Mentales, Training und die Macht der Bilder


"Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, daß man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, daß man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann." 

 

                                            Werner Heisenberg


 

 

Wenn Autobesitzer nach langjähriger Treue ihr Gefährt wechseln, kommt es zu eigenartigen Szenen. Obwohl der Verstand genau weiß, dass nun ein neues Auto bewegt wird, bedient sein Besitzer noch die Armaturen des alten Wagens. Seine Hände suchen die gewohnten Hebel und Knöpfe und schalten die hergebrachten Gänge. Offensichtlich haben sich diese Tätigkeiten als Bewegungsmuster tief eingeprägt, und es ist schwer, davon loszukommen.

 

Durch wiederholte Tätigkeiten werden im Gehirn neuronale Strukturen gebildet. Zellen vernetzen sich in bestimmter Weise, entsprechend der zugehörigen Tätigkeit. Haben sich solche Strukturen gebildet, kann der Mensch mühelos handeln, sogar ohne dass ihm die einzelnen Handlungsschritte bewusst werden. Eine Autofahrt, bei der man sich die vielen Routinetätigkeiten explizit bewusst machen müsste, verliefe sehr viel weniger entspannt und wäre erheblich anstrengender. Sie hätte eher etwas mit der ersten Fahrstunde gemein, die den wenigsten als Genuss in Erinnerung ist.

 

Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass auch dann, wenn wir uns gewohnte Tätigkeiten nur vorstellen, ohne sie auszuführen, genau dieselben Hirnregionen aktiv sind und das in nahezu identischer Weise, wie beim entsprechend körperlichen Handeln. Wenn das so ist, darf vermutet werden, dass rein geistige Prozesse einen positiven Einfluss auf die Qualität körperlicher Handlungsabläufe ausüben. Dieser Ansatz liegt dem mentalen Training zugrunde.

 

Pétanque / Boule - Tipps & Tricks - Bilder - Psychologie / Boulelexikon
Das Abbild der Aufgabe manifestiert sich im Geist, ist es ungetrübt, gelingt der Wurf

Bei Sportwettkämpfen sieht man immer wieder Athleten, die kurz vor ihrem Auftritt jeden einzelnen Schritt im Geiste genau durchgehen. Bei Hochspringern, Weitspringern, Speerwerfen, überhaupt allen Sportlern, die ihre Leistung in einem bestimmten Moment abrufen müssen, erahnt man förmlich jeden einzelnen Schritt, den sie gleich ausführen werden. Offensichtlich versprechen sie sich hierdurch eine verbesserte Bewegungskoordination und damit eine Leistungssteigerung. Bemerkenswert ist dabei, dass die Handlungen nicht wie auf einer Checkliste abgehakt werden, sondern in Bildern gedacht sind. Der Sportler sieht sich selbst wie in einem Film die Tätigkeit ausführen, die dann tatsächlich folgt. Dieses Verfahren wird auch "Selbstvisualisierung" genannt.

 

Das Arbeiten mit Bildern bietet einen direkteren Zugang zu körperlichem Handeln, als das über die Sprache möglich ist. Der Grund hierfür ist in der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu suchen, der die Sprache erst zu einem relativ späten Zeitpunkt entwickelte. Einfache Handlungen und Bewegungssequenzen mussten dagegen schon viel früher perfekt beherrscht werden. Offensichtlich hatten unsere Vorfahren nur die Möglichkeit - eben in Ermangelung einer Sprache - sich diese Dinge bildlich vorzustellen. Ganz sicher haben sie, sofern sie bestimmte erfolgreiche Handlungen von Artgenossen lernten, diese eben in Form von gesehenen Bildern abgeschaut und nachvollzogen.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden: Wiederholte Handlungen schaffen Strukturen im Gehirn, die künftiges Handeln erleichtern (Übungseffekt). Das rein geistige Hervorrufen von Handlungen aktiviert dieselben Hirnregionen, bewirkt also ebenfalls einen Übungseffekt. Das ist der Ansatzpunkt für mentales Training. Bei diesem mentalen Üben spielen Bilder eine wichtige Rolle. Mit dem Begriff "Bilder" sind im Folgenden sowohl einzelne prägnante Bilder, als auch filmartige Bewegungsabfolgen gemeint. Das Beobachten anderer Individuen ist eine natürliche und effiziente Methode, wenn es um die Aneignung von Handlungsmustern geht.

 

Daraus folgt: Indem wir reale und imaginierte Bilder einsetzen, können wir einen Nutzen für unser Spielvermögen im Pétanque erwarten, und zwar in drei verschiedenen Bereichen: Wir können die realen Bilder für Studien nutzen, wir können vorgestellte Bilder einsetzen um unsere Bewegungen zu optimieren und schließlich können wir sogar - mit ebenfalls vorgestellten Bildern - unsere Psyche positiv beeinflussen.

