Paradoxien und Strategien


"Der Weg des Paradoxes ist der Weg zur Wahrheit.

Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen“.

                                                                                                                                                                                             Oscar Wilde

 

Im Jahre 331 v. Chr. lieferten sich die Heere Alexanders des Großen und Dareios III bei Gaugamela die Entscheidungsschlacht um das Perserreich. Im Verlauf der Schlacht geriet der makedonische linke Flügel in schwere Bedrängnis durch persische Reiterei. Nach anfänglichen Erfolgen ließ diese aber vom Kampfgeschehen ab und plünderte das feindliche Lager. Die Lage konnte dadurch stabilisiert werden, Dareios III verlor Schlacht, Reich und letztlich auch sein Leben.

 

 

Paradoxerweise hatte der anfängliche Erfolg dazu geführt, dass die Truppen nicht mehr kontrollierbar waren. Es kam zu einem Handeln, das den eigentlichen Absichten der Akteure nicht entsprach - ein in der Geschichte häufiges Phänomen.

Das nicht Erwartbare erwarten
Das nicht Erwartbare erwarten

Der Historiker und Politik-wissenschaftler Edward Luttwack hat in dem Wissen um die Existenz und Wirkungsweise solcher Paradoxien, sowie in deren gezieltem Einsatz zur Verfolgung der eigenen Ziele, ein Charakteristikum erfolgreicher Strategien gesehen. In Kriegen und Konflikten ist es nicht zielführend, von einem linearen Fortgang der Ereignisse auszugehen. Spiele unterliegen ebenfalls dieser Konfliktlogik. Es darf angenommen werden, dass uns die Denkfigur der Paradoxie bei der Suche nach sinnvollen Strategien einige Dienste leisten kann.

 

 

 

Beispiel 1: Beim Pétanque kommt es gelegentlich zu einer paradoxen Situation, wenn der eigene Leger brilliert, der gegnerische Schütze diese Kugeln aber seinerseits stets beseitigen kann. Die eigentlich hervorragende Legearbeit bewirkt dann nur, dass der Kontrahent eingespielt bleibt und seinen Rhythmus aufrecht erhält. Zudem empfindet die eigene Seite beständig einen Misserfolg, während der Gegner durch den sichtbaren Erfolg einen Motivationsschub erhält. Paradoxerweise könnten hier Kugeln, die etwas weniger gut gelegt werden, den Gegner zweifeln lassen, ob sich ein Schuss lohnt und so die beschriebene Ereigniskette positiv verändern. (siehe: Bastard)

 

Beispiel 2: Eine paradoxe Situation kann auch eintreten, wenn die eigene Mannschaft ein oder zwei Punkte gelegt hat und der Gegner zur Verteidigung seine Kugeln sehr eng daneben platzieren konnte. Instinktiv will man dann die liegenden Punkte bewahren, was dazu führt, dass die noch spielbaren Kugeln verschwendet werden. Häufig muss in solchen Situationen aber der bereits erreichte Erfolg riskiert werden, um einen noch größeren Gewinn einzufahren.

 

Beispiel 3: Ein Spieler, dem man in bester Absicht einen inhaltlich vollkommen richtigen Rat erteilt, fühlt sich aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur dadurch bevormundet und spielt anschließend schlechter als zuvor.

 

Beispiel 4: Im unbedingten Wollen, einen bestimmten Erfolg zu erzielen, geht jene Lockerheit verloren, die zur Erreichung des Angestrebten unerlässlich ist. Erst wenn das ursprüngliche Ziel nicht mehr erreichbar scheint und aufgegeben wird, stellt sich die angestrebte Spielstärke wieder ein. 

 

Beispiel 5: Eine frühe und hohe Führung lässt bei der überlegenen Mannschaft die Konzentration schwinden. Aktionen werden nicht mehr mit letzter Konsequenz ausgeführt und dem Gegner so die Möglichkeit eröffnet, besser ins Spiel zu kommen. Diesen beflügelt nun der nicht mehr erwartete Erfolg ebenso, wie die Aussicht auf eine Demütigung das eingangs führende Team hemmt. 

 

Jeder Boulespieler wird schnell eine große Zahl weiterer Beispiele finden können. Vermeiden wir bei der Suche nach erfolgreichen Strategien eine zu lineare Logik. Erkennen und nutzen wir die Paradoxien.

 

Thorsten


Ergänzung: Anschaulich zeigt sich das Walten von Paradoxien in der US-Prohibitionsgesetzgebung der 20er und 30er Jahre. Die vordergründig sinnvolle Idee, Gesundheit und Wohlfahrt der Bevölkerung durch das Verbot alkoholischer Getränke zu fördern und die fatale Ereigniskette von Trunksucht und Verelendung zu unterbrechen, erwies sich als Fiasko. Lukrativer Schmuggel und Schwarzbrennerei stärkten die organisierte Kriminalität und ließen Strukturen entstehen, die sich nach Aufhebung des Alkoholbannes neue Betätigunsfelder suchten und diese im Import härterer Drogen auch fanden.