Der Wurf aus wissenschaftlicher Sicht


- Wie ist Präzision beim Werfen möglich? -


 

In einer Pétanquepartie liegt eine per Schuss zu entfernende Kugel meist 6 m bis 10 m entfernt. Die Schusskugel beschreibt am Ende des schwingenden Armes einen Halbkreis, bevor sie durch Handöffnen zielwärts strebt. Der winzige Moment des Loslassens scheint über Erfolg oder Misserfolg zu entscheiden. Etwas zu früh und die Kugel landet vor ihrem Ziel, eine Idee zu spät und sie geht darüber hinaus. Laborversuche haben gezeigt, dass das Zeitfenster für einen Treffer nur den Bruchteil eines Wimpernschlages offen steht. Der Zeitraum ist tatsächlich so gering, dass der Mensch damit bereits an jene Grenze stößt, die ihm durch die Geschwindigkeit der Impulse in seinen Nervenbahnen gesetzt ist. Wie also gelingt guten Pétanquespielern ihre fabelhafte Präzision, wie gelingen Volltreffer in Serie, die Spieler und Zuschauer begeistern?

 

Nach einer wissenschaftlichen Studie [1] sind es die drei Faktoren Stabilität, Rauschreduktion und Kovariation, deren Kombination letztlich das Wurfergebnis beeinflusst. Indem wir sie erkennen und ihre Auswirkungen auf das Werfen verstehen, können wir fundierter an der Verbesserung unserer eigenen Würfe arbeiten, wir können gezielter trainieren und - noch wichtiger - gelassener werfen.

 

Faktor 1: Was ist Stabilität?

Ein Pétanquespieler muss zunächst lernen, die Wurfparameter so einzustellen, dass Treffer möglich und wahrscheinlich sind. Nimmt man vereinfacht allein die Parameter Wurfgeschwindigkeit und Abflugwinkel, so existieren immer mehrere Parameterkombinationen, die zu einem Treffer führen. Ein flacherer Winkel kann beispielsweise durch höhere Geschwindigkeit ausgeglichen werden. Zudem gibt es Kombinationen, die auch dann zu Treffern führen, wenn von ihnen leicht abgewichen wird. Diese Kombinationen, der den Wurf bestimmenden Werte, sind also fehlertolerant. Ziel des Werfers ist es, diese stetig anzusteuern. Gelingt das, hat sein Wurf Stabilität.

Stabiles Werfen ist die Grundbedingung für den Erfahrungserwerb, durch den eine Verbesserung der Präzision möglich wird.

 

Faktor 2: Was ist Rauschreduktion?

Boulespieler sind bemüht, ihre Würfe möglichst identisch zu wiederholen. Diesem Streben sind jedoch biologische Grenzen gesetzt. Im Zusammenspiel von Nervenimpulsen und Muskulatur kommt es immer zu ungewollten Kontraktionen, die zwar durch bestimmte Maßnahmen reduziert werden können, die jedoch niemals ganz verschwinden. Diese biologisch bedingte Ungenauigkeit kann man sich als eine Art Rauschen vorstellen, das die Reinheit der Wurfergebnisse verdirbt. Um ein Bild zu geben: Es ist, als müsse ein fragiler Schalter durch "Pusten" ausgelöst werden. Der Luftstrom wird dann anschwellen, bis der Luftdruck ausreicht, den Schalter auszulösen, ein Ereignis, dessen Timing immer etwas ungenau bleiben muss. Ebenso muss ein ganzer Strom von Einzelimpulsen über die Nervenbahnen einen bestimmten Punkt im Körper erreichen, bis eine Bewegung ausgelöst wird.

Dennoch lässt sich das Rauschen reduzieren. Durch Verfahren, die Einfluss auf das Mentale eines Spieler nehmen, die ihn innerlich festigen und beruhigen (Mentales Training), durch Atem und Entspannungsübungen, vor allem aber durch Selbstvertrauen und schlichte Erfahrung aber auch durch Zufuhr alkoholischer Getränke, lässt sich eine Rauschreduktion erreichen. (Rauschreduktion durch Suff, beim Boule ist das möglich!!!)

 

Faktor 3: Was ist Kovariation?

Spieler, die schwierige Würfe zu bewältigen haben, vor allem aber Anfänger, die ihre Würfe präziser ausführen wollen, neigen dazu, die Freiheitsgrade ihrer Bewegung einzuschränken und somit mehr Kontrolle über ihr Handeln zu erlangen. Das funktioniert auch bis zu einem bestimmten Grade, aber eben nur bis dorthin. Eine absolute Präzision kann auf diese Weise nicht erreicht werden, weil die durch das Rauschen verursachten Störungen nicht verschwinden. Eine immer weiter fortschreitende Einschränkung der Bewegungsparameter führt also zunächst zu günstigeren Ergebnissen, endet aber in einer Sackgasse. Wissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass der Mensch in der Lage ist, das Verfehlen des einen Parameters durch das Anpassen eines weiteren Parameters auszugleichen. Bleibt beim Wurf einer Pétanquekugel die Wurfgeschwindigkeit unter dem eigentlich angestrebten Wert, kann der Spieler sofort den Loslasszeitpunkt entsprechend nach hinten verlagern. Sowohl Fortgeschrittene als auch Novizen verfügen über diese Fähigkeit, sie ist dem Menschen von der Natur gegeben, kann aber durch Training verbessert werden. Diese Kovariaton - also das unbewusste, gleichzeitige Anpassen mehrerer Parameter - ist die eigentliche Ursache für die immer wieder beobachtbare Präzision, derer der Mensch beim Werfen fähig ist. Nach einigem Üben geht es also für den Boulespieler nicht mehr darum, Präzision zu bewirken, er muss sie lediglich zulassen.  Er muss es dem Unterbewusstsein, das ohne weiteres über die Fähigkeit der Kovariation verfügt, erlauben, den Wurf in eigener Regie zu handhaben.

