Bewegungen bewirken, Bewegungen erlernen


Einst soll Augustinus auf die Frage nach dem Wesen der Zeit bekundet haben, er wisse die Antwort immer nur solange, wie ihn niemand danach frage [1]. Solches widerfährt dem Menschen freilich auch dann, wenn es um weniger verwickelte Probleme geht, der Sportler stößt gar in ganz banalen Bereichen auf Ähnliches. Beispielsweise dann, wenn er um Erklärung gebeten wird, wie genau denn eine bei ihm beobachtete Bewegungsabfolge vonstatten gehe; oder wenn er, von missionarischem Eifer ergriffen, versucht, die Bewegungen von Mitspielern durch Ratschläge zu optimieren. Meist geschieht es dann, dass die eben noch märchenhaft sicher und präzise ausgeführten Handlungen nicht mehr den Erfolg zeitigen, der Ursache der Aufmerksamkeit war, oder dass sich gar eine Verschlechterung trotz sachlich richtiger Hinweise beobachten lässt. Solange nicht genau hingesehen wird, geschieht alles flüssig und erfolgreich, kaum stellt man die Frage nach dem WIE, beginnen die Probleme.

Hinter dieser Eigentümlichkeit verbirgt sich ein Phänomen, das zu verstehen sich unbedingt lohnt, könnte es doch einen Königsweg zu besserem Spielen weisen, aber, der Reihe nach…

 

Die Aneignung motorischer Fähigkeiten geschieht, folgt man einem weit verbreiteten Modell [2], indem der Grad der Bewusstheit des Handelns immer weiter herabsinkt, bis die Bewegungen schließlich gänzlich unbewusst erfolgen. Dabei nimmt nicht nur die Qualität des Handelns stetig zu, dem bewussten Verstand wird dabei auch Raum gegeben, sich auf wichtigere Dinge zu werfen als es die Koordination von Bewegungen darstellt – ein Metier, dass dieser ohnehin nur unzureichend beherrscht [3].

 

Wenn das so ist, und es gibt wenig Grund daran zu zweifeln, müssen sich Eingriffe als störend erweisen, die das Handeln aus dem Bereich des Unbewussten zurück auf die Ebene des Bewussten transportieren. Das geschieht meist dann, wenn ein Sportler versucht, an seinen gewohnten Bewegungsmustern zu feilen, wenn Details umgelernt werden sollen, oder wenn, wie oben bereits angedeutet, durch Fragen ein Durchdenken des eigentlich automatisch sich vollziehenden Handelns ausgelöst wird. Darüber hinaus sollen Drucksituationen dazu führen, aus unbewusstem bewusstes Handeln zu machen und es damit genau in dem Moment verschlechtern, da man zu glänzen bestrebt ist. [4]

 

 

Der Blick unter die Haube kann von der Fahrt abhalten...
Der Blick unter die Haube kann von der Fahrt abhalten...

Wie in dem Artikel über Konzentration [5] bereits dargelegt, ist die Fähigkeit des Menschen, sein Denken auf bestimmte Bereiche zu lenken, nicht nur begrenzt, sie lässt sich auch grundsätzlich in zwei Sphären unterteilen, nämlich einerseits das, was außerhalb seiner selbst liegt, und andererseits das, was in ihm vonstatten geht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom internen- und externen Aufmerksamkeitsfokus. Es liegen durch Experimente gewonnene Berichte [6] vor, die Anlass zu der Vermutung geben, eine reine Konzentration auf den externen Fokus, also ein bewusstes Ausblenden des Inneren, sei der Weg zum Erfolg. Immer dann nämlich, wenn Probanden in einer Weise angeleitet wurden, die direkten Bezug auf ihr Bewegungshandeln nahm, waren die Ergebnisse schlechter als im Vergleichsfall, bei dem das Ziel des Handelns in den Fokus genommen wurde. Ein Spieler kann demnach guten Gewissens beim Üben oder in Situationen, die er für besonders wichtig erachtet, die Dinge "irgendwie" – nämlich unbewusst – handhaben; mehr noch, er muss sich jegliches geistige Eindringen in die innere Mechanik seines Handelns strikt untersagen. Solches Handeln ist nicht fahrlässig, wie man annehmen könnte, im Gegenteil ist es im Lichte der beschriebenen Erkenntnisse geradezu gewissenhaft.

