

Eine Kugel, deren Drall nicht exakt entgegengesetzt der Wurfrichtung verläuft, beschreibt eine Kurve. Diese kann kaum merklich oder sehr ausgeprägt sein. Im letzteren Falle ist eine komplexe Bewegung des Handgelenkes erforderlich. Mit diesem Effekt können Hindernisse umspielt werden. Dieses Phänomen wird in "Drall IV: Effet" wieder aufgegriffen. 

 

5. Erschwerte Vorhersagbarkeit der Kugelwege

Drall kann dazu führen, dass Kugelwege schwerer berechnet werden können. Die Physik kreiselnder Kugeln kann unglaublich kompliziert werden und das menschliche Vorstellungsvermögen überfordern. Insbesondere sorgt seitlich sich neigender Untergrund immer wieder für unangenehme Überraschungen.

 

Eine Kugel einfach rollen zu lassen, wird als Anfängertechnik angesehen und gern verschmäht. Sie mit viel Drall zu bewegen, gilt hingegen als versiert. Tatsächlich hängt es aber vom Boden und den technischen Fertigkeiten des Spielers ab, welche der Techniken sich als effektiver erweist.

Wer nicht mit Drall zu spielen vermag, dem fehlt ein wichtiges Heilmittel, seinen Wurf bei Bedarf gesunden zu lassen. Wer Drall bedenkenlos einsetzt, handelt sich dagegen zusätzliche "Krankheiten" ein. Auch hier gilt also: "Die Dosis macht das Gift".

 

 

Thorsten


Bemerkung:

Dieser Artikel findet seine Fortsetzung in: Drall II - Anwendung 

 

 

Dank: Dieser Artikel wurde durch den Beitrag eines Lesers um wichtige Punkte ergänzt. Ich danke Martin für den Hinweis auf die Effekte, die sich aus den Kreiselgesetzen ergeben.