Ausreden


Kausalität ist die Beziehung von Ursache und Wirkung und es ist mit ihr so eine Sache...

Schon griechische Philosophen haben nicht ganz erfolglos über sie nachgesonnen. Am Wesen der Kausalität hängt beispielsweise die Frage, ob die Freiheit existiert oder ob alles in einer sehr langen Kette von Ursachen und Wirkungen bereits festgelegt ist, die mit dem Urknall ihren Anfang nahm. Solche Fragen hatten besagte griechische Philosophen ins Visier genommen und glücklicherweise wollen wir uns nun nicht mit ihnen beschäftigen.

 

Mag es auch fraglich sein, ob es eine Freiheit gibt, so sind wir doch täglich so frei, nach den Ursachen für alles und jedes zu forschen. Manchmal ist es jedoch weniger Überzeugung denn strategisches Kalkül, mit dem wir unsere Vermutungen in die Welt entlassen, womit wir bei den Ausreden angekommen sind, die uns nun beschäftigen werden.

 

Ausreden zeigen erstaunlich genau, wes Geistes Kind ihr Schöpfer ist. "Sage mir, wie Du Dich herausredest und ich sage Dir, wer Du bist." Besonders üppig wuchert das Kraut der Ausreden in dem von uns so geschätzten Pétanquesport. Was liegt näher, als einige typische Ausreden anzusehen und einzuordnen?

 

1. Der Klassiker: Ganz sicher hat es schon der erste Pétanquespieler verwendet, vermutlich geht es sogar auf Adam und Eva zurück, das ewige Alibi: "Da war ein Stein." Selten hört man diesen Satz nach glücklichem Gelingen, häufiger hingegen nach unglücklichem Verspringen, was tief blicken lässt. Wir haben es hier mit dem sehr abgetragenen Deckmantel der Einfallslosesten unter den Beschönigern zu tun. Jedes Desaster, so meinen sie, lässt sich der Geologie aufladen. Ein frecher Versuch, liegt doch so manches Gestein bereits Milliarden Jahre da, wo es eben liegt. Zumindest liegt es aber lang genug, um ausreichend Zeit zu bieten, vorher einmal nachzusehen. Im Falle eines Falles sollte man sich lieber die Zunge abbeißen, als der Grabräuber zu sein, der die Mumie unter den Ausreden aus ihrem miasmatischen Mausoleum zerrt.

 

2. Science Fiction: Deutlich origineller ist da schon das Argumentieren mit der Schwerkraftanomalie. Demnach hätten Unregelmäßigkeiten in der Gravitation fatale Wirkungen auf das Kugelverhalten, was natürlich unvorhersehbar und somit entschuldbar wäre. Dieses ziemlich spaßige um nicht zu sagen "spacige" Argument, stigmatisiert seinen Verfasser sogleich als notorischen "Nerd". Nach dem Konsum zu vieler Wiederholungen der Serie: "Raumschiff Enterprise", kann sich natürlich manch wunderlicher Gedanke in das Gehirn "beamen" und wir ahnen, was "Meister Yoda" aus "Star Wars" sagen würde, käme man ihm mit solcherlei Erklärungen: "Die Kraft noch nicht stark genug in dir ist, viel üben du noch musst." So müssen denn die meisten dieser Ausreden schnell den Tarnschirm fallen lassen. Manch behaupteter Riss im "Kontinuum der Raumzeit" wird dann als das erkannt, was er ist: Ein Hirnriss!

 

3. Verfolgungswahn: Schlimmer ist hingegen die Vermutung, höhere Mächte hätten es auf den Spieler abgesehen und seinen unweigerlichen Untergang beschlossen. Die oft mit fatalistischem Unterton eingestreute Sentenz: "Ich hab´ ja immer Pech", ist die Lieblingserklärung der Paranoiker unter den Spielern, die sich auf der Analysecouch fast ebenso heimisch fühlen, wie sie auf dem Bouleplatz ein diffus-ungutes Gefühl überkommt. Abgesehen von der Frage, ob denn irgendwelche höheren Mächte eigentlich nichts Besseres zu tun haben, als ausgerechnet die Kugeln von "Dagmar Durch", "Bermudabenno" und "Kalle Knapp" zu verderben, lässt sich die aufgestellte Behauptung in den seltensten Fällen statistisch belegen. Der einzige, dem Autoren dieser Erörterungen bekannte Fall von überdurchschnittlichem und unverschuldetem Wurfpech,.............................. ist er selbst!

