Arroganz


Überragend, einsam, wegweisend
Überragend, einsam, wegweisend

Gewohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen, reicht es dem Menschen nicht, einfach nur zu sehen, was sich ereignet. Er möchte auch den Ursachen seiner Beobachtungen näherkommen. Solches Vermuten führt dazu, dass Pétanquespieler unvermeidlich einmal dem Vorwurf der Arroganz begegnen, sei es, dass Spielzüge der Mitspieler Anlass geben, sie der Überheblichkeit zu zeihen; sei es, dass eigenes Handeln als Dünkelhaft erscheinen mag. Solcherlei ist leicht vermutet und wiegt dann schwer, zumal, wie es in den lesenswerten Bouletipps von Franz Broeckl heißt , die Arroganz der Tod der Spielkunst sein soll.

Ist das wirklich so eindeutig der Fall? Es bleiben Zweifel: Zwar zählt der Hochmut im Christentum zu den Todsünden und kommt bekanntlich auch im Sprichwort vor dem Fall, doch bringt etwa das "Grimmsche Wörterbuch" den mittelhochdeutschen Hôchmuot mit "gehobenem Mut", "Stolz" und "Selbstvertrauen" in Verbindung, mithin psychischen Zuständen, ohne die erfolgreiches Spielen kaum möglich ist. Auch liegt die Zuschreibung von Eingebildetheit und Anmaßung letztlich allein im Auge des Betrachters. Was dem einen wie Hybris erscheint, mag dem Anderen als schlichte Notwendigkeit daherkommen. Das mag ein Beispiel illustrieren:

 

Dem in seinen Anfängen stehenden und überwiegend mit dem Legen befassten Spieler mag es als ärgerliche Überhebung erscheinen, dass sein Mitspieler – der Tireur – auch dort zum Mittel des Schusses greift, wo erfolgreiches Legen noch möglich erscheint. Es wird dann unterstellt, der Schütze sei nur auf den Effekt aus, betrachte das "simple" Legen als unter seiner Würde und dergleichen mehr. Dabei wird jedoch übersehen, dass ein erfolgreicher Schuss meist mindestens einen weiteren Punkt einbringt, eine Kugel beseitigt, die ungewollt noch ins Spiel kommen kann, immer die Chance zum Carreau beinhaltet, meist mehr Raum für noch zu spielende Kugeln schafft, das Selbstvertrauen des Tireurs und seiner Mannschaft ebenso stärkt, wie er das des Gegners erschüttert – zu viele gute Gründe also, um reinen Selbstzweck zu unterstellen.

 

Natürlich existieren auch die unschönen Ausprägungen des Hochmutes: Jene Spieler beispielsweise, die meinen, den Gegner auch mit halber Kraft besiegen zu können und diesen das dann jederzeit spüren lassen; oder jene, die glauben richtig zu liegen, wenn sie Erfolge der Kontrahenten allein dem Zufall, Glanztaten jedoch ausschließlich eigenem Können zuschreiben; jene, die die Schuld an Niederlagen ausschließlich bei den Mitspielern suchen, für Siege jedoch allein verantwortlich zeichnen wollen; die den Partner in mangelndem Zutrauen von jeder riskanten Aktion abhalten, um diese allein sich selbst vorzubehalten; die dem Gegner nach dem Spiel vermeintliche Fehler aufzeigen; die dem ebenso erfahrenen Partner Spielweise und Donneé vorgeben; die immerfort mit ihren Erfolgen hausieren gehen müssen und der Boulegemeinde mit übersteigertem Geltungsbedürfnis noch auf vielerlei andere Weise die Freude am Spiel vergällen. 

 

Dennoch will es scheinen, dass der Spielerfolg weniger gern bei jenen wohnt, die der Empathie besonders viel Raum geben; dass er vielmehr jene Spieler mit gesundem Selbstbewusstsein bevorzugt, die sich nicht viel darum bekümmern, was andere von ihnen denken, die der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten nicht zu schnell einholt. Diese zeigen sich häufig erfolgreicher, und das bleibt solange so, wie Selbstbild und Realität nicht zu weit auseinanderklaffen. Wenn man sich selbst keinen Wechsel auf die Zukunft ausstellen mag, wer sollte es dann tun?

 

Es wird leicht übersehen, dass Verhaltensweisen, die als Arroganz interpretiert werden können, probate Mittel zur Distanzwahrung sind. Jener Distanz zu den Dingen, die erfolgreiches Spielen einfach verlangt. Wer die Mitspieler und die objektive Situation ausblendet, kann leicht überheblich wirken, wer aber versucht, allen und jedem gerecht zu werden, gerät schnell in die Gefahr, sich völlig zu überheben. Das Balancieren an den Abgründen der Arroganz ist eine Disziplin, die zu beherrschen Sportler erlernen müssen. Um des Erfolges willen müssen sie sich nah an Klüfte wagen, in die zu stürzen freilich den sozialen Untergang bedeutet. 

 

"Der Starke ist am mächtigsten allein."

Friedrich Schiller

Wilhelm Tell I, 3. (Tell)

 

Thorsten