Flach oder auf Eisen?


"Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

 

                                                 Faust I, Johann Wolfgang von Goethe


"Wie hältst du’s mit dem Schuss, flach oder auf Eisen?" So lautet die Gretchenfrage beim Pétanque. An ihr scheiden sich die Geister bzw. die Spielkulturen. Während ein Teil der Boulespieler keine Hemmungen hat, eine Kugel auf jede denkbare Weise anzugreifen, rümpft ein anderer Teil darüber die Nase, sieht eine Verwilderung der Spielkultur oder einen unfairen Akt. Ist also ein Flachschuss eine Notlösung, ein Foul, oder ein legitimes taktisches Mittel? Gibt es einen moralischen Zwang zum Eisenschuss?

 

Zunächst eine Begriffsklärung:

- Raffeln (Raclette): Raffeln ist eine Schusstechnik, bei der eine Kugel sehr nahe am Wurfkreis landet und dann wie ein Torpedo flach über den Boden saust, um andere Kugeln zu entfernen. Wegen der langen Wegstrecke handelt es sich um einen recht unpräzisen Angriff. Meist wird nur nach Gefühl eine Kugel irgendwie in Zielrichtung geworfen, in der Hoffnung, irgendetwas zu treffen. Wenn im nachfolgenden Text von Flachschüssen die Rede ist, dann ist das "Raffeln" damit ausdrücklich nicht gemeint.

 

- Flachschüsse (Tir devant): Die Schusstechnik "Tir devant" beinhaltet zunächst das möglichst genaue Anspielen eines Données in relativer Nähe zum Ziel. Von dort springt die Schusskugel kurz auf, senkt sich wieder und trifft flach rollend auf ihr Ziel. Wenn der Boden es zulässt, ist diese Technik etwas anspruchsloser als der Eisenschuss, da ein Erfolg auch dann eintritt, wenn zu kurz geschossen wird. Wegen ihres flachen Laufes hat die Kugel nach dem Treffer eine andere Wirkung als ein Eisenschuss. Wenn nun von Flachschüssen die Rede ist, dann ist damit immer "Tir devant" gemeint.

 

- Eisenschuss (Tir au fer): Der Eisenschuss ist einerseits die schwierigste Angriffsvariante, denn er ist nur erfolgreich, wenn er sein Ziel direkt trifft, andererseits können nur bei einem Eisenschuss die Schussfolgen relativ genau abgeschätzt werden. Wenn es darum geht, dicht gedrängte Kugeln mit chirurgischer Präzision herauszuoperieren, ist der Eisenschuss das Mittel der Wahl. Versierte Schützen vermögen es, ihr Ziel an einem bestimmten Punkt zu treffen und somit auch dessen weiteren Lauf genau zu bestimmen. Da der Eisenschuss zweifellos eine hohe Kunst darstellt und den Zufall minimiert, wird er von manchen Boulespielern als einzige legitime Schussvariante angesehen. Ob zu Recht, das soll uns nun beschäftigen:

 

Argumente die gegen den Flachschuss sprechen:

 

Das Entwicklungsargument:

Auf ebenen Böden bietet der Flachschuss Vorteile. Sobald ein Spieler in der Lage ist, relativ gerade zu werfen, kann er mit dem Flachschuss eine erstaunliche Trefferquote erzielen. Dadurch kann er in den Irrglauben verfallen, nun richtig schießen zu können und es damit bewenden lassen. Auf anderen Böden oder bei engen Kugelbildern bzw. Kontergefahr wird dieser Irrtum dann aber schnell aufgedeckt. Da der Eisenschuss unabhängig von den Bodenverhältnissen funktioniert, propagieren viele Spieler, ihn grundsätzlich anzuwenden, um sich ausschließlich in dieser überlegenen Technik zu üben.