 

4. Esoterik: "Heut´ ist nicht mein Tag", so lautet eine beliebte Ausrede, von der Art, wie sie die Ökonomen lieben. Diese versüßen eine trübe Gegenwart gern, indem sie eine goldene Zukunft prognostizieren. Tatsächlich erwartet jeder, dessen Tag nicht ist, dass dieser desto glorreicher anbrechen möge. Ein hoffentlich gedeckter Wechsel auf die Zukunft! Leider ist jedoch die Ökonomie die Königsdisziplin der Esoterik, deren Versprechungen nur allzu oft mit Wasser denn mit Tinte geschrieben werden. Ihren Gläubigen verlangt das viel Geduld und den Gläubigern noch mehr Geld ab, weswegen St. Nimmerlein als ihr Schutzheiliger firmiert. Glücklicherweise hält die Esoterik aber noch Hexenglaube und Erdstrahlen als Ausflüchte bereit. Da man mit dem Hinweis:"Der heut´ge Tag ist nicht der meine", immer Gefahr läuft, der verbalen Konkursverschleppung schuldig zu sein, sollte den Hexen zweifelsfrei der Vorzug gegeben werden.

 

5. Lakonier: Bei der kürzesten aller Ausreden treffen sich Inhalt und Form: "Knapp" lautet sie und knapp ist sie, lakonischer geht es kaum. Nun sind ja die "Knappen der Knappheit" - eben die Lakonier - seit dem Altertum für ihren Kampfgeist bekannt, so nimmt es nicht wunder, was diese "Kämpen des Kargen" mit ihren einsilbigen Silben ausdrücken wollen: "Seht euch vor, die Einschläge kommen dichter". Werden solche Beinaheerfolge jedoch zu üppig aufgetischt, so ist das eine Völlerei, die nicht nur diesen Sprachasketen schwer im Magen liegt. Dann war es nicht nur knapp, sondern kann auch richtig eng werden.

 

6. Musterschüler: Die Könige unter den Ausredenerfindern sind allerdings die Musterschüler. Sie kennen aus dem Schulunterricht ein ganzes Arsenal an physikalischen Kräften, welche die Kugelwege beeinflussen. Ob Luftreibung oder elektrostatische Aufladung, ob beschleunigte Bewegung oder veränderter Gravitationswert bei Annäherung an das Gravitationszentrum, sie wissen alles und schlimmer noch: Man kann sie nicht widerlegen.

Auch Massenträgheit und Corioliskraft sind ihnen nicht fremd. Besagte Corioliskraft wirkt ja auf die Kugel dadurch ein, dass sich die Erde während des Wurfs weiter dreht. Ein nicht wegzudeutendes Faktum, wenngleich in der Auswirkung minimal. Tatsächlich agiert manch träger Geselle auf dem Bouleplatz derart lahm, dass sich die Erde, bis er denn endlich einmal zur Ausführung gelangt, stets ein beträchtliches Stück weiter gedreht hat, weswegen dann bei allen Beteiligten der Wunsch aufkeimt, sie möge sich nicht nur drehen, sondern auch auftun und diesen somnambulen Bouler einfach samt Lappen und Magnet verschlingen. Ein zugegebenermaßen recht unwissenschaftlicher Wunsch.

 

7. Metaausreden: Die gewieftesten Genies erwecken gern den Eindruck, jeder Lapsus sei absichtlich verursacht, als Anlass, mit ihrem überragenden Wissen zu prunken. Damit besitzen sie eine Ausrede, die aus sich selbst heraus wirkt, eben "eo ipso", wie sie selbst es formulieren würden. Die weniger Begnadeten müssen sich leider immer wieder selbst begnadigen. Gebricht es ihnen an gesunder Durchschlagskraft, führen sie allerlei Gebrechen an, um meist schon vorab Absolution zu erlangen. Wer aber Schwundpunkte mit Allerweltswehwehchen wie Arthrose oder Kalkschulter exkulpieren möchte, sollte lieber eine dramatischere Diagnose stellen. Besser man attestiert sich etwas, das jeden Hypochonder bleich wie ein Arztkittel werden lässt, wie etwa den "unheilbaren gedimmten Dämmerblick", den gefürchteten "chronischen Knotarm" oder lieber gleich die "angeborene Legeschwäche" (Legerastenie).

 

Ist es da nicht tröstlich, dass trotz allen Herauswindens jene seligen Spieler am besten dran sind, die in allem nur das Gute erkennen und der Ausreden nicht bedürfen? Schweifte eine Kugel auch in weite Fernen, so schweifte sie doch auf schönem Wege. Bei hoher Seitdrift, singt man eben der Länge Lobeshymnen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber- und jedem Debakel Gutes inne. Jeder Sieg beginnt mit dem ersten Punkt und wird dieses Pünktchen erst bei einem Rückstand von 0 zu 12 errungen, ist das mathematisch gesehen dennoch eine Verbesserung von unendlicher Dimension.

Na wenn das nichts ist: Kleine Ursache große Wirkung!

 

Thorsten