Aufmerksamkeit und Konzentration


"Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen."

                      Sprichwort


Wenn Wanderer einen Aussichtspunkt erreichen, schweift ihr Blick zunächst über die weit sich ausbreitende Landschaft, deren Schönheit und Proportionen sie in sich aufnehmen. Schon bald aber ziehen Details den Blick auf sich. "Ist das dort in der Ferne eine Kuh oder ein Pferd?" "Wohin fährt das winzig erscheinende Auto?" Nicht viel später gibt dann einer der Gefährten eine Geschichte zum Besten und das äußerlich sich darbietende Panorama verblasst vor der Imagination der Erzählung. Aufgeräumter Stimmung fühlt man Hunger in sich aufsteigen. Beim Absetzen der Rucksäcke gemahnen jedoch Schulterschmerzen daran, den Rucksack künftig besser dem Köper anzupassen. In solchen Momenten erfährt man viel über das Wesen der Aufmerksamkeit und des Konzentrationsvermögens.

 

Der Mensch ist in der Lage, mit relativ geringer Aufmerksamkeit verschiedene Dinge gleichzeitig zu Betrachten oder unterschiedliche Handlungen ins Werk zu setzen (Panorama). Er kann sich aber auch fokussierter, also mit höherer Intensität nur einer Sache zuwenden (Tiere, Auto). Die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit kostet Kraft und leicht kann es zu Ablenkungen kommen (Erzählung). Zudem kann die Aufmerksamkeit auch nach innen, also auf die körperlichen und geistigen Prozesse des Menschen gelenkt werden, was ebenfalls relativ ungerichtet stattfinden kann (Hungergefühl) oder sehr konkret auf einen bestimmten Bereich gerichtet ist (Schulterschmerz) [1].

Unter Konzentration versteht man die Fähigkeit, sich geistig für eine bestimmte Zeit einem Objekt oder einer Aufgabe zuzuwenden; seine Aufmerksamkeit also bewusst auf einen bestimmten Bereich zu lenken, was stets mit einer gewissen Anstrengung einhergeht. Bei der Konzentration im Sport geht es darum, diese Fokussierung nach innen und nach außen so zu beherrschen, dass die gestellte Aufgabe bewältigt werden kann.

 

Es ist dem Menschen nicht möglich, die geistige Tätigkeit einzustellen. Das Hirn ist zur Untätigkeit einfach nicht geschaffen [2]. Liegen keine konkreten Anforderungen vor, so sucht es sich Beschäftigung, indem es Gedanken herbeizieht und fortspinnt. Bei der Konzentration geht es daher weniger darum, das Denken mühevoll bis ins Extrem zu steigern; vielmehr soll die ohnehin gegebene Hirnaktivität ausschließlich einer bestimmten Aufgabe zukommen. Ein Abschweifen der Gedanken muss also vermieden werden. Was ist damit gemeint?

 

Wenn wir Sport treiben, soll unser Handeln gelingen, geschlagene Pässe sollen ankommen, Hindernisse übersprungen werden, Würfe ihr Ziel erreichen. Deshalb müssen eben diesem Handeln auch alle Gedanken gewidmet sein. Weder Zurückliegendes noch Künftiges darf hierauf Einfluss nehmen. Alles Denken, das sich mit Bewertungen, Erwartungen, Befürchtungen und dergleichen befasst, lenkt von dem ab, das einzig wir beeinflussen können: Das gegenwärtige Handeln. Ob wir in der Vergangenheit einmal besser waren als heute; ob andere besser sind als wir selbst; ob unsere Leistungen zur Erreichung näherer und fernerer Ziele ausreichen und wie all dieses von anderen Personen beurteilt wird, ist für das augenblicklich Unternommene vollkommen bedeutungslos. Jeder Gedanke daran ist Ballast, von dem es sich zu befreien gilt.

