Leergespielt


 

„Ohne Mut und Entschlossenheit kann man in großen Dingen nie etwas tun,

denn Gefahren gibt es überall.“

 

                                                                                        Clausewitz


Dreizehn Punkte - pflücke sie so schnell wie möglich!
Dreizehn Punkte - pflücke sie so schnell wie möglich!

Mit den eigenen Ressourcen sparsam umzugehen, ist ein Gebot der Klugheit. Daher ist es weder in Kriegen, noch in sportlichen Wettkämpfen das Ziel der Kontrahenten, den Gegner nach endlosem Ringen durch Ermattung zu bezwingen, sofern es sich irgend vermeiden lässt [1]. Immer wird versucht, die Entscheidung möglichst schnell herbeizuführen. Das ist ein Priinzip, dem man folgen sollte. Gleichwohl – versuchen beide Parteien ihr Äußerstes, ergibt sich daraus jener zähe Kampf, den wir mit großen Spielen assoziieren. Dann liefert man sich Partien, die nach zwei Stunden Dauer von den Akteuren - Unterlegenen wie Siegern - in dem Bewusstsein beendet werden, dem Pétanquesport die Ehre gegeben zu haben. Denn, wie es bei Fontane im "Stechlin" heißt:

 

"Große Zeit ist immer nur, wenn es beinahe schief geht,wenn man jeden Augenblick fürchten muss: Jetzt ist alles vorbei."

Boule - Petanque / Tipps & Tricks
Der Gegner hat sein Pulver verschossen

Es kommt immer wieder vor, dass sich ein Team an einer gut gelegten Kugel des Gegners „leerspielt“, weil der Schütze nicht trifft und die danach gelegten Kugeln nicht punkten. Im Extremfall hält man dann noch 5 Kugeln, wenn der Gegner seine letzte verspielt hat. Dieses ist ein wirklich entscheidender Moment in jeder Partie. Es lohnt sich, dieser Situation jede erdenkliche Aufmerksamkeit zu widmen. Keinesfalls darf sie durch übervorsichtiges Handeln einfach vertan werden. Nun ist nämlich der Augenblick gekommen, viele Punkte einzufahren oder möglicherweise sogar das ganze Spiel zu entscheiden. Dazu ist es aber nötig, sofort Raum für die weiteren Kugeln zu schaffen, die dann ins Ziel gebracht werden sollen.

 

Häufig ist zu sehen, dass unerfahrene Spieler in diesem Falle einfach wie üblich weiterspielen. Es werden vorsichtig weitere Kugeln gelegt und die Situation dadurch verkompliziert. Am Ende bleibt die Ausbeute mager. Wird dann festgestellt, dass die Lage doch einen Schuss erfordert, liegen meist schon so viele eigene und fremde Kugeln beieinander, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas Unerwartetes geschieht.

 

Hat man noch viele Kugeln, also hohen Kugelvorteil, so ist zunächst die Zeit für brachiales Vorgehen gekommen. Es kann beispielsweise versucht werden, die Sau in eine Zone zu bewegen, in der sie vollkommen frei liegt. Ebenso kann direkt auf das Cochonnet geschossen werden, um es ins Aus zu befördern (Sauschuss). Man kann versuchen, mehrere Kugeln des Gegners mit einem Schuss zu entfernen, da diese in solchen Situationen meist dicht gedrängt liegen (Ballung). Ferner kann sogar auf alle verbliebenen Gegnerkugeln geschossen werden, in der Hoffnung, dass weit entfernte Kugeln wieder aufleben. Bei all diesen Handlungen darf forscher als üblich vorgegangen werden, denn der Gegner kann nicht mehr reagieren.

 

Solchem Vorgehen eignet auch eine psychologische Komponente: Wird übervorsichtig gespielt, obwohl der Gegner nicht mehr handeln kann, dokumentiert das mangelndes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ohne dieses Zutrauen stellt sich aber ohnehin kein Erfolg ein. Wird hingegen eine solche Aktion erfolgreich abgeschlossen, ist das andere Team gezwungen, künftig ein höheres Risiko einzugehen, um sich eben nicht leerzuspielen. Auch daraus kann erheblicher Nutzen gezogen werden. Es ist sinnvoll, sich innerhalb des Teams zu verabreden, solche Situationen auszunutzen, koste es, was es wolle, denn hierdurch kann dann jeder Spieler unbefangener agieren. Sein Handeln ist dann "gerechtfertigt", sollte doch etwas schiefgehen. Der Erfolg wird sich aber meist einstellen!

 

Ein beherztes Vorgehen, wie es hier beschrieben wurde, wird häufig von Mitspielern mit dem Argument abgelehnt, man könne auch noch Kugeln legen. Sicher ist das möglich. Werden aber wirklich alle Kugeln oder auch nur die Mehrzahl im Ziel landen? Wird nicht eher eine unserer Kugeln so unglücklich laufen, dass sie am Ende die ganze Aktion, die ja dann auf engstem Raum stattfindet, noch ruiniert? Es ist hierbei nicht von Belang, ob der beste Leger des Teams noch eine Kugel "bringen" kann. Vielmehr gilt es zu klären, wieviel Raum benötigt wird, dass die Mehrzahl der Kugeln ihr Ziel erreichen.

 

Eben weil immer auch noch eine Kugel gelegt werden kann, ist es geboten, anfangs alles zu versuchen. Das Risiko muss am Anfang stehen, wenn noch flexibel reagiert werden kann. Das Selbstvertrauen, einen Unfall noch reparieren zu können, muss sich jeder Spieler aneignen.

 

So hilft uns der Wille, ein Spiel schnell zu beenden, Ängstlichkeit und Befangenheit abzuschütteln. Er führt uns zu jenem Spiel des offenen Schlagabtausches, in dem sich die Faszination des Pétanque jedermann offenbart. Mag es auch im Alltag wenig manierlich sein, "den Braten gleich vom Spieße zu essen" [2], beim Pétanque ist es Ausweis von Raffinement und Klasse.   

 

 

 

"Der Krieg liebt den Sieg, nicht die Dauer"

                      Sūnzǐ 

                      General, Stratege, Philosoph

 

Thorsten


[1] Freilich lassen sich auch aus gegenteiligem Vorgehen "erfolgreiche" Strategien entwickeln. Dem ist der Artikel "Asymmetrie der Kräfte" gewidmet. Erfolgreich sind sie, da sie tatsächlich zur Niederlage des Gegners führen. Allerdings sind die hierfür erbrachten Opfer nicht selten ungeheuerlich hoch.

Aus der Welt des Sports sei noch ein Beispiel genannt: Der legendäre Boxkampf, der als "Rumble in the Jungle" bekannt ist, sah tatsächlich den unterlegenen Muhammad Ali als Sieger, nachdem er George Foreman, dem man einen schnellen K.O.-Sieg zugetraut hatte, mit einer ausgefeilten Zermürbungstaktik entgegentrat.  

[2] Eigentlich: "Man muss den Braten nicht vom Spiesse essen." 

Lat.: Ne a chytropode cibum nondum sacrificatum rapias. (Hesiod.)

Zitiert nach: Deutsches Sprichwörter-Lexicon von Karl Friedrich Wilhelm Wander