Was denken, beim Wurf?


Ob es sinnvoll oder gar möglich sei, das Nichts zu denken, mit dieser Frage beschäftigen sich Philosophen seit Anbeginn [1]. Schon schwierig genug ist es, nötigenfalls auch nur bestimmte Gedanken auszuklammern, geschweige denn nicht zu denken. Indizien deuten darauf hin, dass die Unterdrückung eines Gedankens im energetischen Sinne ebenso aufwändig ist, wie die Verfolgung desselben [2]. Der Geist ist an immerwährende Tätigkeit gewöhnt und analysiert auch da, wo es sinnlos oder gar schädlich ist. Der Weg zu Entscheidungen, die mit geringem Aufwand gefällt werden, wird so verbaut. Häufig ist aber das gründlich Durchdachte nicht gleichermaßen auch das Bessere. Routinen [3] können den Ausweg weisen, indem sie den Geist beschäftigen, ohne ihn vom eigentlichen Zweck des Handelns abzulenken.

Schattenkatze - substanzlos und doch nicht nichts.
Schattenkatze - substanzlos und doch nicht nichts.

 

 

Was denkt die Katze, wenn sie den plötzlich vorüberrollenden Ball wie selbstverständlich erhascht? Was denken wir, wenn wir beim Öffnen des Küchenschrankes das herabfallende Glas blitzschnell auffangen? In beiden Fällen sicher wenig – zumindest aber nichts, das die Bewältigung der Aufgabe durch Planung unterstützen könnte. Es sind nicht Überlegungen im intellektuellen Sinne und – das ist wesentlich – auch keine in Worten ausformulierten Gedanken, denn die Katze besitzt keine Sprache und uns fehlt zum Bilden eines sinnvollen Satzes die Zeit.

Offensichtlich ist das bewusste und vom Verstand geleitete Denken in Sprache nicht notwendig, wenn es gilt, einfache Handlungen zu vollführen – es ist sogar hinderlich. Die genannten reflexhaften Bewegungen gleichen einem Reiz-Reaktions-Muster: Ein Reiz löst eine Handlungsabfolge aus, die vom Körper bereits beherrscht wird. Das Unterbewusstsein übernimmt hierbei die Koordination.

Als Spieler müssen wir uns bei der Frage, was beim Wurf zu denken sei, in oben angedeuteter Richtung orientieren, wenn Schüsse in Folge gelingen, wenn Punkt um Punkt gelegt werden soll. Die Kugel neben dem Schwein kann auch als Reiz gedacht werden, der die Schussbewegung zur Folge hat [4]. Nichts daran muss mit dem Intellekt durchdacht werden. Versetzt in einen solchen Zustand, in dem der Zweifel nicht vorkommt, sind wir in der Lage, mit märchenhafter Sicherheit zu schießen – wir alle haben das schon erlebt. Haben wir jemals gezweifelt, das herabfallende Glas noch fangen zu können? Kam uns nicht erst im Nachhinein der Gedanke, dass es beinahe schief gegangen wäre? Warum also im Spiel zweifeln, warum nicht einfach dem Selbst vertrauen und handeln?

 

Sollen wir unser Werfen dann also besser nicht reflektieren? Auf dem Weg zum unbewussten Werfen müssen Fehler in der Wurfbewegung selbstverständlich immer wieder erkannt und korrigiert werden. Das ist eine Aufgabe, die dem bewussten Denken obliegt. Solche Kalibrierungsbemühungen sind ebenso notwendig, wie sie sich zu Lasten der aktuellen Trefferquote auswirken. Langfristig machen sie sich jedoch in der Verbesserung der automatisierten Wurfbewegung bezahlt. Das bewusste Üben ist mithin die Grundlage und eigentliche Voraussetzung für das gewollt unbewusste Werfen.

 

Solange wir aktiv über unseren Wurf nachdenken und beispielsweise kurz vor der Aktion versuchen, erkannte Fehler zu vermeiden, sollten wir das nicht in Sprache tun, sondern Bilder verwenden. Warum? Einiges deutet darauf hin, dass sich Wurfvermögen und Sprachfähigkeit beim Frühmenschen parallel entwickelt haben. Beim Werfen und beim Sprechen verwendet der Mensch ähnliche Hirnareale. Wenn wir also Sprache verwenden, ob passiv hörend, oder aktiv in Worten denkend, rauben wir unserem Wurf Ressourcen. Wir beschränken die Rechenkapazität, die unserem Gehirn hierfür zur Verfügung steht [5].

 

Die Frage, was beim Wurf gedacht werden soll, lässt sich also in zwei Schritten beantworten: Sofern die Wurfbewegung wenig Anlass zur Kritik bietet, soll möglichst nichts gedacht werden – das Unterbewusstsein muss das Kommando ausüben. Das gelingt am besten, indem man sich eine Routine erarbeitet, die dann wie von selbst abläuft [6]. Ist die Wurfbewegung hingegen mangelhaft, sollten wir in Bildern denken. Wir stellen uns dann vor, wie wir den Arm besonders gerade nach vorn führen, wie wir im letzten Moment das Handgelenk locker zurückschnappen lassen oder dergleichen mehr. Auch Abstrakteres ist denkbar: So kann man sich die Kugel beim Passieren ihres idealen Scheitelpunktes vorstellen, ein Gedanke, der nicht auf den Körper selbst gerichtet ist, und bereits eine automatisierte Bewegung voraussetzt.

 

Ob im Geringen, also bei einfachen Handgriffen und Tätigkeiten, oder bei komplexen Problemen, stets erweist sich die Trennung von Denken und Handeln als Erfolgreich und vor allem als Kräfteschonend.

"Bevor wir uns entscheiden, sollten wir eine Weile in Ruhe Fakten ansehen und gewichten (der analytische Part), dann aber tunlichst den Kopf freimachen. Währenddessen formt sich jene Einsicht, die sich dann als Bauchgefühl äußert."[7]

 

Thorsten


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Nichts
[2] http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/990155/
[3] http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-09/lockerlassen-steve-ayan-weniger-denken
[4] Freilich ist der Mensch nicht so einfach gestrickt, dass ihm dieses gänzlich gelingen könnte. Er kann      sich dem aber zumindest tendenziell nähern.

[5] http://williamcalvin.com/1980s/1983JTheoretBiol.htm

In diesem Zusammenhang ebenfalls interessant: https://scholar.harvard.edu/ntroach/evolution-throwing

Fast jeder Spieler kennt das unangenehme Gefühl, welches ihn überkommt, wenn er im Kreis einen wichtigen Wurf auszuführen hat, in dessen Hörweite sich zwei Personen angeregt unterhalten. In solchen Situationen ist es mit Händen zu greifen, wie das unwillentliche Zuhören den Wurf seiner Präzision beraubt.

[6] Dieser Gedanke liegt dem Artikel "Rituale" zugrunde. Ebenso ist er das Erfolgsprinzip, das hinter          dem Artikel "Der Wurf als Sequenz" steht.

[7] ww.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-09/lockerlassen-steve-ayan-weniger-denken/seite-4


Bild: Gesehen in Braunschweig