 

Was bedeutet das nun für den Pétanquespieler, der seine Wurfleistung verbessern will? Es bedeutet, dass ihm hierzu grundsätzlich zwei Wege zur Verfügung stehen, die freilich auch kombiniert werden können. Zum einen kann ein Spieler danach streben, die Fehler bei der Wahl des richtigen Loslasszeitpunktes immer kleiner werden zu lassen - er kann nach einer Minimierung der Timingfehler streben, indem er seine Bewegungen extrem stabil hält. Zum anderen kann er begangene Timingfehler durch den Mechanismus der Kovariation wieder ausgleichen lassen. Da es aufgrund des Rauschens immer zu Timingfehlern kommen muss, erscheint die Kovariation als das geeignete Mittel, um eine hohe Präzision beim Werfen zu erreichen indem eine winzige Variabilität hingenommen wird.

 

Laboruntersuchungen mit Dartspielern haben gezeigt, dass man mit beiden Strategien weit kommen kann und dass es vermutlich von der persönlichen Risikoneigung abhängt, ob irgendwann der eine oder der andere Weg eingeschlagen wird. [2]

 

Viele Boulespieler machen die Erfahrung, dass starkes Bemühen, festes Wollen und fehlende Bewegungsdynamik zu schlechten Ergebnissen führen. Im Rahmen dieses Lexikons wurde stets die Idee verfolgt, dass Präzision im Moment des Werfens nicht bewirkt werden kann, sondern zugelassen werden muss. Wem das oft zu "esoterisch" klang, der findet in der Kovariation den wissenschaftlichen Beleg. Die Wurfbewegung muss - besonders zum Ende hin - leicht und fließend sein. Die zeitlichen Abläufe sind derart schnell, dass für bewusstes Steuern keine Möglichkeit besteht. Das Unterbewusstsein besitzt freilich sehr wohl die nötigen Fähigkeiten, wir müssen es nur ans Ruder lassen. Wenn wir also unsere Kugeln leichthin loslassen, ist das nicht leichtfertig, im Lichte unserer Möglichkeiten ist es schlicht notwendig.

  

Zusammengefasst bieten sich dem Boulespieler zur Präzisionssteigerung drei Ansatzpunkte. Er muss sich im Training einen guten Bewegungsablauf erarbeiten und diesen verstetigen bis hin zur vollkommen unbewussten Ausführung. Durch diese Verstetigung versetzt sich der Spieler mit der Zeit in die Lage, seinen eigenen Wurf bis ins Detail geistig zu durchdringen. Es ist ihm dann möglich, den Wurf situationsabhängig so zu variieren, dass dieser in der fehlertoleranten Erfolgszone gehalten wird. Ein Pétanquespieler muss zudem das Mentale als einen wesentlichen Erfolgsfaktor erkennen. Er muss Verfahren finden, die ihm ein Spiel mit innerer Ruhe erlauben. Letztlich spielt nur der Geist. Er gebietet dem Körper, der sein Instrument ist. Schließlich kann der Spieler mit der Kovariation eine Gabe nutzen, die seine Präzision weiterhin zu steigern vermag. Er muss dazu vollkommen Überzeugt sein, im Moment des Werfens nicht steuern zu können. Gelingt es ihm, in dieser kurzen Zeitspanne sich und seinen Vorbereitungen völlig zu vertrauen, wird er mit einer Präzision treffen, die ihn selbst immer wieder aufs Neue zu verblüffen vermag.

 

Ergänzendes:

[1] http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Jahrbuch/Jb_1999_Artikel/Mueller.pdf;?__blob=publicationFile

Hier kann eine PDF-Datei heruntergeladen werden, die einen guten Einstieg vermittelt.

[2] https://www.darts1.de/technik/bessere-dart-technik.php

Eine Laboruntersuchung mit Dartspielern. Die im vorliegenden Artikel angerissenen Ideen werden vertieft. Auch für Boulespieler unbedingt lesenswert.

[3] https://www.darts1.de/mental/psychodruck13.php

Teil einer Doktorarbeit. Zum tieferen Verständnis der hier geschilderten Zusammenhänge unbedingt empfehlenswert.

Ergänzend zum Verständnis der Kovariation:

https://www.bisp-surf.de/Record/PU200503000686

 

Anmerkung: Dieser Artikel wurde von Darts1.de - Deutschlands größter Dartsseite - für eine Kolumnenreihe übernommen:  https://www.darts1.de/kolumnen/darts-und-petanque.php

 

Thorsten

(Ich danke Andreas, ohne dessen umfassende Recherchen

ich wohl nicht auf diesen Themenkomplex gestoßen wäre.)