Schere


Ein Instrument, dessen Zweck es ist, Verbundenes zu trennen, bereichert die Begrifflichkeit im Pétanque – die Schere. Im so benannten Manöver geht es freilich um dessen winklige Gestalt. Mit dem Wort "Schere" können Effekte beschrieben werden, die nach einer Kollision nicht in direkter Spielrichtung der Kugel auftreten. Durch "ausscheren" sehen die resultierenden Kugelwege dann scherenartig aus.

 

Beim Schießen bedeutet das, eine schräg hinter dem eigentlichen Ziel sich befindende Kugel ebenfalls zu entfernen. Beim Legen geht es – scherenuntypisch – darum, Getrenntes möglichst zusammenzuführen, nämlich Kugel und Cochonnet.


Die Schere beim Schießen

Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Schere 1
Bild 1

Kugel A versperrt den Weg zum Cochonnet. Ein erfolgreicher Schuss bescherte Team Rot einen Punkt durch die Kugel C. Um die Lage des Cochonnets nicht zu verändern und darauf spekulierend, dass Kugel B das Bild ebenfalls verlässt, wenn sie durch Kugel A angestoßen wird, entscheidet sich der Schütze, den Schuss nicht zentral anzusetzen. Er zielt auf die rechte Seite von Kugel A um "eine Schere zu spielen" und mit Kugel D noch einen weiteren Punkt einzubringen.


Die Schere beim Legen

Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Schere 2
Bild 2

Eine Kugel soll hier durch eine Kollision mit ihresgleichen so abgelenkt werden, dass sie an gewünschter Stelle liegenbleibt.

Der Direkte Weg von Kugel A zum Schwein ist durch Kugel B versperrt. Durch Anspielen von Kugel C wird das Ziel auf indirektem Wege dennoch erreicht. Als Nebeneffekt verschlechtert sich die Position von Kugel C.


Begriffsverwendung

Der Begriff "Schere" ist aufgrund seiner Bildhaftigkeit ideal für knappe taktische Absprachen geeignet. Um Verwirrung zu vermeiden, sollte er jedoch eher in Zusammenhang mit dem Legen verwendet werden. Ein Schütze, der die weit fortgeschrittene Fähigkeit besitzt, eine Schere absichtlich zu bewirken, wird versiert genug sein, hierzu nicht noch taktischer Hinweise zu bedürfen. Die Frage, ob beim Legen der Punkt auf bereits blockiertem direktem Wege gesucht werden soll, oder indirekt mit der Schere zu markieren ist, taucht in Besprechungen immer wieder auf. Das Vorgehen dann schnell und eindeutig benennen zu können, ist vorteilhaft. Im Folgenden wird daher nur noch das Legen betrachtet. 


Mit einer "Schere" – um den Begriff nun zu gebrauchen – soll ein Ort indirekt angespielt werden, dessen direkter Zugang durch ein Hindernis verstellt ist. Zu selbigem Zwecke stünde auch das Mittel des Effets zur Verfügung, dessen Nachteil jedoch in dem technischen Anspruch liegt, den dieser Wurf verlangt. Dagegen ist die "Schere" – was die Handhabung der Kugeln anbelangt – erheblich leichter auszuführen. Ihr Nachteil liegt einerseits in der Vorbedingung einer anspielbar positionierten Kugel und andererseits in der zuweilen doch geringen Erfolgsaussicht, da mit der zwischengeschalteten Anspielstation auch die Anzahl denkbarer Missgeschicke zunimmt. Wird nämlich das Zwischenziel nur um ein Geringes verfehlt oder die Geschwindigkeit falsch bemessen, bleibt der erstrebte Erfolg aus.

Ein Beispiel soll eine typische Situation illustrieren, in der "eine Schere zu spielen" sich anböte:


Boule - Petanque / Tipps & Tricks: Schere 3
Bild 3

   

Ein Hindernis wird umgangen:

Blau hat sich leergespielt. Rot möchte mit seiner noch zu spielenden letzten Kugel nicht die beiden Punkte gefährden, die bereits im Zentrum markiert wurden. Leicht könnte eine blaue Kugel in den Punkt geschoben werden. Eine Verschiebung des Schweinchens ist ebenfalls nicht ratsam, da für Team Blau die beiden durchgelegten Kugeln wieder aufleben könnten.

 

Daher versucht Rot, kein Risiko einzugehen und den dritten Punkt auf indirektem Wege zu erlangen. Hierzu wird die Kugel B angespielt, wodurch Rot A Richtung Cochonnet abgelenkt wird. Diese letzte Kugel wird in dem Bewusstsein gespielt, dass die Aufnahme auch bei Erringung nur zweier Punkte dennoch als Erfolg zu betrachten wäre.


"Scherenmanöver" sind ihrem Wesen nach eher dazu angetan, noch zusätzliche Punkte in einem Moment zu markieren, in dem am bestehenden Kugelbild nicht mehr gerüttelt werden soll. Daraus folgt, dass der erstrebte Erfolg zwar dankend hingenommen wird, man ihn aber nicht auf "Biegen und Brechen" sucht. Daher kann die "Schere" als weitere Manifestation des Prinzips der "Billigenden Inkaufnahme" angesehen werden, dessen Wesen es ist, das Erreichbare mit leichter Hand nur bis zu jener Grenze zu betreiben, ab der das Risiko eines erheblichen Schadens sich deutlich erhöht. Der hier beschriebene Spielzug, bei dem Punkte sozusagen "über Bande" erzielt werden, und den einige daher mit der trockenen Bemerkung "Billard" kommentieren, ist ein Bonus für all jene, die eine gute Gelegenheit nicht nur erkennen, sondern diese auch beherzt und mit Geschick zu ergreifen wissen.

 

Thorsten


Ergänzung 1: Eine weitere Möglichkeit der Umgehung von Hindernissen wird im Artikel "Drall 4 - Effet" aufgezeigt.


Ergänzung 2: Die "Schere" zählt zu den Spielzügen, die deutlich seltener als andere vorkommen und deren Benennung wohl genau aus diesem Grunde divergiert. Der Begriff "Schnabeln" ist ebenfalls gebräuchlich.