Was bedeutet das konkret für das Pétanquespiel? Wenn wir im Kreis stehen und einen konkreten Wurf unmittelbar vorbereiten, dann sollten wir uns nicht vorstellen, was der Arm, das Knie, das Handgelenk die Finger etc. gleich ausführen werden. Wir sollten vielmehr allein die Kugel in den Fokus unserer Aufmerksamkeit nehmen. Die Kugel ist zwar dem passionierten Spieler fast ein Teil seiner selbst, aber eben nur fast. Sie ist der Teil der Außenwelt, den es zuvorderst zu manipulieren gilt. Konkret denkt der im Kreis stehende Spieler also, wie die Kugel mit der Ausholbewegung hinter ihn schwingt, wie sie in einem Halbkreis sich um das Schultergelenk bewegt, wie sie dabei vorwärts und aufwärts strebt, wie sie ihren Flug beschreibt, welche Flugbann sie dabei vollzieht, wo und wie sie schließlich aufschlägt. Das Denken geschieht dabei in Bildern, ist also nicht, wie hier geschehen, in Sprache übertragen. Immer und bei alledem ist der Geist allein auf das Objekt – die Kugel – gerichtet, der Geist wird so zur Verwendung des externen Aufmerksamkeitsfokus gezwungen.

 

Es fällt dem Spieler leicht, obige Erkenntnisse für wahr zu halten, denn allzu oft hat er ähnliches bei sich erlebt und tappt doch immer wieder in die Falle des falsch gewählten Fokus. In entscheidenden Situationen ist er dann eben doch versucht, eine Bewegung en detail zu durchdenken oder bei der Weitergabe seines Wissens Bewegungsdetails des Schülers explizit anzusprechen. Dem gilt es zu widerstehen. Wie in dem Märchen von den "Heinzelmännchen zu Köln" darf man eben nicht wissen wollen, wie die Dinge laufen, solange sie gut laufen. Unkontrolliert fügt sich dann alles zum Besten, mit Leichtigkeit, ja, wie von "Zauberhand".

 

"Neugierig war des Schneiders Weib

Und macht sich diesen Zeitvertreib:

Streut Erbsen hin die andre Nacht.

Die Heinzelmännchen kommen sacht;

Eins fährt nun aus,

Schlägt hin im Haus,

Die gleiten von Stufen

Und plumpen in Kufen,

Die fallen mit Schallen,

Die lärmen und schreien

Und vermaledeien!

 

Sie springt hinunter auf den Schall

Mit Licht: husch husch husch husch! –

verschwinden all!

O weh! nun sind sie alle fort

Und keines ist mehr hier am Ort!

Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,

Man muss nun alles selber tun!"

 

Aus: August Kopisch: Die Heinzelmännchen (1836)

 

 

Thorsten


...der Verzicht auf Motorpflege fördert Wildwuchs.
...der Verzicht auf Motorpflege fördert Wildwuchs.

Kritik: Eine weiter Studie erwähnt zwar den mehrfach belegten Zusammenhang von externer Aufmerksamkeitsfokussierung und erfolgreichem Handeln, kommt aber selbst zu gegenteiligem Ergebnis. In einer Drucksituation (siehe auch [4]) erwiesen sich die intern fokussierenden Probanden als erfolgreicher. Dieses wurde darauf zurückgeführt, dass sie - sämtlich erfahrene Sportlerinnen - mit dieser Art der Fokussierung vertraut, den speziellen Aspekt ihrer Bewegung, dem die Aufmerksamkeit im Experiment gewidmet werden sollte, selbst wählen durften. Wurde diese jedoch auf ein ungewohntes Element gelenkt, trat die nachteilige Wirkung wie erwartet ein. Daraus wurde geschlossen, dass Sportler intern fokussierend erfolgreich sein können, sofern sie mit dieser Art der Fokussierung umzugehen gelernt haben. In diesem Falle scheint die sonst zu beobachtende Störung des automatisierten Bewegungsablaufes nicht aufzutreten.

