Leergespielt


„Ohne Mut und Entschlossenheit kann man in großen Dingen nie etwas tun,

denn Gefahren gibt es überall.“

                                                                                        Clausewitz

 

Ob in einem Krieg, bei einem Duell, oder in einem Boxkampf, niemals ist es das Ziel der Kontrahenten, den Gegner nach endlosem Ringen durch Ermattung zu bezwingen. Immer wird versucht, die Entscheidung möglichst schnell herbeizuführen. In diesem Vorgehen sollte man ein universelles Prinzip erkennen und danach handeln. Gleichwohl – versuchen beide Parteien ihr Äußerstes, ergibt sich daraus jener zähe Kampf, den wir mit großen Spielen assoziieren. Dann liefert man sich Partien, die nach zwei Stunden Dauer von den Akteuren - Unterlegenen wie Siegern - in dem Bewusstsein beendet werden, dem Pétanquesport die Ehre gegeben zu haben. Denn wie es bei Fontane im "Stechlin" heißt:

 

"Große Zeit ist immer nur, wenn es beinahe schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muss: Jetzt ist alles vorbei."

 

Boule - Petanque / Tipps & Tricks

Es kommt immer wieder vor, dass sich ein Team an einer gut gelegten Kugel des Gegners „leerspielt“, weil der Schütze nicht trifft und die danach gelegten Kugeln nicht den Punkt machen. Im Extremfall hält man dann noch 5 Kugeln, wenn der Gegner seine letzte verspielt hat. Dieses ist ein wirklich entscheidender Moment in jeder Partie. Es lohnt sich, dieser Situation jede erdenkliche Aufmerksamkeit zu widmen. Keinesfalls darf sie durch übervorsichtiges Handeln einfach vertan werden. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass nun der Augenblick gekommen ist, viele Punkte einzufahren oder möglicherweise sogar das ganze Spiel zu entscheiden. Dazu ist es nötig, sofort Raum für die weiteren Kugeln zu schaffen, die ins Ziel gebracht werden sollen.

 

 

Häufig ist zu sehen, dass unerfahrene Spieler in diesem Falle einfach wie üblich weiterspielen. Es werden vorsichtig weitere Kugeln gelegt und die Situation dadurch verkompliziert. Am Ende bleibt die Ausbeute mager. Wird dann festgestellt, dass die Lage doch einen Schuss erfordert, liegen meist schon so viele eigene und fremde Kugeln beieinander, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas Unerwartetes geschieht.

 

Hat man noch viele Kugeln, also hohen Kugelvorteil, so ist zunächst die Zeit für brachiales Vorgehen gekommen. Es kann beispielsweise versucht werden, die Sau in eine Zone zu bewegen, in der sie vollkommen frei liegt. Ebenso kann direkt auf das Cochonnet geschossen werden, um es ins Aus zu befördern (Sauschuss). Man kann versuchen, mehrere Kugeln des Gegners mit einem Schuss zu entfernen, da diese in solchen Situationen meist dicht gedrängt liegen (Ballung). Ferner kann sogar auf alle verbliebenen Gegnerkugeln geschossen werden, in der Hoffnung, dass weit entfernte Kugeln wieder aufleben. Bei all diesen Handlungen darf forscher als üblich vorgegangen werden, denn der Gegner kann nicht mehr reagieren.

 

Dieses Vorgehen hat auch eine psychologische Komponente. Wird übervorsichtig gespielt, obwohl der Gegner nicht mehr handeln kann, dokumentiert das mangelndes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ohne dieses Zutrauen stellt sich aber ohnehin kein Erfolg ein. Wird hingegen eine solche Aktion erfolgreich abgeschlossen, ist das andere Team gezwungen, künftig ein höheres Risiko einzugehen, um sich eben nicht leerzuspielen. Auch daraus kann erheblicher Nutzen gezogen werden. Es ist sinnvoll, sich innerhalb des Teams zu verabreden, solche Situationen auszunutzen, koste es, was es wolle, denn hierdurch kann dann jeder Spieler unbefangener agieren. Er ist dann "gerechtfertigt" wenn einmal etwas schief geht. Der Erfolg wird sich aber meist einstellen!

 

Ein beherztes Vorgehen, wie es hier beschrieben wurde, wird häufig von Mitspielern mit dem Argument abgelehnt, man könne auch noch Kugeln legen. Sicher ist das möglich. Werden aber wirklich alle Kugeln oder auch nur die Mehrzahl im Ziel landen? Wird nicht eher eine unserer Kugeln so unglücklich laufen, dass sie am Ende die ganze "Aktion auf engstem Raum" ruiniert? Es ist hierbei nicht entscheidend, ob der beste Leger des Teams noch eine Kugel "bringen" kann. Vielmehr gilt es zu klären, wieviel Raum benötigt wird, dass die Mehrzahl der Kugeln ihr Ziel erreiche.

 

Eben weil immer auch noch eine Kugel gelegt werden kann, ist es geboten, anfangs alles zu versuchen. Das Risiko muss am Anfang stehen, wenn noch flexibel reagiert werden kann. Das Selbstvertrauen, einen Unfall noch reparieren zu können, muss sich jeder Spieler aneignen.

 

So hilft uns der Wille, ein Spiel schnell zu beenden, Ängstlichkeit und Befangenheit abzuschütteln. Er führt uns zu jenem Spiel des offenen Schlagabtausches, in dem sich die Faszination des Pétanque jedermann offenbart.

 

"Der Krieg liebt den Sieg, nicht die Dauer"

                      Sūnzǐ 

                      General, Stratege, Philosoph

 

Thorsten