 

Sehen wir uns die drei Bereiche näher an:

 

1. Erlernen und verbessern von Bewegungsmustern durch Beobachtung

Durch das Beobachten guter Sportler können Bewegungsmuster leichter erfasst und adaptiert werden. Hierzu dienen Videos, die reichlich im Internet zur Verfügung stehen. Anders als beim eigenen Ausprobieren lernt man so anhand gelungener Aktionen echter Könner. Der Mensch ist in der Lage, auch komplexe Bewegungen in Gänze zu erfassen und deren Quintessenz zu erkennen. Die Möglichkeit, von den Besten zu lernen, sollte man sich daher nicht versagen. Durch das vielfach wiederholte Anschauen prägen sich Bewegungsmuster ein und helfen bei der Weiterentwicklung des eigenen Spielvermögens. Eingeprägte Bewegungssequenzen von Spitzensportlern können noch auf eine weitere Weise genutzt werden, auf die in Punkt 3 näher eingegangen wird.

 

2. Verbesserung der Koordination durch mentales Üben

Bewegungsmuster, die ein Mensch vor seinem geistigen Auge erzeugt, können helfen, Bewegungen virtuoser ablaufen zu lassen. Wir haben das Vorgehen, die eigenen Bewegungen im Voraus geistig zu visualisieren, mit einem Film verglichen, in dem wir uns selbst beobachten und lenken. Anders als beim Betrachten eines Films spürt man sich dabei aber selbst und empfindet so vorher, wie sich die Bewegung anfühlt. Genau darauf kommt es an! Wenn wir beispielsweise einen Schuss ausführen wollen, fühlen wir in der Konzentrationsphase "in uns hinein" und führen ihn zunächst geistig aus. Dann erst erfolgt die physische Ausführung. So sind wir tatsächlich in der Lage, in uns einen Zustand hervorzurufen, der uns zeigt, wie sich der Schuss anfühlt. Dieses "Arbeiten mit dem Gefühl" ist die einzig sinnvolle Möglichkeit, Zugriff auf die Vorgänge der Handlungsregulation zu bekommen, die sich aufgrund ihrer Komplexität jedem verbalen Zugang entziehen. Freilich bedarf es dazu langer Übung und unzähliger realer Schüsse. Ist das aber geleistet, so ist es das hier beschriebene "Wurfgefühl", das durch Konzentration und Visualisierung gepflegt und ausgebaut wird, von dem wesentliche Leistungssteigerungen ausgehen. Vorstellung und Ausführung ergänzen sich dabei ideal. Indem wir uns die Handlung zunächst bildlich vorstellen, konzentrieren wir uns besser auf das "wie", arbeiten also bewusster an der Optimierung unserer Bewegungen. Wenn wir diese dann tatsächlich ausführen, "eichen" wir unsere Vorstellung, indem wir sie mit der Realität vergleichen. Vorstellung und Ausführung müssen sich stets ergänzen, soll ein Optimum erreicht werden.

 

Manche Spieler versuchen ihr "Wurfgefühl" durch sehr langes Einspielen zu finden. Nach einiger Zeit haben sie es gefunden und alles gelingt wunderbar. Im Wettkampf ist das Gefühl aber dann wieder verschwunden. Tritt dieses Problem auf, muss daran gearbeitet werden, das "Wurfgefühl" bewusster zu erleben. Genau wie beim flüchtigen Lesen eines Textes, der dann nur lückenhaft in der Erinnerung vorliegt, ist die Erinnerung an das "Wurfgefühl" dann zu lückenhaft. Anstatt beim Einspielen auf den Effekt der großen Zahl zu setzen und das Gefühl durch Handeln quasi zufällig zu finden, muss man versuchen, es in sich aufzuspüren, um es jederzeit wieder abrufen zu können. Das erfordert auch Übung, nur ist sie anderer Natur. Es gelingt, indem man sich das eigene Handeln immer wieder bewusst macht. Beispielsweise können Situationen, die nichts mit dem Spiel zu tun haben, genutzt werden, in sich zu forschen, ob und wie ein bestimmter Wurf ausgeführt werden könnte. Das kann beim Warten auf den Bus geschehen oder in der Schlange vor der Supermarktkasse, denn es geschieht ja nur in Gedanken. Ziel ist es natürlich, mit dem beschriebenen Prozess vertraut zu werden und ihn in jeder Konzentrationsphase einzusetzen, die einem Wurf vorausgeht. Zunächst etwas skurril, erweist sich die Ergänzung des physischen Trainings um eine mentale Komponente langfristig als überlegen. (Anmerkung: Mentales Training soll eigentlich erfolgen, wenn man zur Ruhe kommt und sich konzentrieren kann. Da es bei Petanquespielern aber nur darum geht, sich einen kurzen Bewegungsablauf zu vergegenwärtigen, dürfte diese Ruhe jederzeit schnell zu finden sein.)