 

Siehe:  https://www.bisp.de/SharedDocs/Publikationen/SpoPsy/DE/Infoportal_BISp_Projekte_Forschungsprojekte/munzert2004.html   

Dort muss eine Datei heruntergeladen werden (PDF)

 

Zur Vertiefung der Kritik des oben beschriebenen Ansatzes, insbesondere unter dem Aspekt, dass unterschiedliche Grade der Erfahrung ausschlaggebend für das Ergebnis der Experimente sein können, siehe: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2007/5034/pdf/MaurerHeiko-2007-09-04.pdf. - dort siehe insbesondere Abschnitt 3.3.2. Internale und externale Aufmerksamkeitslenkung (Ich danke Ulrich für die Zusendung dieser wichtigen Ergänzung)

Anmerkung: Der Autor dieses Artikels des Boulelexikons hat an sich selbst im Laufe der Jahre sowohl die segensreiche Wirkung des externen Fokussierens beobachten können, als auch die Möglichkeit erfahren, bei einem recht automatisierten Wurf Details erfolgreich verändern zu können, indem ein bestimmter Aspekt der Bewegung in den Fokus genommen wird. Ist einmal das Werk getan und eine Standardbewegung gefunden, kann diese so immer wieder "kalibriert" werden. Es ist zu beobachten, dass Abweichungen von dieser Standardbewegung keineswegs willkürlich stattfinden, sondern systematisch sind - es sind stets dieselben bekannten Fehler, die sich immer wieder einschleichen. Das Gegenmittel kann dann gezielt "verabreicht" werden, wenn der verantworliche Bereich der "inneren Mechanik" gezielt - also intern fokussierend - angesteuert werden kann. Gleichwohl wird Versucht, solange keine Probleme auftreten, den Blick von dieser "inneren Mechanik" möglichst abzuwenden.


[1] Eigentlich: Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.

Augustinus Aurelius

(354 – 430), Bischof, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger

Quelle: Augustinus, Bekenntnisse (Confessiones), 397-401. XI, 14

[2] Dieses auf "Fitts & Posner" zurückgehende Modell des motorischen Lernens habe ich in dem Artikel "Üben oder nicht üben" bereits verwendet und dort ausführlicher beschrieben.

[3] Siehe hierzu die wunderbar einleuchtende Unterscheidung von "Selbst 1" und "Selbst 2" in:

W. Timothy Gallway

Tennis – Das Innere Spiel

Taschenbuch: 256 Seiten 

Verlag: Goldmann Verlag

Der Artikel "Das innere Spiel" geht näher auf dieses Buch ein. 

[4] Das Phänomen der erhöhten und schädlichen Selbstaufmerksamkeit in Drucksituationen wird häufig unter dem Begriff "Choking under Pressure" abgehandelt.

Siehe beispielsweise: http://lexikon.stangl.eu/6572/choking-under-pressure/

[5] Diese Perspektive wird in dem Artikel "Kugelgefühl" ausführlicher erklärt

[6] Folgender Artikel gibt die hier angerissenen Erkenntnisse gut wieder. Er ist zur Lektüre unbedingt zu empfehlenhttp://www.spektrum.de/magazin/bewusste-kontrolle-stoert-bewegungslernen/824503

Ebenso aufschlussreich, allerdings eher mit dem Fokus auf das Bewegungslernen von Kranken ist:

http://docplayer.org/40105138-Motorisches-lernen-teil-1-von-gabriele-wulf.html

Hier hebe ich insbesondere den Gliederungspunkt "2.2.3. Erklärungsansatz" hervor, der die Vorteile des externen Fokussierens fundiert darstellt.

Einen guten Einblick in die Problematik geben die online lesbaren Seiten des Buches:

"Gabriele Wulf - Aufmerksamkeit und motorisches Lernen" (leider wohl vergriffen)

https://books.google.de/books?id=Yf-jGd581IcC&pg=PA1&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=2#v=onepage&q&f=false

Ergänzung: Für den Dartsport wurde jüngst eine Untersuchung mit umfangreichen Messungen der Motorik von Spielern durchgeführt: https://www.darts1.de/technik/5D-Dartsscreen.php 

Daraus wurden Übungen entwickelt, die die hier beschriebenen Erkenntnisse aufgreifen. Sie könnten helfen, besser zu verstehen, worum es bei der Wahl eines externen Aufmerksamkeitsfokus geht und Anregungen geben, diesen zu gestalten:

https://www.darts1.de/technik/5D-Dartsscreen-Praxistipp.php