 

Die Psychologie:

Schießen hat auch eine psychologische Komponente. Der Schütze empfindet meist hohen Erfolgsdruck, seine Würfe sind entweder Treffer oder komplett wertlos. Gestattet er sich den Flachschuss als legitimes Mittel, so wirkt das immer wie eine Hintertür, die notfalls offen steht. Der eigentlich überlegene Eisenschuss wird auf diese Weise als besonderes Wagnis empfunden, das man auch meiden kann. Der Schütze muss jedoch von Notwendigkeit und Gelingen eines Schusses absolut überzeugt sein. In einer bestimmten Phase der Spielerentwicklung kann es daher notwendig sein, grundsätzlich nur Eisenschüsse auszuführen um alle Hintertüren zu verschließen.

 

Unfairness:

Hat ein Team drei Kugeln sehr präzise und nah an das Cochonnet gelegt und damit eine hohe Legekunst demonstriert, so kann es als Akt der Unfairness empfunden werden, wenn der gegnerische Schütze mit dem recht simplen Mittel des Flachschusses darauf antwortet. Es wirkt so, als würde er die Spielkultur des Gegners nicht achten.

 

Lotterie:

Da Flachschüsse durch den Bodenkontakt schwerer zu berechnen sind als Eisenschüsse, beinhalten sie immer ein erhebliches Zufallselement. Oft kommt es vor, dass ganz ungewollt statt der angegriffenen Kugel das Cochonnet getroffen wird. Die Situation ändert sich dann vollkommen und es ist ein wenig, als spielte man Lotterie. Ein zu starkes Zufallselement wird nicht von jedem Spieler geschätzt und benachteiligt Akteure, die viel Zeit und Energie eingesetzt haben, ihre Präzision zu verbessern.

 

Argumente die für den Flachschuss sprechen:

 

Niveauausgleich:

Eine der Stärken des Pétanque ist, dass absolute Anfänger und Profis gemeinsam an einem Spiel teilnehmen können und dennoch eine spannende und ansehnliche Partie dabei herauskommen kann. Diese Mischung bringt es mit sich, dass es auch zu Paarungen kommt, die sehr unausgewogen sind. Befindet sich in einem Team niemand, dessen Leistungsniveau ausreicht, Eisenschüsse erfolgreich auszuführen, wäre es sinnlos, dennoch darauf zu bestehen, da in diesem Fall kein gutes Spiel zu erwarten wäre. Flachschüsse ermöglichen daher, sofern der Boden es zulässt, einen Niveauausgleich unter den Spielern.

 

Fließende Grenzen:

Wer den Eisenschuss zum Dogma erhebt, unterliegt möglicherweise nur einer Selbsttäuschung. Tatsächlich sind sehr viele Treffer, die aus vorgeblichen Eisenschüssen resultieren, tatsächlich dadurch zu Stande gekommen, dass die Kugel kurz vor ihrem Ziel aufsetzte. Die Bedeutung dieses Effektes kann jeder Spieler leicht nachvollziehen, indem er versucht, Kugeln die auf einer Rasenfläche liegen, sauber zu treffen. Hier sind tatsächlich nur direkte Treffer möglich und bei den meisten "Eisenschützen" wird die Trefferquote stark absinken. Die Grenze zwischen Eisenschuss und "Tir devant" ist also fließend. Wo soll man sie ziehen? Eine Bouleweisheit besagt zudem: "Nur der dumme Schütze schießt drüber."

 

Legitimes taktisches Mittel:

Es gibt Effekte, die sich nur durch "Tir devant" erzielen lassen. Beispielsweise kann man zwei gegnerische Kugeln, die relativ nah beieinander liegen, mit einem einzigen Schuss entfernen, indem die erste so getroffen wird, dass die abprallende Kugel die zweite noch mitnimmt. Auch kann es eingeplant sein, dass bei einem Flachschuss gegnerische Kugeln, die sich weiter hinten befinden, ebenfalls mitgerissen werden. Wird solches angestrebt, so sind das legitime Ziele und wenn ein Flachschuss das beste Mittel ist, sie zu erreichen, warum sollte man es nicht anwenden?