 

Was bedeutet das nun für die Konzentration im Pétanque? Wir haben das Glück, dass unser Spiel eine Struktur aufweist, die dem Wesen des menschlichen Konzentrationsvermögens sehr entgegenkommt. Wenige und kurze Momente des Handelns wechseln sich mit längeren Phasen der Untätigkeit ab. Es ist daher sinnvoll, das Notwendige anhand zweier unterschiedlicher Spielphasen zu strukturieren:

 

1. Im Kreis

Im Kreis bereitet der Spieler sein unmittelbares Handeln vor. Aus der Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten wurde eine ausgewählt, alle anderen sind verworfen. Die Entscheidung, was nun zu tun ist, steht also absolut fest. Der Spieler ist bestrebt, sein Handeln möglichst automatisch - also unbewusst - ablaufen zu lassen. Er unterdrückt alle irrelevanten Gedanken, indem er die Bewegungen mit einem Wurfritual einleitet (siehe dort). Dabei behält er sein Ziel fest im Blick. Je genauer ein Ziel anvisiert [3] wird, sei es eine Kugel beim Schuss oder ein Donnée beim Legen, desto mehr Gedankenkraft wird für das aktuelle Handeln eingesetzt, desto weniger Ressourcen stehen für ablenkende Gedanken zur Verfügung (siehe: Enger zielen...). Genau aus diesem Grunde ist es erstrebenswert, sich einen bestimmten Fleck auf der Zielkugel zum Ziel zu nehmen, oder ein winziges Sandkörnchen als Donnée zu wählen – denn genau das unterstützt die Konzentration ungemein.

 

2. Am Spielfeldrand

Eine andere Situation herrscht abseits des Spielfeldes, wenn der Spieler darauf wartet, wieder eingesetzt zu werden, während Mannschaftsmitglieder oder Gegner ihre Kugeln werfen. Hier kann die Intensität der Aufmerksamkeit zurückgefahren werden, hier kann man sich von der im Kreis aufgebauten extremen Konzentration erholen. Um die Gedanken nicht abschweifen zu lassen und zudem nützliche Erkenntnisse zu gewinnen, empfiehlt es sich, das Spiel zu beobachten (Beobachterposition). Dieses Beobachten sollte jedoch nicht in einer Weise geschehen, die Aufregung, Bangen oder Unsicherheit hervorruft. Man sollte nicht bei jedem Wurf des Gegners "mitfiebern" und wünschen, dieser möge misslingen. Besser ist es, alles mit verminderter Intensität im Blick zu behalten und sich dabei in Gelassenheit zu üben. Sobald die Kugeln geworfen sind, ist Zeit genug, alles kühlen Kopfes zu analysieren. Sollte dennoch Aufregung und Wettkampfangst vom Spieler besitzt ergreifen, ist jetzt die Zeit für Gegenmaßnahmen gekommen. Abseits des Geschehens versenkt der Spieler sich kurz in sich selbst, richtet seine Konzentration nach innen, und versucht durch Regulation der Atmung (siehe dort) die nötige Ruhe zurückzugewinnen. [4]

 

Boule - Petanque / Tipps & Tricks
Gelassen beobachten

Aufbau und Erhalt der Konzentration sind somit eng mit dem Sehen und Beobachten verbunden. Die bewusste Wahl der Blickrichtung, die Achtsamkeit für stattfindende Ereignisse und bestehende Gegebenheiten, all dieses hält den Geist in der Gegenwart fest. Es bindet die geistigen Ressourcen für das Erkennen dessen, was ist. Zur Erwägung all dessen, was war, oder was sein wird, bleibt dann kein Raum. Den Blick immer auf das nächste Ziel zu richten, schützt davor, vom Weg abzukommen. Es bewahrt den Geist, sich abseits der Straße in den Dornen des Zweifelns und Haderns zu verfangen und sich im Dschungel der eigenen Gedanken zu verirren.