 

3. Bilder können eingesetzt werden, um positive psychische Zustände hervorzurufen

Wie wir gesehen haben, kann unser Gehirn mit Bildern sehr effektiv Arbeiten. Es ist zudem sehr empfänglich für Assoziationen und Metaphern. Viele Werbebotschaften nutzen diesen Umstand. Beispielsweise werden Nahrungsmittel mit Bildern versehen, die ländliche Idyllen zeigen. Obwohl wir genau wissen, dass diese Nahrung industriell hergestellt wird, haben wir dennoch beim Kauf ein besseres Gefühl als würden wir ein Bild der wahren Produktionsumstände erblicken. Das Bild manipuliert uns, ohne dass wir uns dem gänzlich entziehen könnten. Es ist eine Metapher, die wir sofort verstehen und die eine Wirkung hat, obwohl unser Verstand vom Gegenteil überzeugt ist.

 

Dieser Effekt kann beim Sport genutzt werden, indem an bestimmte Bilder gedacht wird, die einen positiven Einfluss auf die Stimmung ausüben. Im Wettkampf muss der Verstand gelegentlich umgangen werden. Wenn er signalisiert, dass ein Spiel vermutlich verloren ist, mag das objektiv richtig sein, es handelt sich aber um eine Information, die in dem Moment schädlich und überflüssig ist. Wir wollen uns schließlich nicht als Propheten hervortun, sondern das Spiel gewinnen. Der Glaube an den Erfolg ist die Bedingung für die Restchance auf den Sieg. 

 

Hierbei können Bilder in folgender Weise helfen: Menschen empfinden beim Betrachten von Bildern Emotionen und verbinden bestimmte Aussagen mit ihnen. Ein Stier wird beispielsweise mit Stärke assoziiert, eine Taube mit Friedfertigkeit etc. Mit Hilfe von Bildern ist es möglich, sich selbst in Grenzen zu programmieren. Wenn ein Mensch beispielsweise ein Bild findet, dass für ihn einen intensiven Kampf symbolisiert, kann er sich dieses in einer Drucksituation ins Gedächtnis rufen und hierdurch seine Psyche positiv beeinflussen. Wenn jemand einen schwierigen Wurf auszuführen hat, kann er an einen bekannten Boulespieler denken, der genau diesen Wurf mit Bravour spielt. Er kann vor dem entscheidenden Schuss an einen eigenen großen Sieg denken, um Zuversicht zu gewinnen oder an einen Konfettiregen bei der Siegesfeier. Wer hartnäckig Widerstand leistet, denkt an König Leonidas oder an Kurosawas "Sieben Samurai", die den Banditen zusetzen. Wer sich beruhigen will, denkt an einen meditierenden Buddha oder an einen schlafenden Bären. Das sind natürlich nur Beispiele, denn man kann diese Bilder nicht vorgeben, sondern muss sie individuell finden. Sie müssen auf die jeweilige Person eine starke Wirkung haben und vorher eigens erarbeitet und gefunden werden.

 

In Krisensituationen kann ein Spieler dann vor seinem inneren Auge die entsprechenden Bilder heraufbeschwören und negative Gedanken einfach überformen. Das ist eine Möglichkeit aus Abwärtsspiralen zu entkommen, die jeder Sportler kennt. Der Kniff ist hier, sie einfach zu ignorieren, indem man Bilder nutzt die vorgeben, was momentan gedacht werden soll. Negative Gedanken und Selbstgespräche werden so absichtlich nicht zugelassen.

 

Mentales Training ist ein "weites Feld". Es existiert eine Vielzahl von Ansätzen. Mit Sicherheit sind nicht alle seriös oder passen zu jeder Person. Der mentale Bereich ist jedoch zu wichtig, ihn einfach brachliegen zu lassen. Wer häufiger die Erfahrung macht, in entscheidenden Situationen hinter seinem Können zurückzubleiben oder in seiner Entwicklung nicht fortschreitet, findet hier möglicherweise einen Acker, den er noch nicht ausreichend gepflügt hat.

 

"Jedes starke Bild wird Wirklichkeit" 

Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Thorsten


Ergänzung I: Dieser Artikel steht in Zusammenhang mit dem Artikel: Innerer Monolog und Beswusstseinsstrom


Ergänzung II: Ein erfahrener Spieler berichtete, er habe einst mit seinem Sohn in folgender Weise geübt: Ein Cochonnet wurde ausgeworfen und der Spieler begab sich in den Kreis. Nach Begutachtung der Situation hatte dieser die Augen zu schließen und den Wurf "blind" auszuführen. Hierdurch war bewirkt, dass die Konzentration dem Bewegungsablauf gelten konnte. Zudem wurde so trainiert, den kompletten Wurf – also die eigentliche Bewegung, den Flug der Kugel bis zum Donnée, das Rollen der Kugel nach Bodenkontakt und das Erreichen des Zieles – vor dem eigentlichen Handeln in Gedanken vorwegzunehmen (Selbstvisualisierung). 

 

Beide Spieler sind heute in ihrem Spielvermögen extrem hoch einzuschätzen.


Anmerkung: Dieser Artikel wurd von Darts1.de - Deutschlands größter Dartsseite - für eine Kolumnenreihe übernommen:  https://www.darts1.de/kolumnen/darts-und-petanque.php

 


Bild: Teichgut nahe Groß Oesingen.