 

Unfairness:

Das Argument der Unfairness mag deshalb falsch sein, weil niemand dazu gezwungen wird, auf einem Boden der Flachschüsse begünstigt, eng zu legen und sich dabei leerzuspielen. Der Boden ist Teil der taktischen Situation und es soll das Team gewinnen, das diese am besten bewältigt. Statt eng zu legen, kann man schließlich auch "devant" legen und schießen.

 

Pflicht:

Die Teammitglieder können und sollten nicht verlangen, dass ein Schütze Erfolg hat. Sie haben aber einen Anspruch darauf, dass er sein Bestes versucht. Wenn der Schütze spürt, dass gegenwärtig ein Eisentreffer nur eine geringe Erfolgschance hätte, er andererseits die Aufgabe durch "Tir devant" leicht lösen könnte, wäre es da nicht ein Betrug an der Mannschaft, wenn er dies nicht täte?

(Siehe hierzu auch: Techniker)

  

Miyamoto Musashi war der beste Schwertkämpfer im alten Japan. Er lebte von 1584 bis 1645 n. Chr. und verlor keines seiner vielen Duelle. Zur Ruhe gekommen, gründete er eine Schule und schrieb ein Buch in dem er die Prinzipien seiner Kampfkunst darlegte. Auch in anderen Künsten tat er sich hervor. Seinem Werk, dem "Buch der fünf Ringe", das auch heute noch viel gelesen wird, ist folgende Passage entnommen:

 

"In meiner Schule der Schwertkunst wird von Anfang an mit einem Schwert in jeder Hand geübt. Denn wahr ist, daß man alle Waffen, die man besitzt, gebrauchen sollte, statt sein Leben wegzuwerfen. Zu sterben mit einer nicht benutzten Waffe im Gürtel, das wäre bedauerlich."

 

Musashi lehrte eine Schwertkunst, die - anders als man es aus Filmen kennt - den gleichzeitigen Gebrauch beider Schwerter, die ein Samurai traditionell trug, vorsah. Jeden Dogmatismus lehnte er strikt ab.

 

"Es ist nicht richtig, eine Waffe zu bevorzugen. Benutzt man sie über ihre Notwendigkeit, taugt sie so gut wie nichts. Nie ahme man andere im Gebrauch der Waffen nach, sondern wähle diejenigen, die zu handhaben einem leichtfällt. Weder Anführer noch Gefolgsleute sollten für bestimmte Waffen eine Vorliebe haben oder gar eine Abneigung."

 

Obwohl selbst ein begnadeter Schwertkämpfer, war er sich nicht zu schade, für seinen berühmtesten Kampf eine Waffe aus einem Paddel zu schnitzen, die ihm einen entscheidenden Vorteil brachte. Geistige Flexibilität, innovativer Mitteleinsatz und eine unbedingte Hingabe an den Kampf machen Musashis Lehre aus. Sie waren der Schlüssel seines Erfolges.

 

Die Frage, ob beim Pétanque bestimmte Wurfarten geächtet werden sollten, ist damit eigentlich beantwortet. Die Antwort lautet "JEIN". Ja, sie sollten geächtet werden, wenn sie zur Folge haben, dass die Spielkunst nicht zur Gänze erlernt wird und verwildert. Nein, sie sollten nicht geächtet werden, wenn sie bewusst aus einem Repertoire ausgewählt werden, um einen spezifischen Erfolg zu erzielen.

 

 

 

Thorsten


Ergänzung: Der Autor dieses Textes hält es so, dass er grundsätzlich versucht, sein Ziel durch Eisentreffer zu erreichen. Sieht er jedoch eine Möglichkeit, die eine andere Methode verlangt oder fühlt er gar die Notwendigkeit dazu, so ist er sich nicht zu schade, von der "reinen Kunst" abzulassen. Das geschieht auch in dem Bewusstsein, die jeweiligen Teammitglieder nur bis zu einem noch erträglichen Maß für persönliche Trainingsstunden missbrauchen zu dürfen.

 

 

Wie schon in dem Kapitel "Techniker" ausgeführt, zeigt sich hier, ob man Pétanque als Geschicklichkeitsspiel oder als Wettkampf auffassen will.