 

 

Thorsten


Anmerkung: In diesem Abschnitt ging es darum, ein gegebenes Aufmerksamkeitsniveau optimal zu "bewirtschaften". Ob und wie man es mehren kann, steht auf einem anderen Blatt:

 

In meiner Anfangszeit wunderte ich mich stets, dass Spieler, die mir im Spielvermögen weit voraus waren, sich dennoch bemühten, die Spiele mit hohem Vorsprung zu gewinnen; dass sie versuchten, aus jeder Aufnahme das Maximum herauszuholen. Eine schmeichelhafte Erklärung wäre gewesen, dass sie Gelegenheiten nutzen wollten, von denen sie nicht wissen konnten, ob diese wiederkehren würden. Das war jedoch leider nicht der Fall, denn sie konnten das Spiel nach Belieben dominieren. Später dann ging mir auf, dass es einfach ihre Art war, ein Spiel anzugehen. Sie besaßen genügend Konzentrationsvermögen, um auch nach wiederholten Erfolgen ernsthaft weiterzuspielen. Vermutlich war sogar das Training dieser Konzentration das einzig Positive, das sie aus solchen Partien mitnehmen konnten. Nicht obwohl sie so überlegen waren, spielten sie auf diese Weise, sondern weil sie stets auf diese Weise spielten, hatten sie sich diese Überlegenheit erworben.

  

Ich glaube daran, dass ernsthaftes Spielen eine der wichtigsten Ressourcen mehrt, die wir als Pétanquespieler besitzen – unsere Konzentrationskraft. In vielen Artikeln des Boulelexikons wird daher geraten, nicht wichtige und unwichtige Spiele und Situationen zu unterscheiden, sondern alles mit derselben Intensität anzugehen. In diesem Sinne verstanden, ist Pétanque möglicherweise ein gutes Konzentrationstraining. Ob darüber hinaus spezielle geistige Übungen positive Ergebnisse zeitigen, bleibt einstweilen dahingestellt.


[1] Dem liegt ein Schema zugrunde, das auf "Nideffer" zurückgeht und im Sport relativ häufig zur Anwendung kommt. Folgende Veröffentlichung erklärt die Idee und enthält Beispiele für unterschiedliche Sportarten: https://books.google.de/books?id=PVSk1Ov7cz8C&pg=PA12&lpg=PA12&dq=nideffer+aufmerksamkeit&source=bl&ots=R2VfUxJIeY&sig=29uO4f31JrQ7qLLrRQQnWP0t5js&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjB16qQs8bYAhVE6aQKHaPlCxYQ6AEIWDAI#v=onepage&q=nideffer%20aufmerksamkeit&f=false

[2] Damit befasst sich bereits ein Artikel im Boulelexikon. Siehe: Was denken beim Wurf?

[3] Mit "visieren" ist hier nicht das häufig zu beobachtende Peilen über den Handrücken gemeint, sondern eine spezielle Art des Fokussierens, die beim Petanque zur Anwendung kommt. Folgende Artikel beschäftigen sich mit dem Zielen im Pétanque: "Wohin mit dem Blick?", "Der Mythos vom Zielen", "Der richtige Zeitpunkt". Das oben angesprochen Peilen zählt hingegen zu den Wurfritualen.  

[4] Wie dem Strategiekapitel zu entnehmen ist, kann im Pétanque einiger Nutzen aus dem Analysieren der Vergangenheit und längerfristigem Planen gezogen werden. Das gelingt jedoch nur, sofern das Handeln hierdurch nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Während der Wartezeiten am Spielfeldrand ist für die "Hartgesottenen" und Abgeklärten jedenfalls genügend Zeit für gewisse Erwägungen. (Siehe hierzu auch die Einleitung zum Strategiekapitel)


Ergänzung: Einen guten Überblick über die Thematik, nützliche Tipps und einen zusammenfassenden Film bietet: https://www.spowi.hu-berlin.de/de/institut/sportpsychologie/fuer-die-praxis/konzentration-1